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Karrieresprung : Neustart in Singapur

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Wie lebt es sich in der globalisierten Arbeitswelt, als weibliche Führungskraft mit Kleinkind? In Singapur geht das gut zusammen - dank einer Familien- und Sozialpolitik, die Mütter gar nicht auf die Idee kommen läßt, beruflich kürzer zu treten. Dritter Teil unserer Serie über berufliche Neuanfänge im Ausland.

          Sie sind jung, gut ausgebildet und haben im fernen Ausland einen Neustart gewagt: Auf FAZ.NET berichten globale Arbeitnehmer über ihre Erfahrungen. Heute: Wie bringt eine weibliche Führungskraft in Singapur Kind und Karriere auf einen Nenner?

          Margit Kunz (36) arbeitete mehrere Jahre für eine regionale IHK, absolvierte anschließend ein Managementprogramm des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) und ging gemeinsam mit ihrem Mann vor knapp vier Jahren in den südostasiatischen Stadtstaat. Dort baute sie die Auslandshandelskammer Singapur mit auf, deren stellvertretende Geschäftsführerin sie mittlerweile ist. Dazwischen - genauer: im November 2006 - kam ihre Tochter Sophie zur Welt.

          Margit Kunz, Singapur

          „In Singapur sind fast alle Mütter berufstätig. Zum einen ist das Leben hier relativ teuer. Zum anderen bietet der Staat nur sehr eingeschränkte Sozialleistungen: Eine Arbeitslosenversicherung gibt es nicht. Der gesetzliche Mutterschutz gilt nur für drei Monate. Wer länger zu Hause bleiben will, muß das mit seinem Arbeitgeber individuell verhandeln. Viele Familien stehen somit gar nicht vor der Wahl, auf ein Gehalt zu verzichten. Die Diskussion dreht sich entsprechend nicht um die Frage, ob Mütter arbeiten sollen, sondern wie man ihnen ein Zusammenspiel von Beruf und Familie erleichtern kann. Singapur widmet sich diesem Thema bereits seit Jahrzehnten und deutlich intensiver als andere Länder. Aus diesem Grund gibt es hier auch viele Mütter in Führungspositionen.

          Die Betreuung der Kinder lösen Familien häufig über eine Haushaltshilfe aus umliegenden Ländern wie den Philippinen, Indonesien oder Thailand. Die „Maid“ wohnt im Haus, ist für den gesamten Haushalt zuständig und finanziell sehr erschwinglich. Und, ganz wichtig angesichts von Arbeitszeiten, die im Durchschnitt bei 42 bis 44 Wochenstunden, oft aber auch deutlich darüber liegen: Sie verschafft berufstätigen Eltern eine gewiße Flexibilität. Häufig leben auch die Großeltern bei den Familien oder zumindest in der Nähe und helfen bei der Kinderbetreuung. Der familiäre Zusammenhalt in der asiatischen Kultur ist groß.

          Krippe mit flexiblen Betreuungszeiten

          Wir haben unsere Tochter in einem der zahlreichen privaten Infant Care Center untergebracht. Dort werden insgesamt 13 Kinder zwischen zwei Monaten und drei Jahren betreut. Die Erzieherinnen sind speziell für diese Altersstufe ausgebildet und kümmern sich jeweils um zwei Kinder. Als ich knapp vier Monate nach der Geburt wieder Vollzeit zu arbeiten begann, wußte ich Sophie dort in guten Händen. Sie wächst hier in Singapur zweisprachig auf - Deutsch und Englisch. Im Infant Care Center hört sie neben Englisch zudem chinesische Wörter und lernt diese sehr spielerisch.

          Auch wenn wir die Öffnungszeiten der Einrichtung von 7 bis 19 Uhr nie ganz ausreizen: In Einzelfällen bieten sie einen hilfreichen zeitlichen Puffer. Für Termine am Abend oder am Wochenende - wenn ich beispielsweise eine deutsche Handelsdelegation begleite - stimme ich mich mit meinem Mann ab. Insgesamt läuft das alles ganz gut. Schwieriger wird es, wenn Sophie krank ist. Anders als in Deutschland müssen Unternehmen hier keine „Kinderkrankentage“ gewähren. Mein Arbeitgeber ermöglicht es mir aber glücklicherweise, daß ich entweder kurzfristig einen Tag Urlaub nehme oder vom Homeoffice aus arbeite.

          Was das Leben für arbeitende Eltern hier deutlich erleichtert, sind die langen Öffnungszeiten der Geschäfte - einkaufen ist täglich bis 22 Uhr möglich. Somit können wir abends oder am Wochenende bei Bedarf noch kleine Besorgungen machen.

          Kaum Teilzeitmodelle

          Es ist sicherlich nicht immer schön, allenfalls am Wochenende ausreichend Zeit für sein Kind zu haben. Aber: Teilzeitmodelle gibt es in Singapur kaum. Die Gründe mögen kulturell bedingt sein. In Asien wird nun mal mehr und länger gearbeitet als in Deutschland. Volkswirtschaftlich betrachtet macht es bei gut ausgebildeten Frauen zudem Sinn, daß sie nicht allzu lange aussetzen. Persönlich sicherlich auch, schließlich hat man sich Jahre vor dem Kind angestrengt, um eine interessante Arbeit auszufüllen. Natürlich wäre es besonders in den ersten Monaten nach der Geburt schön gewesen, nur Teilzeit zu arbeiten. Auf lange Sicht halte ich dies in einer verantwortungsvollen Position jedoch für schwierig.

          Ein großer Vorteil in Singapur: Arbeit und Kinderbetreuung werden hier als Gesamtkonzept verstanden und nicht als parallel existierende Welten. Die Infant Care Center und später die einem Kindergarten vergleichbaren Child Care Center passen sich den Bedürfnissen der berufstätigen Eltern an. Diese können in Ruhe arbeiten und erhalten von der Regierung einen Zuschuß für die Kinderbetreuung. Insgesamt bietet der Staat eine Menge Anreize für Familien: Sei es durch einmalige Kindergeldzahlungen, Unterstützung für Familien mit geringem Einkommen oder geförderte Ansparmodelle für Kinder. Und nicht zuletzt, indem er Familie als eigenständigen Wert und erstrebenswertes Lebensmodell propagiert. Die Verantwortung für die Familie trägt allerdings, wie in vielen asiatischen Kulturen üblich, das Individuum. Dem zugrunde liegt die Einstellung, dass jeder als Teil des Ganzen seine Verpflichtungen hat - gegenüber Familie, Arbeitgeber und Staat. Und umgekehrt.

          Insgesamt ist es in Singapur dank des guten Zusammenspiels von Arbeitgeber und Betreuungseinrichtungen für Mütter sicherlich einfacher, die eigene Karriere weiter zu verfolgen. Freilich braucht es auch hier einen Partner dazu, der seine Familienrolle ernst nimmt.“

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