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Karrieresprung : Neustart in Delhi

Karrieresprung - bei FAZ.NET Bild:

Feuchte Bürowände, kein Auto, kein Bankkonto. Der berufliche Neuanfang von Volkswirt Ralf Radermacher in Indien gestaltete sich alles andere als einfach. Doch fragt man ihn heute nach Hindernissen, fällt ihm kaum noch etwas ein. Zweiter Teil unserer Serie über Menschen, die im Ausland Karriere machen.

          Am Anfang wirkte Ralf Radermacher beinahe, als habe ihn der Mut schon wieder verlassen. Wie er da saß an seinem Schreibtisch, in dem ansonsten leeren Büro mit Schimmelspuren an den Wänden - man sah ihm an, dass sein beruflicher Neuanfang in der indischen Hauptstadt Neu Delhi Nerven gekostet hatte. Draußen wechselten sich Monsunregen und 40 Grad Hitze ab. Drinnen drängte das Wasser durch die frisch renovierten Bürowände. Die Lieferung der Büromöbel? Seit Wochen überfällig. Arbeiten? Wenn, dann nur am Laptop auf dem gemieteten Schreibtisch. Internet? Mit Glück lief das wenigestens, aber auch nur mit Glück. Das war im August.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Inzwischen ist Winter in Delhi. Der Regen hat aufgehört. Die Geschäfte laufen gut, besser sogar, als Ralf Radermacher es sich erträumt hatte. Die Büroräume haben sich gefüllt: Inzwischen arbeiten 11 Angestellte und Hilfskräfte für ihn und seine Kollegen, 3-5 weitere sollen sehr bald folgen. Radermacher selbst hetzt von einem Termin zum nächsten. Für Anfragen verweist er an seine Pressesprecherin.

          Analphabeten sollen zu Mini-Versicherungsmanagern werden

          Seit Juli 2007 ist der 30 Jahre alte Volkswirt Direktor der Micro Health Insurance Academy, kurz Mia, in Indien. Mia ist eine Nichtregierungsorganisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, Krankenversicherungen für die arme Bevölkerung des Landes zu fördern. Diese Kleinstversicherungen funktionieren ähnlich wie Mikrokredite: Die Versicherten zahlen im Rahmen ihrer Möglichkeiten kleinste Beträge ein und formen auf diese Weise einen Risikopool. Diesen verwalten sie in der Regel selbst. Das Ziel: Eine ernsthafte Erkrankung, die auf dem Land aufgrund hoher Behandlungskosten eine ganze Familie für immer in den Ruin treiben kann, soll besser abgesichert sein. Diese Art Versicherung ist zwar in Indien schon relativ verbreitet. Es fehlt allerdings an Ausbildern, die den Betroffenen das nötige Wissen vermitteln, um solche selbstverwalteten Systeme erfolgreich betreiben zu können. Die Organisation Mia hat sich zum Ziel gesetzt, dieses Wissen zu vermitteln.

          Wenn Ralf Radermacher von seiner Arbeit erzählt, dann gerät er ins Schwärmen und ist schwer zu stoppen. In langen Sätzen, die mit Wirtschaftswissenschaftler-Deutsch gespickt sind, kann er sich stundenlang darüber auslassen, wie man einen Analphabeten zum Mini-Versicherungsmanager ausbildet. Die Lehrmaterialien, die er mit seinen Kollegen zusammen entwirft, sollen der Landbevölkerung auf einfache Weise verdeutlichen, wie eine Krankenversicherung funktioniert. „Diskussionsgruppen, kleine Spiele, Filme - das alles soll helfen“, sagt Radermacher.

          Kein Auto, kein Bankkonto, kein Internet

          Trotz aller Begeisterung für seine Arbeit - der Anfang in Delhi war nicht leicht für den frischgebackenen Akademie-Direktor. Radermacher selbst hatte zwar schon öfter und auch mehrere Monate lang in Indien gearbeitet. Seine Frau hingegen war noch nie in dem Land gewesen, und sein Sohn war zu diesem Zeitpunkt noch nicht mal ein Jahr alt. „Selbst das Kinderbett für ihn durch den Zoll zu bringen war unendlich schwierig“, erzählt Radermacher. „Anscheinend sah es zu neu aus, und wir wurden verdächtigt, wir wollten das gute Stück in Indien verkaufen.“

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