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Karrieresprung : Management-Training im Flüchtlingsheim

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Üblicherweise erweitern Führungskräfte ihre sozialen Kompetenzen in Rollenspielen. Beim Projekt „Seitenwechsel“ ist die Realität das Lernfeld.

          3 Min.

          In der Welt des gemeinen Managers tummeln sich gutsituierte, ehrgeizige und wohlgestaltete Menschen, die - wie er selbst - nach Feierabend mit ordentlich PS in die schönen Viertel der Stadt zurückkehren. Das Leben ist komfortabel, allein im Job wird oft mit harten Bandagen gekämpft: Um Pfründe, den beruflichen Aufstieg oder gegen unliebsame Mitstreiter.

          In einer Welt daneben kämpfen Menschen mit Vorurteilen, für ihren täglichen Lebensunterhalt oder gegen Krankheit und Tod. Sie leben meist außer Sichtweite des Managers - in Heimen, Wohngruppen oder U-Bahn-Schächten. Grenzgänger, die beide Welten kennen, gibt es kaum.

          Pflegerkittel statt Anzug

          Dabei können Manager durch einen Ausflug in die fremde Wirklichkeit eine Menge lernen, sagt Doris Tito, Leiterin des Projekts „Seitenwechsel“. Sie vermittelt Führungskräfte an soziale Einrichtungen, wo sie für eine Woche ihren dunklen Anzug gegen einen Pflegerkittel tauschen, statt in den Konferenzraum ins Asylantenheim gehen. Unter Anleitung eines Sozialarbeiters betreuen sie Flüchtlinge oder füttern Todkranke.

          Der gewohnte Status zählt in dieser Woche nichts, Anerkennung muss erst erworben werden - durch Anpacken, häufiger aber allein durch ein gewisses Einfühlungsvermögen. Plötzlich heißt es für den erfolgsverwöhnten Manager, eine schwierige Situation anzunehmen, für die er keinen Lösungsvorschlag parat hat. „Das stärkt die Sozialkompetenz und die Fähigkeit, sensibler auf Probleme der Mitarbeiter einzugehen“, sagt Projektleiterin Tito.

          Das Konzept für diese ungewöhnliche Weiterbildungsmaßnahme stammt aus der Schweiz. Knapp 1.000 Führungskräfte haben sie dort bereits absolviert. Bei der United Bank of Switzerland (UBS) gehört sie sogar zum Pflichtprogramm für Manager. In Deutschland wird der „Seitenwechsel“ seit knapp zwei Jahren von der gemeinnützigen Patriotischen Gesellschaft in Lizenz organisiert. Zunächst nur in Hamburg, mittlerweile gemeinsam mit Kooperationspartnern bundesweit. Ein ähnliches Programm mit dem Namen „Switch“ unterhält Siemens gemeinsam mit dem Sozialreferat der Landeshauptstadt München auf lokaler Ebene.

          Ungefilterte Eindrücke

          Hierzulande ist noch eine Menge Überzeugungsarbeit für das lebensnahe Seminar nötig, weiß Doris Tito. Viele Firmen schrecken davor zurück, ihre Manager eine ganze Woche lang freizustellen. Knapp 100 aus Unternehmen wie Unilever, Beiersdorf oder der Phoenix AG haben bislang die Seite gewechselt. „Wir raten ihnen dorthin zu gehen, wo es sie die meiste Überwindung kostet“, sagt die Projektleiterin. Sozialarbeit light lässt sie nicht gelten: „Der Controller soll nicht die Abläufe in der Beratungsstelle optimieren, sondern mit Fritz dem Wohnungslosen zum Sozialamt gehen.“ Um dort ungefiltert zu erleben: Wie schwer ist es für diesen, eine dauerhafte Bleibe zu finden? Oder aber: Welche Blicke erntet ein geistig Behinderter in der U-Bahn? Wie apathisch vegetieren drogensüchtige Prostituierte ihrer nächsten Crack-Pfeife entgegen?

          Letzteres ging Christiane Buck ganz schön an die Nieren. Die Leiterin der Personalentwicklung bei der Hamburgischen Landesbank hospitierte in einer Einrichtung für drogenabhängige Prostituierte im berüchtigten Stadtteil Sankt Georg. Als Selbstversuch gewissermaßen, um die Sinnhaftigkeit des Seitenwechsels zu testen. Sozial engagiert war die elegante 42jährigen bis dato nicht. Die Erlebnisse auf dem Drogenstrich, wo sie mit etwas Überwindung Kondome und Kaffee verteilte und die Prostituierten nach ihrem Befinden befragte, waren „erst mal ein Schock“, sagt Christiane Buck. „Wenn eine Frau erzählt, dass sie gestern Nacht vergewaltigt wurde, fehlen einfach die passenden Worte.“

          Spagat zwischen Nähe und Distanz

          Das Sozial-Praktikum, resümiert die Personalerin, verlangt eine Menge ab: In schwierigen Situationen handlungsfähig zu bleiben, sich in das Gegenüber einzufühlen und dennoch Distanz zu wahren, gegebenenfalls auch Grenzen zu setzen: „Wer in der Beratungs-Einrichtung die Hausordnung nicht einhält, wird rausgeworfen.“ Ihren Kollegen hat sie den Seitenwechsel empfohlen, vier sind bislang ihrem Beispiel gefolgt.

          Nach Ende des Praktikums tauschen die Führungskräfte unter Leitung eines Projektleiters ihre Erfahrungen aus. Inwieweit sie diese auch tatsächlich in ihrem beruflichen Alltag umsetzen können, lasse sich pauschal nicht beantworten, meint Doris Tito. „Zweifellos aber sind die Eindrücke sehr viel intensiver und nachhaltiger als in gewöhnlichen Seminaren.“ Die harte Realität vergisst man schließlich nicht so schnell wie ein Rollenspiel.

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