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Karrieresprung: Wendepunkte (2) : Von der Kauffrau zur „Ohranglerin“

  • -Aktualisiert am

Ihr Beruf als Speditionskauffrau war Katharina Ritter zu fremdbestimmt, zu unkreativ. Mittendrin warf sie hin und wurde Geschichtenerzählerin. Was zunächst schien wie brotlose Kunst, reicht heute zum Leben. Sie tourt sogar durchs Ausland. Zweiter Teil unserer Serie über berufliche Neuanfänge.

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          Schwarzes Kleid mit engen, transparenten Ärmeln, schwarze Strümpfe, rote Schnallenpumps mit halbhohen Absätzen, lange schwarze Zöpfe. Vom „Weiberaufstand von Krumbach“ handelt die zweite Geschichte, die Katharina Ritter an diesem Abend erzählt und sie erzählt das historische Drama von weiblichem Widerstand, von Duckmäusertum und mangelnder Solidarität in Bregenzerwälder Mundart, so, wie ihre Großmutter es ihr erzählt hat. So mancher Satz bleibt daher ein Rätsel für die Zuhörer, die sich an diesem Novembersonntagabend in der Münchner Kleinkunstbühne Drehleier eingefunden haben, auch wenn ab und an ironisch „Vokabeln“ wiederholt werden.

          Aber man muss auch nicht jedes Wort verstehen. Die Geschichte verschmilzt mit der Erzählerin, ihrer dunklen Stimme, der gerunzelten Stirn, den hochgezogenen Augenbrauen, den funkelnden Blicken und der Art wie sie dasitzt, den Oberkörper mal weit nach vorne gebeugt, mal entspannt zurückgelehnt, Hände und Arme immer in Bewegung.

          „Ich habe mir den Beruf selbst erfunden“

          Die 47 Jahre alte Wahlmünchnerin ist Geschichtenerzählerin, ein Berufsbild, das selbst mancher Kulturredakteur nicht einzuordnen weiß. „Ich habe mir den Beruf selbst erfunden“, sagt sie denn auch selbstbewusst, wohl wissend um die Kehrseite: „Zum tausendsten Mal schreibt wieder einer: Sie liest.“ Wohin die Reise gehen würde, war der gelernten Einzelhandelskauffrau allerdings nicht klar, als sie 1986 ihren Job bei einer Münchner Messebau-Firma nach vier Jahren kurzerhand kündigte. Sie belegte Workshops in Mime und Körperarbeit, denn „ich wollte etwas Künstlerisches machen. Das andere war mir zu wenig.“ Pantomimin wollte sie werden, ein Wunsch, der sie heute zum Lachen bringt. Sie, die schon als Kind so gerne erzählte, wollte sich tatsächlich selbst den Mund verbieten.

          „Das ist nicht meins“

          Das Ziel rückte denn auch schnell wieder in weite Ferne, als sie „zum Geldverdienen“ halbtags bei einer Filmproduktion andockte. Bei der vereinbarten Arbeitszeit blieb es nicht, ihre Erziehung holte sie wieder ein. „Man sieht die Arbeit selbst“ lautete der Grundsatz für die in einer Handwerkerfamilie im Bregenzer Wald aufgewachsene Erzählpionierin auch heute noch. Und zu tun gab es genug. „Reisen buchen, Termine organisieren, Geräte anmieten, recherchieren und Berichte schreiben, die Filmarbeit hat mich fasziniert. Ich bin voll darin aufgegangen“, erzählt sie.

          Doch trotz „spannender, engagierter“ Dokumentationen und Spielfilme meldeten sich nach einigen Jahren auch hier wieder die bekannten Zweifel: „Das ist nicht meins, ich arbeite wieder nur zu.“ Abermals belegte sie Workshops, nahm sich anfangs einen Tag pro Woche für ihre künstlerische Ausbildung. Die Unzufriedenheit blieb. „Ich wollte nicht nur ein Hobby.“ Die Konsequenz: Sie kündigte wieder, nach zehn Jahren und inzwischen zur Produktionsleiterin aufgestiegen. „Alle haben gesagt: Bist du wahnsinnig, so ein toller Job. Aber ich kann Neues nur schaffen, wenn ich das Alte loslasse“, ist sie überzeugt.

          „Ich habe keine Existenzängste“

          Den Fuß in die Tür brachten erste, kostenlose Auftritte in Kindergruppen. Schmalhans war Küchenmeister in der Anfangszeit, große Sprünge ließen die Ersparnisse nicht zu. Ihr großer Vorteil: „Ich habe keine Existenzängste und ich bin allein und muss für niemand sonst sorgen.“ Dabei diene letzteres oft als Ausrede dafür, dass ersteres überwiegt. „Ich kenne viele, die vor Kreativität strotzen, aber meinen, diesen Schritt nicht gehen zu können, weil sie Kinder haben. Aber es ist nicht schwer. Je mehr man macht, desto mehr kommt auch.“

          Hatte sie anfangs noch viel, viel Zeit, sich neue Geschichten und Programme auszudenken, muss sie sich diese heute dank vollem Terminkalender gezielt wieder freischaufeln. Rund 200 Geschichten hat sie mittlerweile im Repertoire, historische Ereignisse wie die von den Schwabenkindern, mit denen sie an ihren Wurzeln anknüpft ebenso wie klassische Märchen und Sagen. Ihre Lieblingssujets aber sind schräge, skurille Stoffe, handeln etwa von roten Handschuhen, die ihre Finderin zu wahren Höhenflügen und Super-Woman-Leistungen befähigen oder einem süßlichen Kellergeruch, der den Bewohnern des von ihr mitbewohnten Mietshauses in der Münchner Theresienstraße und der herbeigerufenen Feuerwehr zu orgiastischen Freuden verhilft.

          Touren durch Amerika und Kanada

          Was beschaulich klingt, kommt weltweit an. „Der Markt ist riesig“, sagt „Ohranglerin“ Ritter. In Schulen, Museen, auf Hochzeiten, Geburtstagen und Storydinners, auf Festivals, Ausstellungen und Tourneen erzählt sie mittlerweile „eigene und geborgte Geschichten, frei und ganz direkt“. So tourte sie im Auftrag des Goetheinstituts mit „Erzählreisen“ durch die USA und Kanada, unterrichtete am German Language Center in Houston, Texas in „Storytelling“, gestaltet jährlich für die Europäischen Kulturinstitute EUNIC Erzählprojekte im europäischen Ausland mit. In Malaysia erhielt sie 2005 den Golden Delphic Award in der Sektion Storytelling, 2006 folgte der Preis als Beste Deutschsprachige Märchen- und Geschichtenerzählerin.

          „Ganz Grimm“ heißt ihr neuestes Projekt für Erwachsene, das sie zusammen mit zwei Kolleginnen gestaltet. 200 Kinder- und Hausmärchen sollen dabei im Laufe der nächsten vier Jahre „zurück in die Mündlichkeit“ erzählt werden. Marathonprojekte, Hörbücher, Seminare Workshops, Opern begleitend„erzählen“ - das gelernte „man sieht die Arbeit selbst“ trägt weiter. „Noch vor zehn Jahren hätte ich gesagt, ich brauche den Rahmen von außen. Heute stecke ich mir diesen Rahmen selbst“, sagt die Erzählerin. Das gilt auch für ihre Honorare, die sie nach der Prämisse kalkuliert: Es muss mich ernähren. Wie so manche Kollegin für lau zu arbeiten, widerspricht ihrem beruflichen Selbstverständnis. Kein Mann würde sich mit dem Anspruch begnügen, nur zuverdienen zu wollen, während Frauen sich nur allzu leicht und allzu oft aus Gewohnheit oder falscher Bescheidenheit in diese Rolle drängen lassen. „Es fällt mir nicht leicht, für zwei Geschichten scheinbar viel Geld zu verlangen. Für sich selbst einzustehen, lernt man nicht in der Schule.“ Reich werde sie in ihrem Leben wohl dennoch nicht, dafür aber hat sie eine Gewissheit: Die Zeit arbeitet für sie. „Ich habe einen genialen Beruf. Jedes graue Haar macht mich noch glaubwürdiger.“

          Will ich beruflich auch die nächsten Jahre noch das machen, was ich jetzt mache? Viele kennen diese Zweifel. Wir stellen in einer Serie Menschen vor, die sich in der Mitte ihres Karrierewegs um 180 Grad gedreht haben haben. Lesen Sie nächste Woche an dieser Stelle: Zimtzucker statt Zahlen - vom Volkswirt zum Crepesbäcker.

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