https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/karrieresprung-praedikat-familienfreundlich-149625.html

Karrieresprung : Prädikat: Familienfreundlich

  • -Aktualisiert am

Karrieresprung - bei FAZ.NET Bild:

Jahrelange Ausbildung, erste berufliche Erfolge, dann ein Kind - und Schluss? Um das zu ändern, bieten viele Unter-nehmen flexible Arbeitsmodelle.

          2 Min.

          In Deutschland sind knapp 63 Prozent aller Mütter erwerbstätig. Kinder und Beruf lassen sich offenbar unter einen Hut bringen. Allerdings: In den ersten drei Jahren nach der Geburt arbeitet weniger als die Hälfte der Frauen. Erst allmählich kehren sie zurück in den Job. Viele junge Mütter, die gegenwärtig nicht arbeiten, würden es gerne tun, ergab eine Umfrage des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

          Der Wunsch scheitert meist an der Kinderbetreuung. Ein Platz im Kindergarten lässt sich noch finden. Heikler sind die Jahre davor und danach, insbesondere in den alten Bundesländern. Dort ist lediglich für drei Prozent der Kleinkinder ein Krippenplatz vorhanden. Doppelt so viele Grundschüler können einen Hort besuchen. Ein ausreichendes Angebot an ganztägiger Kinderbetreuung ist in Deutschland gegenwärtig nicht gegeben, konstatiert das Familienministerium.

          Wiedereinstieg leicht gemacht

          Das klingt ernüchternd, insbesondere für qualifizierte Frauen, die jahrelang in ihre Aus- und Fortbildung investiert haben. Die gute Nachricht: Die Unternehmen erkennen, dass sie auf ihr weibliches Potenzial nicht ohne weiteres verzichten können. Mit diversen Maßnahmen wollen sie eine rasche und familiengerechte Rückkehr ins Berufsleben ermöglichen.

          So lädt die Commerzbank ihre Mitarbeiterinnen neun Monate nach der Geburt zu einem Gespräch. Dabei wird geklärt, wann und in welcher Form sie wieder einsteigen möchten. Bei DaimlerChrysler halten die Mitarbeiter während der Elternzeit engen Kontakt zur Führungskraft. Diese bietet ihnen Schulungen an sowie Projekte, die sie vertretungsweise übernehmen können.

          Teilzeit und Telearbeit

          Nach der Babypause bevorzugen die meisten Frauen zunächst eine Teilzeit-Stelle, so die IAB-Studie. Flexible Arbeitszeitmodelle gelten demnach als Kernstück einer familiengerechten Firmenpolitik. Das Angebot der Commerzbank reicht von wenigen Stunden pro Woche bis zum Job-Sharing. Rund 15 Prozent der Mitarbeiter, vorwiegend weibliche, nutzen es. Teilzeit-Modelle jeglicher Couleur bieten auch Lufthansa, HypoVereinsbank oder die Continentale Versicherung.

          Letztere gewährt es ihren Mitarbeitern sogar, mittags die schulpflichtigen Kinder zu versorgen und später am Nachmittag weiterzuarbeiten. Bei Krankheit des Kindes oder in den Schulferien können sie ganz von zuhause aus arbeiten. Die Einrichtung von Telearbeitsplätzen wurde bei der Continentale in einer Betriebsvereinbarung festgeschrieben. In vielen anderen Firmen steht die Flexibilisierung des Arbeitsortes derzeit ganz oben auf der Prioritätenliste, zahlreiche Modellversuche laufen.

          Für die Kinderbetreuung sorgen einige Firmen im eigenen Betriebskindergarten - so der Kosmetik-Konzern Beiersdorf oder das Textilunternehmen Rösch. Der Mittelständler beweist, dass familienfreundliches Engagement keine Frage der Betriebsgröße ist. Und auch keine soziale Tat. Den Kosten für entsprechende Maßnahmen steht ein klarer Nutzen gegenüber. Sie binden wertvolle Mitarbeiter an das Unternehmen, steigern die Produktivität und reduzieren Fehlzeiten, so Experten.

          Preis für Familienfreundlichkeit

          Nicht zuletzt geht es auch um das Image - und das wird im Kampf um Kunden und Köpfe immer wichtiger. Das Bundesfamilienministerium zeichnet regelmäßig Firmen aus, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf vorbildhaft fördern. Denselben Fokus hat das „Audit Beruf & Familie“ der gemeinnützigen Hertie-Stiftung. Rund 60 Unternehmen haben sich ihren Familiensinn bereits zertifizieren lassen, darunter Rösch und die Commerzbank, aber auch Start-ups wie Switch Biotech.

          Die Vereinbarkeit von Beruf und Kindern ist kein Frauenthema. Auch die Väter sind gefordert. Für den gesetzlichen Rahmen sorgt die 2001 reformierte Elternzeit, nach der nun beide Partner bis zu 30 Stunden wöchentlich arbeiten können. Begleitend warb das Ministerium mit einer Kampagne für eine „Väterzeit“. Derzeit legen gerade mal zwei Prozent der Männer ihren Job auf Eis, um den Nachwuchs zu versorgen, so eine Analyse des IAB. Hauptgrund: Der befürchtete Einkommensverlust, gefolgt von dem Argument, dass eine Unterbrechung in ihrem Beruf „wirklich nicht möglich“ sei.

          Für Angestellte von DaimlerChrysler gilt diese Ausrede nicht mehr: Die neue Betriebsvereinbarung zur Familienzeit richtet sich ausdrücklich auch an Männer.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die unangenehmsten Fragen kamen aus den eigenen Reihen: Boris Johnson am Mittwoch bei einer Befragung im Unterhaus

          Britische Regierungskrise : Johnson blickt in den Abgrund

          Nach den Ministerrücktritten bröckelt die Unterstützung für Boris Johnson. Einen Minister entlässt der Premier. Noch während sich Johnson im Unterhaus kämpferisch gibt, macht sich eine Delegation in die Downing Street, um ihm den Rücktritt nahezulegen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.