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Karrieresprung : Vom Bett an den Schreibtisch

  • -Aktualisiert am

Mit dem Laptop auf der Terrasse, im Schlafanzug am Telefon, Einkäufe erledigen, wenn die Supermärkte leer sind: 17 Prozent der Deutschen würden lieber daheim arbeiten als im Büro. Doch wer im Home Office Erfolg haben will, sollte einige Regeln beachten.

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          Manchmal, wenn er besonders lange am Schreibtisch gesessen und mit niemandem geredet hat, wünscht Peter Esser-Krapp sich ein richtiges Büro. Wo Kollegen vorbei schauen, man sich am Kopierer vom Wochenende erzählt und eine zündende Idee mal eben diskutiert werden kann. Statt dessen sitzt der selbständige Qualitäts-Auditor in seinem Haus in Bahrenfeld, einem Hamburger Wohnviertel. Allein.

          Genau das ist laut einer Forsa-Umfrage der Traum vieler Deutscher: 50 Prozent geben an, gern an einigen Tagen in der Woche zu Hause arbeiten zu wollen, und 17 Prozent würden sogar grundsätzlich lieber daheim arbeiten. Kein Wunder: Langschläfer können hier bis in die Nacht am Schreibtisch sitzen und Frühaufsteher schon am Nachmittag den Laptop zuklappen. „Jeder kann nach seinem persönlichen Biorhythmus arbeiten“, sagt auch Alexander Greisle, 37. Der Unternehmensberater kennt sich mit dem Thema aus: Er berät Firmen nicht nur, wenn sie neue Arbeitskonzepte wie die Heimarbeit umsetzen wollen, sondern arbeitet auch selbst im Home Office. „Hier kann ich ganz in Ruhe und zurückgezogen meine Arbeit erledigen“, sagt er.

          Einsamkeit kommt gar nicht erst auf

          Greisle hat genug Auswärtstermine, Einsamkeit kommt bei ihm gar nicht erst auf. Allerdings sei es wichtig, eine professionelle Umgebung für das Arbeiten zu schaffen: „Von einer Schreibtischecke im Schlafzimmer rate ich dringend ab.“ Peter Esser-Krapp kennt diese Situation: Anfangs hatte er kein eigenes Arbeitszimmer. „Irgendwann wurde immer mehr Wohnraum zu Arbeitsraum umdeklariert und die Wohnzimmer-Regale waren mit Unterlagen belegt.“ Arbeits-und Privatleben lassen sich so kaum trennen. Als Esser-Krapp und seine Frau vor fünf Jahren in das Haus in Bahrenfeld zogen, richtete er sich deshalb ein richtiges Büro ein.

          Wichtig ist vor allem, klare Regeln für ein solches Home Office aufzustellen: Sich vollständig anzuziehen und nicht im Pyjama oder in Jogginghose vor dem Bildschirm zu sitzen. Mit der Familie auszuhandeln, dass man „auf Arbeit ist“, wenn die Bürotür geschlossen ist. Kernarbeitszeiten zu etablieren, so dass Kollegen oder Kunden wissen, wann man erreichbar ist. Kurz: eine Atmosphäre zu schaffen, in der man konzentriert und ohne Ablenkung arbeiten kann. Zur Konzentration trägt auch bei, wenn eine Ecke zum Nachdenken oder Entspannen eingerichtet wird. Und wenn während der Arbeitszeit das Private außen vor bleibt: Surfen auf youtube oder Chatten kann man in Pausen und nach getaner Arbeit. Sich an den Schreibtisch zu setzen sollte auch bedeuten, tatsächlich zu arbeiten.

          Einkaufen, wenn die Supermärkte leer sind

          Wer das beachtet, kann alle Vorteile des Home Office genießen: Heimarbeiter sparen Fahrzeit und Stress im Stau, können auf der Terasse sitzen und Unterlagen lesen, kaufen ein, wenn die Supermärkte leer sind und lassen ganz nebenbei den Handwerker herein, ohne Fehlzeit im Büro. Und ganz entscheidend: „Wer zu Hause arbeitet, kann Familie und Beruf viel besser vereinbaren“, sagt Alexander Greisle.

          Dass es für die Familie aber auch zur Belastung werden kann, wenn der Schreibtisch gleich nebenan steht, davon weiß Peter Esser-Krapp zu erzählen. Ab und zu arbeitet er am Wochenende, und auch nach dem Abendbrot setzt er sich manchmal noch ins Büro. „Da beklagt sich dann meine Frau“, sagt Esser-Krapp. Selbstdisziplin, um mit dem Arbeiten anzufangen, die hat er. Aber nicht immer die, mit dem Arbeiten aufzuhören. „Die Trennung von Arbeitszeit und Freizeit verwischt. Und meine Kunden rufen auch mal außerhalb normaler Bürozeiten an.“

          Immer erreichbar

          Immer erreichbar zu sein - laut Markus Albers ist das der Preis, den man für flexibles Arbeiten zahlt. „Morgen komm ich später rein“, heißt das Buch, das der Journalist kürzlich veröffentlicht hat. Darin geht es nicht so sehr um heimarbeitende Selbständige, sondern vor allem um Festangestellte, die teils zu Hause, teils in der Firma arbeiten. Solche modernen „Telearbeiter“, meint Albers, seien per Laptop und Blackberry immer erreichbar. Mails, Chats und Wikis würden in dieser neuen Arbeitswelt das Anklopfen beim Kollegen und ständige Meetings teilweise ersetzen. So soll sich in den nächsten Jahren die Anzahl der Beschäftigten, die regelmäßig Telearbeit durchführen, etwa verdoppeln. Zahlreiche Firmen haben die innovativen Arbeitskonzepte schon umgesetzt, nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch in Deutschland. Bei der Deutschen Bank etwa kommen demnächst nur noch 40 Prozent der Arbeitnehmer täglich ins Büro. Die Übrigen arbeiten auch von unterwegs und von zu Hause.

          Eine Bevölkerungsgruppe bringt für diese Art des Arbeitens besonders gute Voraussetzungen mit: die derzeitigen Hochschul-Absolventen. Unternehmensberater Alexander Greisle sagt: „Die Studienabgänger gehen ganz selbstverständlich mit Chats, Skype, Wikis und Blogs um. Sie kennen alle Technologien, die man braucht, um zu Hause zu arbeiten. Und sie sind es gewohnt, ortsunabhängig mit anderen zusammen zu arbeiten.“ Tatsächlich, mein Greisle, müsse ein junger Absolvent ja erst einmal resozialisitert werden, wenn er in ein „ganz normales“ Büroleben eintrete. Dass dieses altmodische Büro oft gar nicht mehr notwendig sei, findet auch Greisle: „Früher musste man dorthin, weil da das Papier lag und die Schreibmaschine stand.“ Heute dagegen könne man von überall auf Firmeninformationen zugreifen, die Datenübertragung sei billig und schnell.

          Allerdings weiß Greisle auch: „Viele brauchen das, in ein Büro zu gehen und unter Menschen zu arbeiten.“ Nicht jeder hat die Disziplin, am heimischen Schreibtisch Arbeit zu erledigen, wenn er genau so gut ins Café gehen oder fernsehen könnte. Auch was die Karriere anginge, sagt Greisle, müsse sich ein Heimarbeiter mehr Gedanken machen: „Man sollte gut überlegen, wie man sich ins Team einbringen und wie man Kontakte zu Kollegen aufrecht erhalten kann.“ Sein Tipp: auch mal Bürotage einzulegen. Im Vorhinein sollten alle wichtigen Meetings eingeplant werden. Denn im entscheidenden Moment muss auch der Heimarbeiter präsent sein.

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