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Karrieresprung : Plötzlich Privatmensch

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Nicht wahrhaben wollen, Wut, Frustration - wer gekündigt wird, erlebt ein Trennungstrauma, ähnlich wie beim Verlust eines nahestehenden Menschen. Wenn der Schock überwunden ist, kann die Neuorientierung beginnen.

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          Jahrelang hatte der Wecker morgens um sieben geklingelt. Dann war es plötzlich einerlei, ob Katja B. pünktlich das Haus verließ oder nicht - kein Chef erwartete sie mehr. Die Tage verbrachte die Architektin meist zuhause, studierte Stellenanzeigen, schrieb Bewerbungen oder zappte durch Talkshows, deren abgründige Existenz ihr bis dato nicht bekannt war.

          Nachmittags im Café Zeitung lesen, wovon sie als Angestellte manchmal geträumt hatte, verkniff sie sich. „Aus schlechtem Gewissen“, so die junge Frau. Traf sie Freunde, fiel ihr auf, wie häufig vom täglichen Streß, dem bornierten Chef oder der tollen Fortbildung - kurz: vom Job - die Rede war. Gleiches galt, wenn sie auf einem Fest neue Leute kennenlernte. „Und was machst du so?“ schien ein unvermeidlicher Gesprächseinstieg.

          Wir leben in einer Gesellschaft, die den Berufsmenschen zum Helden stilisiert, kritisieren Axel Braig und Ulrich Renz in ihrem Buch Die Kunst, weniger zu arbeiten: „Erst die Lohnsteuerkarte weist uns als nützliches Mitglied der Gesellschaft aus. Wichtig ist die Arbeit, die man hat, nicht die, die man tut.“ Knapp fünf Millionen Arbeitslose hin oder her: Die Unbeholfenheit, mit der Kollegen, Nachbarn und Freunde dem Gekündigten gegenüber treten, scheint dies zu bestätigen. So mancher verliert mit dem Job nicht nur einen Halt gebenden Rahmen, sondern gar seinen Lebensinhalt.

          Zum hinnehmen gezwungen

          Etwas hinnehmen müssen, ohne sich wehren zu können, ist ein krisenhaftes Erlebnis. Wie die erste Reaktion ausfällt, ist Typsache, weiß der Outplacement-Berater Laurenz Andrzejewski: Die einen nehmen es scheinbar ruhig und gelassen auf, andere reagieren geschockt. Manche attackieren wutschnaubend den Personaler, während wieder andere versuchen, über die Rahmenbedingungen der Kündigung zu verhandeln.

          Der innere Konflikt, den Gekündigte anschließend durchlaufen, folgt hingegen einem bestimmten Muster. Das zeigen sozialpsychologische Studien. Zu Beginn erlebt der Betroffene ein Trennungs-Trauma, ähnlich wie beim Verlust eines geliebten Menschen: Häufig beginnt es mit einem Nicht-Wahrhaben-Wollen der Situation, gefolgt von Wut, Existenzangst und Frustration. Die einzelnen Phasen können dabei unterschiedlich lang andauern. Die damit verbundenen medizinischen Symptome ähneln denen eines Schocks und reichen von erhöhten Adrenalin- und Blutdruckwerten über Durchfall und Migräne bis schlimmstenfalls hin zum Magengeschwür.

          Trennungs-Trauma überwinden - Auch Wut ist wichtig

          Insbesondere bei einer Kündigung aus heiterem Himmel kann sich der erlebte Kontrollverlust kritisch auf das Selbstwertgefühl auswirken. Die eigenen Kompetenzen werden in Frage gestellt, gleichzeitig entwickeln viele Betroffene nach außen hin Aggressionen. Beides ist wichtig, sagt Mahena Stief, Psychologin und Karriereberaterin im Münchener Büro für Berufsstrategie: „Reflexion verhilft zu einem realistischen Selbstbild, Wut bringt Energie. Wer das nicht zuläßt, vertut eine Chance.“

          Erst wenn der Schock überwunden und die neue Situation akzeptiert ist, kann die Neuorientierung beginnen. Stief rät zu einem strukturierten Vorgehen: „Am besten, man erstellt einen Projektplan für die Jobsuche und richtet sich einen festen Arbeitsplatz zuhause ein.“ Wichtig für die Motivation sei, auch kleine Schritte als Erfolg wahrzunehmen und sich dafür zu belohnen: beispielsweise für die fertiggestellte Bewerbungsmappe oder das erste Vorstellungsgespräch.

          Soziale Kontakte pflegen

          Keinesfalls solle sich der Arbeitslose aus dem sozialen Leben zurückziehen, warnt die Psychologin. Auch wenn der Kneipenbesuch plötzlich zu teuer und der übliche Party-Smalltalk ermüdend erscheint. „Statt essen zu gehen, kann man auch Freunde einladen“, so Stief. Diese solle man ruhig in die Pflicht nehmen: „Etwa indem man sie bittet, gemeinsam und ehrlich die eigenen Stärken und Schwächen zu reflektieren.“ Wer mit Vertrauten Tacheles reden kann, müsse entfernten Bekannten oder Fremden gegenüber die eigene Arbeitslosigkeit nicht problematisieren.

          Die Psychologin rät, möglichst offen und positiv von einer „Neuorientierung“ zu sprechen, ohne allzu tief einzusteigen. „Das Ende einer Beziehung würde man auf einer Party ja auch nicht breit erörtern.“ Auch wenn es leichter klingt als getan ist: „Wichtig ist, die Krise als Chance für die persönliche Entwicklung zu nutzen“, so Stief.

          Katja B. tat genau das und erfüllte sich einen lang gehegten Traum. Unmittelbar, nachdem sie ihren Job verloren hatte, packte sie - trotz aller Unsicherheit - ihren Rucksack und ihr Erspartes und reiste drei Monate durch Asien. Danach war sie gerüstet für eine Bewerbungsoffensive.

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          Unser Autor: Martin Benninghoff

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