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Karrieresprung : „Man kann nicht aus jedem Menschen alles machen“

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Karrieresprung - bei FAZ.NET Bild:

Frauen machen anders Karriere als Männer, sie führen anders, sie gründen anders. Hans-Georg Häusel beschäftigt sich mit den Gründen für dieses Phänomen. Wie stark bestimmt Biologie die Karriere? Mit dem Hirnforscher hat Nadine Bös gesprochen.

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          Frauen machen anders Karriere als Männer, sie führen anders, sie gründen anders. Das sind oft gehörte Weisheiten. Wenn es daran geht, Gründe für das gefühlt andere Verhalten zu finden, scheiden sich die Geister. Das geht letztlich auf die alte Frage zurück: Wieviel unseres Verhaltens bestimmt die Biologie? Und falls es viel ist - dürfen wir das laut sagen? Der Hirnforscher Hans-Georg Häusel beschäftigt sich seit langem mit der Frage, welche Rolle Hormone in der Wirtschaftswelt spielen, männliche, wie weibliche - und wie sie Karrieren beeinflussen. Nadine Bös hat mit ihm gesprochen.

          Frauen erscheinen zurückhaltender als Männer, wenn es darum geht, innovative Unternehmen zu gründen. Ist das nur so ein Gefühl?

          Nein, unseren Erhebungen zufolge schlägt sich das schon in Zahlen nieder.

          Und kann die Hirnforschung auf der Suche nach den Gründen dafür helfen?

          Definitiv. Gründen heißt ja, Risiken eingehen, Bewährtes verlassen. Dafür sind zwei große Hirnsysteme zuständig. Das Dominanz-System, auch „Ehrgeiz-System“ genannt, das sagt: „Ich möchte nach oben“ und das Stimulanz-System, das sagt: „Ich suche das Neue“. Wenn die beiden zusammenkommen, dann kommt so was wie Unternehmertum oder Pioniergeist zustande.

          Mangelt es Frauen an Ehrgeiz und Neugierde?

          Naja, das wäre stark vereinfacht. Als großes Gegenprogramm in unserem Kopf haben wir das risikobegrenzende Programm, das so genannte „Balance-Programm“. Im Alltag erleben wir das auch als Angst-Programm. Es ist verantwortlich für die Suche nach Sicherheit im positiven wie negativen Sinne. Eng verbunden mit dem Balance-Programm sind zwei Gehirnmodule, die sich um Geborgenheit, Familie und Menschlichkeit kümmern.

          Und die sind eher weiblich?

          Wir wissen aus der Hirnforschung, dass alle Menschen alle Module im Kopf haben, nur eben nicht in gleicher Ausprägung. Das männliche Sexualhormon Testosteron ist sehr stark mit dem Dominanz-System verbunden und auch ein Stück weit mit dem Stimulanz-System. Das weibliche Östrogen wirkt dagegen stärker auf das Balance-System.

          Also sind die Frauen von der Biologie dazu verbannt, sich nach Geborgenheit und Familie zu sehnen?

          Das sind natürlich alles nur Tendenzen. Es kommt in der Tat zu etwas unterschiedlichen Verteilungen. Die Menschen mit Pioniergehirn sind zu zwei Dritteln oder drei Vierteln - so ganz genau kann man das nicht bemessen - Männer. Und zwar Männer im Alter zwischen 20 und 30. Das ist bei den unterschiedlichsten Studien aus der Hirnforschung herausgekommen und auch bei den jüngsten Untersuchungen, die wir gemeinsam mit der GfK gemacht haben.

          Sorgen die Hormone auch dafür, dass Frauen andere Unternehmen gründen als Männer?

          Ja, definitiv. Frauen sind grundsätzlich seltener dabei, wenn es darum geht, große Unternehmen zu gründen. Frauen gründen tatsächlich eher den kleinen Friseursalon oder die Buchhandlung um die Ecke. Sie wollen sich schon die Freiheit nehmen, ihr eigenes Unternehmen zu haben, sie wollen aber nicht gleich 500 oder 1000 Mitarbeiter.

          Sind die Unternehmen, die Frauen gründen, denn auch weniger erfolgreich?

          Eher im Gegenteil. Männer verhalten sich risikoreicher und das bedeutet auch, dass die gescheiterten Unternehmen häufiger Gründungen von Männern sind. Spektakuläre Pleiten erleben Sie bei Frauen in der Regel nicht.

          Wie können Frauen herausfinden, ob sie ein Pioniergehirn haben oder nicht?

          Es gibt dafür klassische psychologische Tests. Hormonale Systeme lassen sich relativ gut in Testfragen übersetzen und man kann einigermaßen verläßliche Prognosen treffen.

          Würden Sie jungen Frauen, die Karriere machen wollen, dazu raten?

          Naja, warum nicht - ein Test schadet zumindest nicht. Aber es reicht eigentlich auch schon, sich selber zu fragen: Wie wichtig ist mir eigentlich die Karriere, was genau ist mein Karriereziel? Es gibt einfach Frauen, die zwar Verantwortung übernehmen wollen, aber dann ganz schnell merken, sie möchten nicht komplett auf ihr Privatleben verzichten und Tag und Nacht auf irgendwelchen Flughäfen rumhängen. Da ist das weibliche Gehirn nicht ganz so blöd wie das männliche. Das weibliche Gehirn entspricht also eigentlich dem, was Aristoteles als das Idealgehirn sah: Sich nicht in irgendeine Extremform zu begeben.

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