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Karrieresprung : Kind und Karriere - im eigenen Unternehmen

  • -Aktualisiert am

Manch hoch qualifizierte Frau muß nach der Elternzeit feststellen, daß sich ein anspruchsvoller Job und Kind in der Praxis schwer vereinbaren lassen. Als Alternative bietet sich die Selbständigkeit - allerdings nur für Multitalente.

          3 Min.

          Als Key Account Managerin einer kleinen Tourismus-Marketing-Agentur hatte Anna Maria Stranieri einen anspruchsvollen Job: Viel Verantwortung, viele Reisen zu Kunden in die Vereinigten Staaten und die Karibik - und viele, viele Überstunden. Dann wurde sie schwanger. Ihr Chef gab ihr zu verstehen, daß sie als Mutter nicht leisten könne, was er von ihr in ihrer Position erwarte. Den Kollegen zuarbeiten und mal eine Urlaubsvertretung übernehmen - okay. Mehr aber hätte sie nach der Elternzeit nicht erwarten können.

          Die Betriebswirtin lehnte dankend ab. Auf der Suche nach einer Möglichkeit, Familie und einen qualifizierten Job miteinander zu vereinen, blieb in ihren Augen nur die Selbständigkeit. Sobald sie einen Krippenplatz für ihre Tochter ergattert hatte - „die größte Schwierigkeit überhaupt“, so Stranieri - machte sie sich an den Business Plan. Die Geschäftsidee der gebürtigen Italienerin: Eine Marketing- und Vertriebs-Repräsentanz für italienische Tourismusanbieter ohne eigene Niederlassung in Deutschland.

          Auf Bankkredite war sie nicht angewiesen. Alles, was sie für ihr Unternehmen brauchte, waren Telefon, Rechner, Internet - und ihr langjähriges Know-how. Mit ihrem Konzept gewann die 30jährige beim Münchner Geschäftsideen-Wettbewerb „Best Concept“ 2004 den zweiten Preis. Auch der Start im vergangenen Herbst glückte: Heute vertritt Stranieri mit ihrer Agentur Sumisura Marketing bereits vier Hotel-Kooperationen mit insgesamt 150 Hotels.

          Teilzeit: Anspruch und Wirklichkeit

          Beim alten Arbeitgeber unter Wert wieder einsteigen oder selbst Unternehmerin werden - vor dieser Alternative steht manch qualifizierte Mitarbeiterin, wenn sie Mutter wird. Seit 2001 gibt es zwar - auch für Männer - einen gesetzlichen Anspruch auf Teilzeit-Beschäftigung. Der gilt aber nur für Betriebe mit mehr als 15 Mitarbeitern. In der Praxis heißt es zudem, sich mit dem Arbeitgeber auf ein Modell zu einigen, das zu der gefundenen Kinderbetreuung paßt. In Unternehmen, wo ein „guter“ Mitarbeiter das Büro grundsätzlich erst nach 19 Uhr verläßt, stehen die Chancen dafür schlecht. Gleiches gilt bei einem Chef mit der Überzeugung, daß Führungsaufgaben zwangsläufig mit 50 und mehr Wochenstunden sowie permanenter Erreichbarkeit einher gehen.

          Die Folge: Nach der anfänglichen Gleichberechtigung im Job führt ein Kind bei Frauen häufig zum Karrierebruch. Das bestätigen die Zahlen aus dem Mikrozensus 2004: Von den berufstätigen Frauen zwischen 30 und 44 Jahren bekleidet jede Fünfte eine Führungsposition, sofern sie keine Kinder hat. Bei den berufstätigen Müttern derselben Altergruppe sinkt der Anteil auf zehn Prozent. Beinahe überflüssig zu erwähnen, daß bei Männern der Nachwuchs keinerlei Einfluß auf die Ausübung einer Führungsposition erkennen läßt.

          Hauptsache flexibel

          Der Sprung in die Selbständigkeit verspricht Müttern in jedem Fall mehr Flexibilität. Auch wenn vieles anders kommt als erwartet: Anna Maria Stranieri plante, ihr Geschäft zunächst ein paar Jahre in Teilzeit zu führen. „Letztlich arbeite ich jetzt nicht sehr viel weniger als früher“, gesteht die Gründerin - dem florierenden Unternehmen sei Dank. Aber: „Ich kann meine Zeit selbst einteilen.“ Unterschätzen sollten Frauen die Belastung jedoch nicht, warnt Claudia Böhnke, Beraterin bei der Bundesweiten Gründerinnenagentur (BGA): „Vor allem wenn sich die Betreuung der Kinder als schwierig erweist und der Unternehmensaufbau außerhäusliche Aktivitäten erfordert.“

          So manche Gründerin nutzt die Chance, nach der Elternzeit etwas völlig Neues zu beginnen. „Sei es, weil sie in der Zwischenzeit ihren bisherigen Job hinterfragt oder ganz neue Fähigkeiten und Interessen entdeckt hat“, erläutert Bettina Wenzel, Projektleiterin von Effekt. Die von der EU und der bayerischen Staatsregierung geförderte Gründungsinitiative qualifiziert Akademikerinnen, die sich nach der Elternzeit selbständig machen wollen. In Seminaren können sie ihr unternehmerisches Know-how erweitern, Kontaktforen und Coaching-Angebote bieten Möglichkeiten zum Erfahrungsaustausch. Die Geschäftsideen reichen vom Grafikbüro bis zum Waldkindergarten, die besten werden jährlich mit dem „Best Concept“-Preis ausgezeichnet. Seit Projektstart Anfang 2003 haben über 4.000 Mütter an dem Programm teilgenommen. „Die meisten sind hoch motiviert“, sagt Wenzel.

          Nur für Multitalente

          Das sollten sie auch sein, denn eine Gründung aus der Elternzeit ist doppelt schwierig. Zu den generellen Anforderungen an Persönlichkeit, Geschäftskonzept, Fachwissen und Finanzierung kommt die zeitliche Beanspruchung durch die Familie. Wenzel rät Müttern - sofern sie nicht Alleinverdiener sind - zu einer Gründung in Teilzeit. „Unter 20 Stunden pro Woche geht jedoch nichts.“ Ein gutes Zeitmanagement und Organisationstalent sind ebenso erforderlich wie die Fähigkeit, sich abgrenzen zu können. Und, so Wenzel: „Frauen sollten die Elternzeit nutzen, um sich beruflich weiterzubilden.“

          Auch dafür gibt es spezielle Angebote, in Bayern etwa das EU-geförderte Programm KOMET. „Es geht dabei nicht um eine Abwechslung zum Familienalltag“, sagt Rosa Hochschwarzer, Geschäftsführerin des Projektträgers Frau und Beruf GmbH in München. Am Ende der sechs- bis achtmonatigen, teilweise webbasierten Fortbildungen steht vielmehr ein anerkanntes Zertifikat - beispielsweise der Europäische Computer- oder Wirtschaftsführerschein.

          Nicht zuletzt gilt: Wenn Mütter gründen, müssen die Väter das Vorhaben mittragen: „Es gab Momente, da habe ich nur den Berg vor mir gesehen“, erinnert sich Anna Maria Stanieri. „Mein Mann hat mir geholfen zu erkennen, wie man da kleine Stufen hinein kriegt.“

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