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Karrieresprung : Laufbahn Unternehmer

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Die Position eines Unternehmensgründers bietet enorme Entwicklungsmöglichkeiten. Doch diese Form der Laufbahngestaltung kommt noch den wenigsten beim Stichwort Karriere in den Sinn.

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          Karriere, das wird in Deutschland nach wie vor gerne mit interessanten Positionen in Konzernen und dem gehobenen Dienst in Behörden verbunden. Ein Unternehmen zu gründen und zu führen, kommt den wenigsten dabei in den Sinn.

          Gerade einmal fünf Prozent aller Deutschen haben sich in 2004 zu einer Unternehmensgründung entschieden. Und das, obwohl diese Form der Berufstätigkeit, wie kaum eine andere Führungsposition, enorme Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeiten bietet.

          Zeit für Philosophie und Literatur

          „Zufriedenheit. Das ist es, was im Leben zählt.“ Jörg Wurzer scheint angekommen. Für den 37jährigen Unternehmer gab es Phasen in seinem Leben, in denen er 80 Stunden und mehr die Woche gearbeitet hat. Jetzt nimmt er sich die Freiheit, mit 40 Stunden auszukommen. Das erfordert ein hohes Maß an Disziplin. Sämtliche Aufgaben, die nicht zu seinem Kernbereich, der Umsatzgenierung, gehören, delegiert er.

          Jörg Wurzer - Unternehmer mit Zeit für Literatur
          Jörg Wurzer - Unternehmer mit Zeit für Literatur :

          So behält er den Spaß an der Arbeit. Und ihm bleibt Zeit, sich mit Philosophie und Literatur zu beschäftigen. Bereiche, die dem promovierten Philosophen wichtig sind und auch seine unternehmerische Arbeit befruchten.

          So inspirierten ihn beispielsweise Forschungsergebnisse dazu, in seiner Firma ein Belohnungssystem zu implementieren: Jeder Mitarbeiter kann mitbestimmen, wie seine Arbeitsaufgaben bewertet werden. Und jeder kann wählen, ob er für einen höheren Lohn und weniger Bonuspunkte oder für weniger Geld und mehr Punkte arbeiten will. Am Ende des Geschäftsjahres wird der Gewinn dann anhand der erzielten Punkte aufgeteilt. Auch die Geschäftsführung, die Gründer, sammeln ihre Punkte um am Gewinn beteiligt zu werden. Für Wurzer ist diese Form der Honorierung fair und motivierend, da sie für jeden nachvollziehbar ist, sie sich an den Bedürfnissen des Einzelnen orientiert und das persönliche Tun mit dem Wohl der Firma verknüpft. „Ich habe meine Werte und meine Vorstellungen von einem fairen Zusammenleben in diese Firma einbringen können. Das ist für mich Freiheit. Das macht mich glücklich und zufrieden.“

          Gründungserfahrungen als beruflicher Erfolgsfaktor

          Wurzer, der mittlerweile zehn Mitarbeiter beschäftigt, ist ein passionierter Unternehmer. Obwohl er auch die Schattenseiten des Unternehmertums erlebt hat und bereits eine Liquidierung mitmachen mußte. Bei seiner ersten Gründung, im Jahre 2000, verfolgte er mit drei Partnern eine Strategie, die ganz der Wachstumshysterie jener Zeit entsprach. „Wir waren ein starkes Managementteam und wir wollten schnell, sehr schnell wachsen - auch über Fremdkapital.“

          Das konnten sie nach dem Platzen der Blase am Neuen Markt Mitte 2000 nicht mehr gewinnen. Ihr Team zerfiel. Die hohen Erwartungen an das Einkommen und die schwindenden finanziellen Ressourcen ließen die Gesellschafter einen nach dem anderen aussteigen. 2001 wurde ihr Firma liquidiert. Wurzer jedoch wollte nicht aufgeben. Er war überzeugt von seiner Idee. Er kratzte sein letztes Geld zusammen und suchte sich über das Internet neue Partner. Bei Christian Magnus, heute ebenfalls Geschäftsführer und Christian Trutz stimmte die Chemie und die drei taten sich zusammen.

          Gründer nutzen Erfahrungen positiv

          Für Claudia Erben, Geschäftsführerin des Forum Kiedrich, einem Gründer- und Mentorennetzwerk, zeichnet erfolgreiche Gründer gerade dieses hohe Maß an Beharrlichkeit aus und die Fähigkeit, sämtliche Erfahrungen positiv zu nutzen. Wurzer beispielsweise überdachte nach der Liquidierung seiner ersten Firma seine Managementstrategie. Beim zweiten Mal setze er alles daran, für sein Produkt Alleinstellungsmerkmale zu generieren.

          Er investierte mit seinen Partnern zwei Jahre in die Entwicklung. Monate, in denen sie sich mit anderen Jobs finanziell über Wasser hielten. Im Oktober 2004 brachten sie ihr Produkt, den IQser, auf den Markt. Eine Software, die sämtliche Quellen wie E-Mail-Konten, das Internet, Datenbanken und Textdateien gezielt nach Informationen durchsucht und diese in übersichtliche Zusammenhänge stellt. Ein Produkt, das insbesondere in Forschungs- und Entwicklungsabteilungen geschätzt wird. Seit einigen Monaten leisten sie sich einen operativen Vertrieb. Sie wachsen nach Wurzer bodenständig, aber beständig.

          Auch seine drei ehemaligen Mitstreiter bauten die Phase der Unternehmensgründung erfolgreich in ihre Berufskarrieren ein. So lehrt einer der Partner mittlerweile als Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Düsseldorf. Einer wurde als Personalchef für ein großes Unternehmen rekrutiert und der dritte Partner arbeitet heute wieder erfolgreich als IT-Berater für den Mittelstand.

          Gründen will gelernt sein

          Daß nicht mehr Menschen ihre Chance auf Selbstverwirklichung wahrnehmen und eine Firma gründen, hängt nach Claudia Erben wesentlich damit zusammen, daß ihnen die Zuversicht in den eigenen unternehmerischen Erfolg fehlt.

          So meinen immerhin fast zwei Drittel der Deutschen laut dem Global Entrepreneurship Monitor (GEM) 2004, daß ihre Fähigkeiten und ihr Wissen für eine Unternehmensgründung nicht ausreichen. Fast die Hälfte der Deutschen gibt an, daß die Angst zu scheitern sie davon abhalte, ein Unternehmen zu gründen. Und die übergroße Mehrheit (86,8 Prozent) glaubt auch nicht daran, daß sich in ihrer Region in den nächsten sechs Monaten gute Möglichkeiten für eine Unternehmensgründungen ergeben.

          Zum Vergleich: In den Vereinigten Staaten hegen lediglich 21,2 Prozent der Befragten die Befürchtung, mit ihrem Unternehmen zu scheitern. Und die Chancen für eine Gründung in der Region werden in keinem anderen Land als so schlecht bewertet.

          Gründer sollten verstärkt Unterstützung abrufen

          Wer jedoch in seinem Leben auf unternehmerische Aktivitäten zurückblicken kann, ist nach GEM 2004 weniger als der Durchschnitt von der Angst zu Scheitern betroffen und verfügt auch über deutlich mehr Selbstvertrauen in Bezug auf seine unternehmerischen und gestalterischen Fähigkeiten. Die Netzwerkspezialistin in Unternehmensfragen, Claudia Erben, fordert daher veränderte Rahmenbedingungen. „Wir müssen dafür Sorge tragen, daß viel mehr Schüler und Studenten bereits erste Erfahrungen als Unternehmer sammeln können.“ Dann, da ist sich auch der Unternehmer Wurzer sicher, werden mehr talentierte Menschen gründen und es wird ein gesellschaftliches Klima entstehen, indem diese Form der Erwerbstätigkeit gegenüber anderen an Attraktivität gewinnt, da sie Freiräume bietet, die andere Führungspositionen so nicht eröffnen.

          Damit Jungunternehmer auch möglichst unbeschadet in ihre Führungspositionen wachsen können, sollten sie nach Claudia Erben noch stärker Unterstützungen abrufen. Fast in jeder größeren Stadt gibt es Initiativen, die junge Unternehmen durch die Gründungsphase hindurch mit Rat und Tat begleiten.

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