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Karrieresprung : Seitensprung erwünscht

  • -Aktualisiert am

Karrieresprung - freitags bei FAZ.NET Bild: F.A.Z. Electronic Media

Karriere: Ein breites Spektrum an Erfahrungen und Kompetenzen ist in vielen Firmen mittlerweile höher angesehen als der geradlinige Weg nach oben.

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          Jürgen Kettlitz wagt gerne mal einen Seitensprung. Rein beruflich, versteht sich. Der 31jährige arbeitet als Sales Manager bei Siemens. Das klingt solide und für einen studierten Betriebswirt angemessen. Nicht so der Weg dorthin.

          Während seine Kommilitonen nach dem Studium die Krawatte umbanden, ging Kettlitz lieber in Turnschuhen zur Arbeit. Der Fußballfan war knapp vier Jahre als Fotoredakteur bei der Zeitschrift Kicker tätig - „ein absoluter Traumjob“. Als „die Luft raus“ war suchte Kettlitz nach einer neuen Herausforderung und heuerte bei Siemens an. Seine Kenntnisse über die Bundesliga-Prominenz nutzen ihm beim Verkauf von IT-Lösungen an Industrie-Kunden zwar nichts. Seine Vorgesetzten erarbeiteten mit ihm jedoch eine Strategie, um das für die neue Aufgabe nötige Know-How schnell und effizient aufzubauen.

          Kaminkarriere ade

          In einer Studie des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation über die Zukunft der Arbeit gehen die befragten Experten davon aus, dass bereits heute die meisten Arbeitnehmer in ihrem Berufsleben unterschiedliche Tätigkeiten ausüben. „Ständiger Wandel ist ein Kennzeichen unserer Arbeitswelt“, so das Resumée. Der Wandel beschreibt nicht nur den Wunsch der Mitarbeiter nach Veränderung. Vielfach gilt er sogar als Voraussetzung für beruflichen Erfolg.

          Denn, so Personalexperten: Das klassische Modell der „Kaminkarriere“, nach dem Nachwuchstalente möglichst rasch und geradlinig die Karriereleiter emporklimmen, hat ausgedient. Das liegt zum einen an den veränderten Strukturen. In flach organisierten Firmen kann nicht jeder fähige Mitarbeiter mit einer Führungsposition belohnt werden. Zudem bringt ein enger beruflicher Fokus häufig Führungskräfte hervor, die vieles um sich herum nicht wahrnehmen. Mangels Kenntnis und Erfahrung fehlt ihnen der Überblick über die gesamte Wertschöpfungskette.

          Gesucht: flexibler Generalist

          In einer vernetzten Wirtschaft aber sind breites Wissen und vielfältige Kompetenzen gefragt. „An die Stelle des Spezialisten tritt der flexible Generalist“, sagt Petra Notz, Mitarbeiterin des Tübinger Forschungsinstituts für Arbeit, Technik und Kultur. Karriere ist folglich als Kompetenzentwicklung zu verstehen: Der Mitarbeiter erwirbt über sein Fachgebiet hinaus zusätzliche Qualifikation und steigert damit seinen persönlichen Wert. Personalexperten sprechen von einer „Kompetenzkarriere“.

          Amerikanische Unternehmen fördern das Generalistentum durch die „Job Rotation“. Veränderungswillige Mitarbeiter erhalten die Möglichkeit, ihre Position gegen eine neue Herausforderung einzutauschen. Der Buchhalter bildet sich zum IT-Projektleiter weiter, der PR-Profi wechselt in den Vertrieb - anything goes.

          Allmählich setzt sich das Prinzip auch hierzulande durch. Bei Lufthansa, VW, Audi oder Siemens ist der organisierte Stellenwechsel bereits fester Bestandteil der Personalpolitik. Schließlich handelt es sich dabei um ein praktikables Instrument, Potenzialträger zu binden. In guten Zeiten, indem man den gewünschten Blick über den Tellerrand gewährt. In schlechten Zeiten, um Mitarbeitern, deren Arbeitsplatz infolge von Einsparungen auf dem Spiel steht, eine attraktive Alternative anzubieten.

          Manager müssen umdenken

          Beim Mitarbeiter erfordert der Wechsel freilich den Willen und die Fähigkeit, sich mit dem Neuen auseinander zu setzen. Umdenken müssen insbesondere etablierte Führungskräfte, weiß die Tübinger Forscherin Petra Notz. Deren Verständnis von Karriere gründe vielfach noch auf der Vorstellung: Erweise dich deinem Arbeitgeber gegenüber als loyal und leistungsbereit und du wirst mit beruflichem Aufstieg belohnt.

          Heute aber gilt: Wer ins obere Management will, muss in manchen Konzernen sogar rotieren. Bei VW etwa fünf Mal, am besten quer durch die verschiedenen Geschäftsbereiche. Freilich nicht innerhalb kürzester Zeit. Mindestens drei Jahre sollte der Mitarbeiter eine Funktion ausfüllen, fordern Personalexperten. Notorische Jobhopper hätten keine Zeit, sich umfassend in die neue Aufgabe einzuarbeiten und könnten folglich keine vernünftigen Ergebnisse erzielen. Und: Damit der Mitarbeiter und nicht zuletzt auch das Unternehmen von der Job Rotation profitiert, sollten sich die einzelnen beruflichen Stationen nach Möglichkeit sinnvoll ergänzen.

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