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Karrieresprung : Mit Mama morgens ins Büro

  • -Aktualisiert am

Krippenplätze sind bekanntlich rar. Damit ihre Mitarbeiterinnen nach der Elternzeit dennoch rasch wieder einsteigen können, kümmern sich einige Firmen um die Betreuung der Sprösslinge.

          Sie ist gut ausgebildet, bekommt ein Baby, will bei allem Mutterglück rasch wieder in ihren Job zurückkehren, findet aber keine adäquate Betreuung für ihr Kind. Liane Schmitt stand vor einem Problem. Die promovierte Psychologin, die als Personalentwicklerin beim Mannheimer Energieversorger MVV Energie AG arbeitet, löste es selbst. Sie schloß sich mit zwölf anderen MVV-Eltern zusammen, holte die Unternehmensleitung ins Boot und gründete eine Elterninitiative. Räume anmieten und kindgerecht einrichten, Gesetzestexte studieren, ein pädagogisches Konzept erarbeiten, Erzieherinnen auswählen, Förderanträge stellen - zu tun gab es fortan genug.

          Elf Monate später war es dann soweit: Rund 500 Meter von der Konzernzentrale entfernt bezogen „Die kleinen Stromer“ ihr neues Reich - eine betrieblich unterstützte Krippe, in der mittlerweile 20 Kinder unter drei Jahren betreut werden. Bezuschusst wird die Elterninitiative von der Stadt Mannheim und der MVV Energie AG. „Für uns war klar: Wir nehmen unseren Eltern die Kinderbetreuung nicht ab, wir unterstützen sie aber in jeder denkbaren Hinsicht“, so Personalvorstand Hans-Jürgen Fahrenkopf.

          Notstand bei Krippenplätzen

          Das Engagement von Unternehmen tut Not, wenn sie nicht jahrelang auf ihre qualifizierten Mitarbeiterinnen verzichten wollen. Nach den Plänen der Familienministerin Ursula von der Leyen soll bis 2013 zwar für ein Drittel aller unter Dreijährigen ein Krippenplatz zur Verfügung stehen. Noch aber herrscht der blanke Notstand: Bundesweit reicht das Angebot gegenwärtig für jedes zehnte Kind, in Westdeutschland nur für drei Prozent. Der Bedarf an Kindergartenplätzen ist nahezu gedeckt. Aber auch hier gehen die Öffnungszeiten häufig noch an den Bedürfnissen arbeitender Mütter vorbei. In manchen Einrichtungen, insbesondere in ländlichen Gegenden, ist mittags Schluß.

          Die betrieblichen Möglichkeiten, Familien bei der Betreuung ihrer Jüngsten zu unterstützen, sind vielfältig. Sie reichen von der Vermittlung qualifizierter Tagesmütter über die Förderung von Elterninitiativen und die Anmietung von Belegplätzen in bestehenden Einrichtungen bis hin zur Gründung einer eigenen Betriebs-KiTa. Diese aufwändige Lösung haben laut einer Umfrage des Familienministeriums bislang erst 3,5 Prozent der Unternehmen in Deutschland umgesetzt.

          Mama arbeitet nebenan

          Der Halbleiterkonzern Infineon zählt dazu. Auf dem Gelände seiner 2005 bezogenen Konzernzentrale „Campeon“ in Neubiberg bei München werden 72 Kinder zwischen sechs Monaten und drei Jahren sowie 50 Kindergartenkinder betreut. Verglichen mit anderen Betriebs-KiTas ist die Einrichtung riesig - und dennoch rappelvoll. Geöffnet ist von 8 bis 18 Uhr, die Belegzeiten sind flexibel. Die Eltern sparen sich zusätzliche Anfahrtswege, wissen ihre Sprößlinge in ihrer Nähe und können sorglos arbeiten. Träger der Einrichtung ist die Arbeiterwohlfahrt. Sie hat das Konzept erstellt, macht die Verträge mit Personal und Eltern und wirbt öffentliche Zuschüsse ein. Kommune und Land zahlen pro Kind bei einer Ganztagsbelegung monatlich rund 500 Euro, der Elternbeitrag liegt bei knapp 300 Euro. Den Rest finanziert Infineon.

          Kinderbetreuung ist teuer, insbesondere für die Jüngsten - der kleinen Gruppen wegen. Für einen qualitativ guten Krippenplatz müsse man in den alten Bundesländern zwischen 1.000 und 1.500 Euro pro Monat veranschlagen, sagt Alexa Ahmad vom PME Familienservice. Der bundesweit tätige Dienstleister entwickelt maßgeschneiderte Konzepte zur betrieblichen Kinderbetreuung. Neben den Kosten scheuen viele Firmen den Aufwand, so Ahmad. Allein die Tauglichkeit der Räume muß von verschiedenen Institutionen - vom Brandschutz bis zum Gesundheitsamt - abgesegnet werden.

          Familienorientierung zahlt sich aus

          „Ein Aufwand war das schon“, erinnert sich Birgit Weber, Pressesprecherin beim Bergsportausrüster VauDe in Tettnang. Der Familienbetrieb gründete 2001 auf seinem Firmengelände in Eigenregie einen Kindergarten, der auch Kinder aus der Region aufnimmt. Weil es innerhalb der Belegschaft in den vergangenen Monaten zahlreiche Geburten gab, erweiterte VauDe seine Einrichtung kürzlich um eine Krippengruppe.

          Das Engagement fußt auf einer verantwortungsvollen Grundhaltung des Unternehmens, ist aber keineswegs Selbstzweck. Von den rund 200 VauDe-Mitarbeitern im Stammhaus sind 65 Prozent weiblich. Den Kosten für die KiTa stehe ein geringerer Aufwand für die Wiedereingliederung junger Mütter gegenüber, sagt Weber: „Das rechnet sich betriebswirtschaftlich.“ Zudem sei Familienfreundlichkeit gut fürs Image. „Bei uns in der Bodenseeregion ist es nicht einfach, qualifizierte Fachkräfte zu finden“, so Weber.

          Die MVV Energie AG hat ihre familienorientierte Personalpolitik kürzlich durchgerechnet: Danach stehen jedem investierten Euro - inklusive Personalaufwand für die Planung der Maßnahmen - Einsparungen in Höhe von 2,50 Euro gegenüber. Die positive Bilanz gründet vor allem auf einer deutlich verkürzten Elternzeit der Beschäftigten. Sie halbierte sich seit Gründung der betrieblich geförderten Krippe von durchschnittlich 32 auf knapp 16 Monate - und senkte dadurch die Kosten für Überbrückung und Wiedereingliederung.

          Anschubfinanzierung für Mittelständler

          Das Bewußtsein für familienfreundliche Maßnahmen ist in der Wirtschaft deutlich gestiegen, zeigt eine Umfrage, die das Familienministerium 2003 und 2006 durchgeführt hat. Zwei Drittel der befragten Führungskräfte zeigen sich offen für eine betriebliche Kinderbetreuung, sofern diese steuerlich stärker begünstigt wird.

          Die Bundesregierung hat bereits ein Programm erarbeitet, das insbesondere kleine und mittlere Unternehmen unterstützen soll. Vorgesehen ist eine Anschubfinanzierung aus Mitteln des europäischen Sozialfonds, die etwa die Hälfte der betrieblichen Kosten abdeckt. Werden die Gelder in Brüssel bewilligt, könnte das Programm Anfang 2008 starten. Dann wird sich zeigen, wie ernst es den Unternehmen mit ihrer eigenen KiTa ist.

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