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Karrieresprung : Präventiv gegen das Ausbrennen

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Unternehmen müssen die Gesundheit ihrer Mitarbeiter sichern - auf daß sie dauerhaft leistungsfähig bleiben können, fordern Experten. Einige Firmen betreiben bereits ein systematisches Gesundheitsmanagement.

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          Definiert man Gesundheit als Abwesenheit von Krankheit, steht in deutschen Unternehmen alles bestens: Die Zahl der Arbeitsunfälle sinkt beständig. Die Fehlzeitenstatistik der AOK erreichte 2003 einen neuen Tiefstand.

          Sie zeigt aber auch, daß der Anteil psychisch bedingter Absenzen in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen hat. Wettbewerbsdruck, Angst vor Arbeitslosigkeit sowie eine zunehmende Flexibilisierung und Eigenverantwortlichkeit dürften Gründe sein. Einer europäischen Studie zufolge klagt knapp die Hälfte der Beschäftigten über Streß und allgemeine Erschöpfung. Nicht die besten Voraussetzungen, um dauerhaft leistungsfähig zu bleiben - was aber zumindest für Fachleute angesichts der demographischen Entwicklung notwendig sein wird.

          Unternehmen sind deshalb gefordert, mehr Verantwortung für das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter zu übernehmen, resümiert eine von der Bertelsmann Stiftung und der Hans-Böckler-Stiftung gebildete Expertenkommission in ihrem kürzlich veröffentlichten Abschlußbericht. Im Sinne ihrer eigenen Innovationskraft, aber auch zur Entlastung der Sozialkassen müßten sie ein aktives Gesundheitsmanagement betreiben, mit Priorität auf präventiven Maßnahmen.

          Entspannung üben

          Einige Unternehmen sind bereits aktiv. Die Bausparkasse Schwäbisch Hall etwa etablierte Mitte der 90er Jahre ein Gesundheitskonzept, das neben ergonomischen Möbeln, Vorsorge-Untersuchungen und Gesundheitstagen auch ein Work-Life-Balance-Programm umfaßt. Kostenfrei und teilweise während der Arbeitszeit können die Mitarbeiter Meditationskurse besuchen oder Entspannungstechniken üben. Wen ein privates Problem aus dem Gleichgewicht bringt, erhält auf Wunsch ein externes Coaching.

          Mitarbeiter des Otto-Versands können bei psychischen oder sozialen Problemen die hauseigene Sozialberatung aufsuchen. Die medizinische Prävention beinhaltet Maßnahmen wie Grippeschutz-Impfung, Schildrüsen-Screening oder eine Darmkrebsfrüherkennung. Seine Erfahrungen tauscht Otto mit Firmen wie Bertelsmann, Volkswagen, Unilever oder Siemens in dem 2000 gegründeten Netzwerk „Unternehmen für Gesundheit“ aus.

          Eine der größten Präventionsmaßnahmen der deutschen Industrie hat Ford 2003 gestartet. Gemeinsam mit Krankenkassen und Pharmafirmen bietet der Automobilkonzern seinen Mitarbeitern einen kostenlosen Herz-Kreislauf-Check. Risikopatienten werden anschließend zehn Jahre lang individuell betreut. Rund 5.000 Mitarbeiter am Standort Köln haben bereits teilgenommen.

          Ein anderes Programm fördert die Wiedereingliederung von Mitarbeitern, die alters- oder krankheitsbedingt ihren bisherigen Job nicht mehr ausüben können. In Zusammenarbeit mit der Deutschen Sporthochschule Köln erstellt Ford ein persönliches Fähigkeitsprofil, gleicht es mit den Jobprofilen im Konzern ab und integriert leistungsgeminderte Mitarbeiter so weit als möglich wieder in den Produktionsprozeß.

          Organisatorischer Rahmen, klare Ziele

          Auf Herz und Nieren untersuchen lassen wird sich freilich nur, wer nicht fürchten muß, daß die Ergebnisse anschließend gegen ihn verwendet werden. Das setzt eine Vertrauenskultur voraus. Die Gewerkschaften begrüßen die Gesundheits-Aktivitäten der Unternehmen nur bedingt. „Abzulehnen sind sie, wenn sie mit einem Fehlzeitenmanagement verknüpft sind“, sagt Eva Zinke vom Ressort Arbeits- und Gesundheitsschutz der IG Metall.

          Die Handlungsfelder zur Gesundheitsförderung sind vielfältig. Einzelmaßnahmen finden sich vielerorts. Zumal das Arbeitsschutzgesetz bereits seit 1996 vorbeugende Maßnahmen in Bezug auf Sicherheit, Ergonomie und psychische Belastungen fordert. Eine systematische Gesundheitspolitik aber braucht einen organisatorischen Rahmen und klare Ziele. Maßnahmen müssen aufeinander abgestimmt und konsequent umgesetzt werden. „Eine Rückenschule bei ergonomisch bedenklichen Möbeln macht wenig Sinn“, sagt Martin Krüger, Geschäftsführer der Hamburger Beratung ifis.

          „Keine soziale Tat“

          Wer es ernst mit dem Thema meint, darf auch sensible Fragen der Betriebsorganisation nicht scheuen. Denn: „Zum Wohlbefinden der Mitarbeiter trägt auch der Führungsstil entscheidend bei“, weiß Reinhard Lückheide, Projektleiter Gesundheitsmanagement bei Schwäbisch Hall. Der monetäre Nutzen präventiver Gesundheitsförderung läßt sich schwer beziffern.

          Für Lückheide ist klar: „Wer ein Problem hat, konzentriert sich nicht auf seine Arbeit. Um eine soziale Tat handelt es sich also keineswegs.“ Ford rechnet grob mit einer Reduzierung der Krankentage um 15 Prozent und Einsparungen in Höhe von rund 1,6 Millionen Euro jährlich. Einer knallharten Kosten-Nutzen-Analyse werden die Aktivitäten bislang nicht unterzogen. „Das Thema hat Tradition im Konzern“, sagt Bernd Kämmerer, Leiter des Gesundheitsdienstes.

          Eine gewisse Wertschätzung der Mitarbeiter müsse im Unternehmen schon vorhanden sein, darin sind sich Experten einig. Dann überzeuge auch die Argumentation: Gesunde Mitarbeiter sind zufrieden und motiviert - und sorgen für zufriedene Kunden.

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