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Karrieresprung : Lehrling auf höchstem Niveau

  • -Aktualisiert am

Frisch von der Uni in einen Top-Job - das war einmal. Einen langsamen, aber häufig sehr zielführenden Weg nach oben stellen Trainee-Programme dar.

          „Wir suchen: Absolventen verschiedener Fachbereiche mit zügig absolviertem Studium, sehr gutem Abschluss, Praxis-, gerne auch Auslandserfahrung, außergewöhnlichem Engagement und einer starken Persönlichkeit.“ Die Besten eben.

          Welcher Traumjob mit dieser Stellenanzeige besetzt werden soll? Nicht etwa die Gruppenleitung X oder den Verantwortungsbereich Y. Trainee soll der junge Überflieger werden. Lehrling gewissermaßen. Freilich: Lehrling auf höchstem Niveau.

          Fit für Führung

          Die meisten Trainee-Programme großer und mittlerer Unternehmen zielen darauf, viel versprechende Kandidaten fit für eine spätere Führungsaufgabe zu machen. Dazu sollen sie ihren Arbeitgeber erst mal gründlich kennen lernen. Die Trainees rotieren durch verschiedene Abteilungen und machen sich dabei mit den Strukturen, Prozessen und Produkten des Unternehmens vertraut, arbeiten aber gleichzeitig an konkreten Projekten mit.

          Der ständige Wechsel soll zudem die Fähigkeit schulen, sich rasch in neue Teams zu integrieren sowie das interdisziplinäre Denken und die Kommunikationsfähigkeit fördern. Das „Training on the Job“ dauert in den meisten Firmen zwischen zwölf und 24 Monaten und wird von speziellen Weiterbildungs-Programmen begleitet.

          Tausende von Bewerbungen

          Gerade in Zeiten, in denen Absolventen nicht mehr unmittelbar auf den Top-Job hoffen können, sind Trainee-Ausbildungen wieder gefragt. Für die 40 Plätze des internationalen Programms von VW bewerben sich jährlich rund 1.200 Interessenten. Beim Markenartikel-Hersteller Unilever gehen jährlich rund 3.500 Bewerbungen ein. „Tendenz steigend“, meint Alexandra Hahn, Leiterin Führungsnachwuchs bei Unilever.

          Der Hamburger Konzern besetzt seine Führungspositionen traditionell aus den eigenen Reihen. Die zweijährige „Lehrzeit“ gilt somit als Pflichtübung auf dem Weg nach oben. Sie wird mit einem Einstiegsgehalt von derzeit 42.000 Euro auch ordentlich vergütet. Häufig müssen sich Trainees mit deutlich weniger begnügen.

          Frühe Verantwortung

          Der Unilever-Führungsnachwuchs soll auf seinem Parcours durch die Welt der Brotaufstriche und Hauptpflegeprodukte bereits erste Verantwortung übernehmen. „Etwa für die Organisation einer Promotion“, sagt Hahn. Gemeinsame Exkursionen, Workshops und Weiterbildungen bieten den Trainees Gelegenheit, ein Netzwerk zu anderen künftigen Verantwortungsträgern zu knüpfen.

          Die Konkurrenz bei Trainee-Programmen wird künftig noch größer, glaubt Christiane Konegen-Grenier, Referatsleiterin Hochschule/Wirtschaft beim Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln: „Viele Unternehmen rekrutieren zunehmend auch im Ausland Bewerber um sich frühzeitig auf die Erfordernisse einer globalen Wirtschaft einzustellen.“

          Individualisierte Programme

          Bei der Robert-Bosch GmbH kommt jeder Vierte der 70 kaufmännischen und technischen Trainees aus dem Ausland. Von den deutschen Bewerbern wird erwartet, dass sie mindestens ein halbes Jahr fern der Heimat studiert haben. Während des Programms verbringen sie noch mal einige Monate im Ausland. „Die Trainees sollen unsere Niederlassungen und deren Arbeitsweise kennen lernen, aber auch ihre Mobilität unter Beweis stellen“, begründet Ronald Riebe, verantwortlicher Personalreferent bei Bosch.

          Das Programm des Stuttgarter Unternehmens dauert zwischen 18 und 24 Monaten und wird auch inhaltlich in großem Maße individuell auf den Trainee zugeschnitten. Bei seinen vier bis sieben „Stationen“ erhält er jeweils Feedback von einem persönlichen Betreuer. Während der gesamten Ausbildung steht ihm zudem ein Mentor aus der Geschäftsleitung zur Seite. Anstelle fixer Kurse erhalten die Bosch-Trainees ein Budget, das sie eigenverantwortlich in ihre persönliche Weiterbildung investieren. „Eine 23jährige Französin und ein 30jähriger deutscher Promovend unterscheiden sich nun mal in ihren Anforderungen“, sagt Riebe. Der Organisationsaufwand steigt durch die Individualisierung beträchtlich. „Das Programm ist teuer, aber wir halten daran fest“, sagt Riebe.

          Keine Garantie auf den Chefsessel

          Auch wenn viele Trainees es hoffen: Ein Garant für den Chefsessel ist die Ausbildung nicht. Von den VW-Trainees übernehmen später nur die Hälfte tatsächlich eine Führungsposition. Letztlich kommt es auf den Einzelnen an, was er aus seiner Chance macht - und natürlich auf die Konjunktur.

          Und dann ist da noch zu bedenken, dass nicht alle Unternehmen ihre Trainees als künftige Führungskräfte sehen. Bisweilen handelt es sich schlichtweg um ein hübsches Etikett für einen unterbezahlten Einstiegsjob.

          IW-Bildungsexpertin Konegen-Grenier rät Absolventen daher, sich nicht auf vage Versprechungen einzulassen. Sie sollten auf ein strukturiertes, schriftliches Programm bestehen, in dem festgelegt ist: Welche Stationen sind vorgesehen? Für welche Dauer? Mit welchen Aufgaben? Mit welcher Betreuung? „Zudem sollte schon anfangs klar sein, wo die Reise innerhalb des Unternehmens hingehen kann“, so Konegen-Grenier.

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