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Karrieresprung : Mittelstand: Raus aus der Muffel-Ecke

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Der Mittelstand gilt vielen Arbeitnehmern als angestaubt. Daß dem keineswegs immer so ist, zeigen aktuelle Studien. Den Vorzeige-Unternehmen ist klar: Erfolg hat nur, wer in seine Mitarbeiter investiert.

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          Igersheim an der Romantischen Straße. In dem 5000-Seelen-Ort im Nordosten Baden-Württembergs entwickeln, produzieren und vermarkten die Mitarbeiter der Wittenstein AG hochpräzise Planetengetriebe und Antriebssysteme für Industrie, Medizin- und Raumfahrttechnik. Eigenverantwortung wird bei dem High-Tech-Maschinenbauer groß geschrieben, gearbeitet wird nach einem flexiblen Gleitzeitmodell. Eine interne Weiterbildungsakademie bietet kostenlose Kurse für die gesamte Belegschaft. Die ist in den vergangenen beiden Geschäftsjahren um 200 auf derzeit 670 gestiegen. Das Durchschnittsalter der Mitarbeiter beträgt 34 Jahre. In ihrer Freizeit können sie den hauseigenen Fitneßraum und Grillplatz nutzen, ein Betriebskindergarten ist in Planung.

          Zur Nachahmung empfohlen, rät das Institut für Mittelstandsökonomie (INMIT) an der Universität Trier. Es kürte die Wittenstein AG für ihr vorbildliches Personalmanagement Ende Januar zum „Top-Arbeitgeber des deutschen Mittelstands“. An dem jährlichen Wettbewerb „Top Job“ beteiligten sich insgesamt 118 Unternehmen - eine nicht repräsentative „Positivauslese“, erklärt INMIT-Leiter Professor Axel Schmidt. Lernen von den Guten, heißt die Devise des Benchmark-Projekts. „Exzellentes Personalmanagement ist nun mal entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg“, sagt Schmidt. „Gerade wenn der Gegenwind heftig bläst.“

          Prima Klima

          Gut sind die Vorzeige-Unternehmen vor allem in Sachen Kultur: Fluktuations- und Krankheitsraten liegen der Studie zufolge unterdurchschnittlich niedrig, die Mitarbeiter schätzen das gute Betriebsklima. Nicht zuletzt aufgrund der offenen Kommunikation und des weitgehend eigenverantwortlichen Handelns. Auch in der Personalentwicklung zeigen sich diese Firmen engagiert. Anders als viele Mittelständler, die Weiterbildung immer noch als Kostenfaktor betrachten. Und, als echte Self-Made-Men, Akademikern gegenüber bisweilen Vorurteile pflegen. Umgekehrt gilt freilich dasselbe.

          „Im Zuge des Generationenwechsels ist jedoch in weiten Teilen des deutschen Mittelstands eine Einstellungsänderung zu beobachten“, so Schmidt. Das bestätigt eine repräsentative Studie, die das „Manager Magazin“ und der Stromanbieter Watt kürzlich veröffentlichten. Danach erkennen 53 Prozent der befragten Mittelständler die Notwendigkeit, verstärkt in die Qualifikation ihrer Mitarbeiter zu investieren. Immerhin 45 Prozent haben bereits entsprechende Maßnahmen ergriffen.

          Noch keine schlüssige Personalstrategie

          Bleibt die Frage nach deren Schlüssigkeit. Selbst bei den „Top Job“-Unternehmen sei die Personalstrategie oftmals alles andere als strategisch, bemängelt Projektleiter Schmidt. Was fehle, sei ein stringentes, langfristig ausgerichtetes Konzept mit konkretem Umsetzungsbezug. Dieses Defizit ermittelte auch Professor Christian Scholz von der Universität Saarbrücken, der mit „BestPersAward“ vor ein paar Monaten ein ähnliches Benchmark-Projekt unter 24 Mittelständlern durchführte.

          Beide Untersuchungen sehen zudem Nachholbedarf in Sachen Work-Life-Balance. Termine und Arbeitszeiten würden zwar weitgehend auf familiäre Besonderheiten abgestimmt. Der Wiedereinstieg nach dem Erziehungsurlaub sei aber häufig schwierig - zumal nur wenige Unternehmen über ein eigenes Betreuungsangebot verfügen. Familienorientierung aber ist heute kein verzichtbarer Luxus, sondern ein wichtiger Wettbewerbsvorteil bei der Rekrutierung qualifizierter Mitarbeiter.

          Interessante Aufgaben als Zugpferd

          Dabei tut sich der Mittelstand seit Jahren schwer. In der Studie von „Manager Magazin“ und Watt begründeten 55 Prozent der Unternehmen, die mit ihrer wirtschaftlichen Situation unzufriedenen sind, ihre Misere mit einem Mangel an Fachkräften. Daß Hochschulabsolventen von einer Karriere in Großunternehmen träumen, zeigt wiederum eine Umfrage des Berliner Instituts Trendence unter 11.000 examensnahen Studenten der Wirtschafts- und Ingenieurswissenschaften. Ihre Top-Favoriten heißen BMW, Daimler-Chrysler und Siemens. Als Kriterien für die Wahl der Traum-Arbeitgeber nennen die Studenten attraktive Produkte, einen ebensolchen Standort und internationale Ausrichtung.

          In diesen Punkten können Mittelständler häufig nicht konkurrieren. Allerdings: Mit Abstand am wichtigsten sind den befragten Studenten interessante Arbeitsaufgaben. Und daran mangelt es kleinen und mittleren Unternehmen eigentlich nicht. Was sie noch freuen dürfte: Die Gehaltserwartungen der Berufseinsteiger sind in den vergangenen Jahren gesunken.

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