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Karrieresprung : Problem Chef - ein Chefproblem?

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In deutschen Unternehmen sind Probleme mit dem Chef verbreitet. Kritik funktioniert häufig nur von oben nach unten. Das Hauptproblem der Chefs ist, daß sie nur gefilterte Rückmeldungen bekommen und so der Realitätssinn leidet. Mitarbeiter müssen sehen, wie sie damit umgehen.

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          In Absprache mit ihrer Chefin hatte Sandra M. den Termin für den Pharmavertreter auf acht Uhr dreißig gelegt. Aber das war gestern, heute gilt eine andere Wahrheit. Die Praxis ist wider Erwarten voll. Wütend herrscht die Kinderärztin sie ob ihrer „Eigenmächtigkeit“ und „Unfähigkeit“ an. Aufklärung zwecklos, Sandra M. schluckt und schweigt. Für den Rest des Tages herrscht - wie so oft in letzter Zeit - dicke Luft im gesamten Team. Am Abend schließlich entlädt sich Sandras Ärger ... am Falschen.

          Chefs sind die wichtigsten Bezugspersonen

          Emotionen sind ansteckend, vor allem wenn der Vorgesetzte sie transportiert. Steigt er auf den „Affenbaum“, ist Schluß mit lustig nicht nur beim „Opfer“ selbst, sondern bei der gesamten Belegschaft.

          In deutschen Unternehmen ist das Chef-Problem weit verbreitet. So klagen nach einer Studie der Unternehmens- und Personalberatung Geva-Institut 88 Prozent über Schwierigkeiten mit ihrem Vorgesetzten. Bei jedem Fünften schlug das Problem gar in Hass um. Eine übertriebene Reaktion? Vielleicht. Aber Arbeitnehmer hängen stärker am Chef-Beziehungstropf als bislang vermutet, so das Ergebnis einer jüngst veröffentlichten Studie des Verhaltensforschers Brad Gilbreath von der Indiana University, Fort Wayne.

          Mehr als die Hälfte der rund 1.000 von ihm befragten Probanden aus allen Berufssparten gab an, von den schlechten Stimmungen des Chefs auch privat negativ beeinflußt zu werden. Auch ein gutes Verhältnis zu den Kollegen kann diese „getrübte Atmosphäre“ nicht kompensieren. Das Fazit des amerikanischen Forschers: „Unsere Chefs sind die wichtigsten Bezugspersonen in unserem professionellem und auch in unserem Privatleben.“

          „Die sollen das alleine machen“

          Problem Chef - ein Chefproblem? Ein Führungsproblem ist es allemal, im doppelten Wortsinn. „Chefs sind meist ungelernte Führungskräfte. Keiner hat ihnen beigebracht, wie man Menschen führt,“ meint Kommunikationstrainer und Buchautor Martin Wehrle. Im schlimmsten Fall tauchen sie ab, weigern sich schlicht zu führen, nach dem Motto: „Die sollen das alleine machen.“

          So zeigen Untersuchungen, daß die Mitarbeiter viel mehr Schwierigkeiten mit den Vorgesetzten haben, die ihre Chefrolle nicht übernehmen, als mit denen, die bisweilen autoritär auf den Tisch klopfen. „Wenn einer knallhart sagt, was er will, kann ich mich darüber ärgern. Aber ein Chef der seine Mitarbeiter alleine läßt, produziert Unsicherheit und Angst“, erklärt Managementcoach Stefan Blankertz.

          Kritik nach den Gesetzen der Schwerkraft

          Welches Gefühl auch immer produziert wird, ausagiert wird es allemal. Das Lästern über den Chaoten, den Pedanten, den kleinen Tyrannen, den arrogant-distanzierten Besserwisser oder den kreativen Chaoten, der täglich ein Feuerwerk aus längst erledigten Arbeitsaufträgen entzündet, bietet dem durchschnittlichen Mitarbeiter Gesprächsstoff für rund vier Stunden wöchentlich, so eine Studie. Denn eine direkte Auseinandersetzung blocken viele Vorgesetzte ab, Mitarbeiter scheuen sie - aus gutem Grund - wie der Teufel das Weihwasser.

          Kritik funktioniert in vielen Unternehmen nur nach den Gesetzen der Schwerkraft: Von oben nach unten, und damit dreht sich das Problem im Kreis. „Das Hauptproblem der Chefs ist, daß sie nur gefilterte Rückmeldungen bekommen. Und weil ihnen die kritische Rückmeldung fehlt, schwindet ihr Realitätssinn und wächst die Selbstüberschätzung,“ analysiert Sozialwissenschaftler Blankertz.

          Raus aus der Opferrolle

          Doch Mitarbeiter haben es durchaus in der Hand, wieder für ein konstruktiveres Miteinander zu sorgen. Der Weg dahin führt in der Regel über einen radikalen Kurswechsel, der da heißt: Raus aus der Opferrolle. „Wenn ich ein Problem auf den anderen schiebe, gibt es keine Handlungsmöglichkeit mehr“, stellt Blankertz klar. Hilfreich sei die banale Erkenntnis: Auch der Chef ist nur ein Mensch, mit Stärken und Schwächen, mit Blockaden und Ängsten.

          Schritt Nummer zwei: Man muß ihn verstehen und mit seinen Unzulänglichkeiten umgehen lernen. Denn ändern wird man seinen Chef in den seltensten Fällen. Ein Beispiel: Ist der Vorgesetzte wie das HB-Männchen wieder einmal an der Decke, sollte man ihn sich erst einmal wieder beruhigen lassen, statt mit emotionalen oder kalt-sachlichen Argumenten weiter Öl ins Feuer zu gießen.

          Recht auf gute Führung

          „Viele Menschen glauben, eine sachliche Entgegnung hole den Konfliktpartner auf den Teppich. Sie vergessen aber, daß jemand der aufgebracht ist, erst einmal in seiner Emotionalität verstanden werden will, bevor er wieder für sachliche Argumente zugänglich ist“, erläutert Blankertz. Doch auch im Anschluß seien Vorwürfe wenig Ziel führend. Konstruktiver sei es klarzumachen, daß man mit diesem Verhalten schwer umgehen könne. „Dann zeige ich ihm, wie es in mir aussieht. Man muß von der Kritik zum Wunsch gelangen“, betont Wehrle.

          Mitarbeiter haben ein Recht auf gute Führung. Die Diagnose „Problem Chef“ greift dennoch manches Mal zu kurz, auch er steckt in der Beziehungsfalle. „Man kann einen Chef nicht 'an sich' betrachten, sondern immer nur im Zusammenspiel mit dem Verhalten seiner Mitarbeiter“, ist Blankertz überzeugt. „Das ist wie bei einer chemischen Reaktion, bei der ich zwei Reagenzien mische. Was dabei herauskommt, hängt von den Eigenschaften beider ab“, sagt auch Wehrle. Sein Rat: Wie groß der eigene Anteil am Problem sei, lasse sich oftmals mit der Frage herausfinden, ob alle Kollegen die gleichen Schwierigkeiten mit dem Chef haben.

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          Unser Autor: Oliver Georgi

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