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Karrieresprung : Per Auszeit durch die Flaute

  • -Aktualisiert am

Ein Sabbatical in der Wirtschaftsflaute? Personalverantwortliche halten das zunehmend für eine gute Idee.

          3 Min.

          In der Wirtschaftsflaute denken viele Arbeitnehmer vor allem an eins: Wie zeige ich meinem Arbeitgeber, dass ich unentbehrlich bin. Der Krankenstand dümpelt um Tiefstände - sicheres Zeichen, dass die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes grassiert. Ausgerechnet jetzt eine Auszeit einzuschieben, erscheint da wohl vielen wie ein schlechter Witz.

          Rainer Niermeyer hält es hingegen für eine gute Idee. Beim Beratungsunternehmen Kienbaum & Partners ist er als Mitglied der Geschäftsleitung zuständig für den Bereich Human Resources und überzeugt: „Wegen der hohen Belastungen am Arbeitsplatz stoßen viele Arbeitnehmer zur Zeit an ihre Grenzen.“ Um die Balance zwischen Privatleben und Job wieder herzustellen, sei ein Sabbatical gerade in Zeiten wie diesen richtig.

          Auch aus Sicht der Unternehmen spreche viel dafür, Mitarbeitern in flauen Zeiten Sabbaticals anzubieten, meint Niermeyer. „Unternehmen können so gerade die guten Mitarbeiter halten.“ Die, die schnell neu unterkommen. Ziehe die Auftragslage wieder an, bekämen viele Unternehmen sonst Schwierigkeiten, die Gefeuerten zu ersetzen.

          Krisenbedingte Sabbaticals

          Entlassungen kosten häufig weit mehr, als sie bringen. Das dämmert den Personalverantwortlichen allmählich. Die Kosten für eine spätere Wiederbesetzung eingerechnet, veranschlagt Betriebswirtschafts-Professor Winfried Hamel von der Universität Düsseldorf etwa anderthalb Jahresgehälter. Nicht eingerechnet die Kosten für Imageschäden, Verlust von Know-how und durch die Verunsicherung abnehmende Innovations- und Produktivkraft.

          Als eines der ersten Unternehmen in Deutschland hat Accenture Sabbaticals als kurzfristiges personalwirtschaftliches Instrument entdeckt. Im vergangenen Jahr bot der Beratungskonzern 120 neu eingestellten Mitarbeitern an, gegen ein Überbrückungsgeld ein halbes Jahr später einzusteigen. Weitere 300 Mitarbeiter nahmen ebenfalls eine Auszeit. So konnte Accenture die mühsam rekrutierten Mitarbeiter halten.

          Auch andere Unternehmen versuchen so in flauen Zeiten Arbeitsplätze zu erhalten, etwa Siemens. Bei Arbeitszeitmodellen wie Sabbaticals gehört der Konzern seit Jahren zu den Vorreitern. Nun bietet Siemens den Mitarbeitern in zwei Geschäftsbereichen auch krisenbedingte Auszeiten an. Bleiben die Mitarbeiter drei Monate fern, bekommen sie in dieser Zeit 50 Prozent vom Bruttogehalt und bei sechs Monaten Auszeit 40 Prozent. Sonst bleibt alles beim alten.

          „Für die Mitarbeiter ist die Vereinbarung natürlich freiwillig“, betont Heiko Brock-Bartold, bei der Zentralen Personalabteilung der Siemens AG zuständig für Teilzeitmodelle. Eine solche Auszeit sei dann zum nächsten Ersten möglich. Zur Zeit pausieren in den beiden Geschäftsbereichen mehr als 100 Mitarbeiter.

          Mitarbeiter baden Fehlplanungen aus

          Von solchen krisenbedingten Adhoc-Sabbaticals hält Arbeitszeitforscherin Gabi Schilling vom Institut für Arbeit und Technik (IAT) in Gelsenkirchen wenig. „Die wenigsten Mitarbeiter sind so flexibel, kurzfristig eine monatelange Auszeit zu nehmen und sie auch sinnvoll zu nutzen“, weiß sie. Selbst wer unabhängig von Familie oder Partner planen könne, müsse ein Sabbatical sorgfältig vorbereiten. „Und das“, meint Schilling, „steht wiederum dem Wunsch der Unternehmen entgegen, mit Sabbaticals flexibler reagieren zu können.“

          Wer ohnehin mit dem Gedanken an ein Sabbatical spiele, könne bei einem krisenbedingten Angebot ruhig zuschlagen, rät sie. Die Flaute könne auch eine gute Gelegenheit für ein geplantes Sabbatical sein. Nur die Rückkehrfrage ins Unternehmen müsse geklärt sein und das nötige Geld vorhanden. Immerhin muss der Arbeitnehmer das Sabbatical vorfinanzieren. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten.

          Für ideal hält Schilling es, vor der Auszeit auf einen Teil des Gehalts zu verzichten und so anzusparen. Von einem Sabbatical als unbezahltem Urlaub rät sie dagegen ab. Bedenklich findet sie es, per Sabbatical Berge von Überstunden abzutragen. Die seien meist ein Zeichen, dass schlicht zu wenig Mitarbeiter vorhanden sind. Ihr Urteil: „Mitarbeiter baden dann die Fehlplanungen der Unternehmen aus: Zu wenig Mitarbeiter und zu knapp bemessene Fristen für Projekte.“

          Den Akku Psyche zukunftsorientiert aufladen

          Werde Burn-out oder Überlastung als Grund für ein Sabbatical angeführt, müsse sie unwillkürlich an eine Kur denken, erklärt Schilling. Dem schließt sich Renate Ibelgaufts von der Personal- und Managementberatung Dr. Heimeier + Partner an. Wegen schwerer Erschöpfungszustände ein Sabbatical nehmen zu wollen, hält sie zwar für legitim. Man benötige aber „dann mindestens die Hälfte der Zeit, um sich körperlich zu regenerieren“, gibt sie in einem Artikel zu bedenken. „Erst dann kann man den Akku Psyche zukunftsorientiert wieder aufladen.“ Und genau das hält auch sie für den eigentlichen Zweck der Auszeit.

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