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Karrieresprung : Intrapreneure: scheinfreie Selbstausbeuter

  • -Aktualisiert am

Der eigenständige Unternehmer im Unternehmen hat Konjunktur. Doch seine Autonomie ist begrenzt und er ist oft gestresster als echte Freelancer.

          Sie sind fest angestellt, arbeiten aber in wechselnden Projekten, für deren Erfolg sie in hohem Maße selbst die Verantwortung tragen. Dazu sind sie mal wochenlang im Büro, dann wieder für längere Zeit beim Kunden vor Ort, zwischendrin arbeiten sie in ihrem Home Office.

          Wie sie ihre Aufgabe organisieren, bleibt weitgehend ihnen überlassen und auch für das wann gelten keine starren Regelungen. Hauptsache, das Ergebnis stimmt - schließlich orientieren sich daran auch Vergütung und betriebsinterne Karrierechancen.

          Unternehmer im Unternehmen

          Die Rede ist von einem neuen Mitarbeiter-Typus, den Soziologen als Leitbild der neuen Arbeitswelt beschwören. Sein Name: Intrapreneur, hergeleitet von Intracorporate Entrepreneur. Im Soziologensprech auch Arbeitskraftunternehmer, auf gut Deutsch: Unternehmer im Unternehmen. Mit ihm verkehrt sich der jahrhundertealte Vertrag, wonach der Arbeitnehmer seine Arbeitskraft gegen Lohn an ein Unternehmen verkauft und sich dessen Anweisungen und Kontrolle unterwirft. Der Intrapreneur steuert und organisiert sich selbst - freilich im Rahmen der Unternehmensziele. Und holt dabei mehr aus sich raus, als das ein Vorgesetzter könnte.

          Zu finden ist die neue Quasi-Selbständigkeit bereits in wissensbezogenen Expertenberufen wie IT-Dienstleister oder Unternehmensberater. Branchenübergreifend geht der Trend im mittleren Management zum Intrapreneurship - durch die Ausgliederung von Unternehmenszweigen oder Abteilungen in Profit Center.

          Gestresster als die echten Freelancer

          Wie die neuen Selbständigen mit ihrer Arbeitssituation klarkommen, hat Anja Gerlmaier untersucht. Die Organisationspsychologin an der Universität Dortmund befragte in dem vom Bundesbildungsministerium geförderten Forschungsprojekt NestO (Neue Selbständigkeit in Organisationen) IT-Profis und verglich dabei die Aussagen von Intrapreneuren, angestellten Administratoren in Rechenzentren und echten Freelancern.

          Zentrale Erkenntnisse: Je größer Selbstbestimmung und Flexibilität, desto stärker die Tendenz zur Selbstausbeutung. Während die angestellten Webmaster durchschnittlich 39 Stunden pro Woche arbeiten, bringen es die Intrapreneure auf 43 Stunden, Freelancer auf 54 Stunden. Erstaunlicherweise fühlen sich letztere aber weniger gestresst als die bedingt Selbständigen: Nur 13 Prozent der Freelancer klagen über Verantwortungs- und Zeitdruck, bei den Intrapreneuren tut dies mehr als jeder Dritte.

          Autonomie: mäßig, Zufriedenheit: hoch

          Grund: Die vielgepriesene Eigenverantwortlichkeit entpuppt sich häufig als Scheinfreiheit. Nur jeder Fünfte Intrapreneur gibt an, sein Arbeitspensum oft beeinflussen zu können. „Sie stehen stark unter Druck und bekommen Projekte aufgeschoben, die sie ohne Diskussion übernehmen müssen“, sagt Gerlmaier. Der Markt samt seinen Schwankungen wird zunehmend auf den Mitarbeiter verlagert. Für persönliche Zielvereinbarungen ist da kein Platz mehr und auch Rückmeldungen auf die erbrachte Leistung bleiben meist aus. „Teilweise regiert Management by Chaos“, resümiert die Psychologin.

          Kein Wunder, dass die meisten Intrapreneure nach der Arbeit nicht richtig abschalten können. Sie nehmen das Laptop mit nach Hause, wälzen nachts im Bett Probleme. „Die Entgrenzung in den flexiblen Jobs ist beachtlich“, sagt Gerlmaier. Das Paradoxe daran: Wie die echten Freelancer weisen auch Intrapreneure eine extrem hohe Arbeitszufriedenheit auf. Die Psychologin erklärt dies mit dem hohen Verantwortungsbewusstsein und der inneren Motivation der (Quasi-)Selbständigen: „Das Nicht-abschalten-können wird nicht auf das System geschoben, sondern auf die eigene Unfähigkeit, ein Projekt nicht auf die Reihe zu kriegen.“ Fremdorganisierte Selbstausbeutung in Reinform.

          Nicht jedermanns Sache

          Der branchenübergreifende Übergang zum Intrapreneurship werde keineswegs schnell und unkompliziert erfolgen, glaubt Günter Voß, Professor für Industrie- und Techniksoziologie an der Technischen Universität Chemnitz. Und: „Es wird dabei Gewinner und Verlierer geben.“ Was für die einen eine attraktive Herausforderung, kann für andere eine notorische Überforderung darstellen. Ausschlaggebend sind die Kompetenz, sich selbst effizient zu organisieren und den persönlichen Marktwert eigenverantwortlich zu steigern. Aber auch die Fähigkeit, Abstand zu nehmen und der Selbstausbeutung Einhalt zu gebieten.

          Gerade die Deutschen scheinen aber nicht die geborenen Unternehmer zu sein. Im Global Entrepreneurship Monitor 2001 - einer Studie, die die Gründungsaktivitäten in weltweit 29 Ländern beleuchtet - rangiert Deutschland nur auf Rang 22. In keinem anderen Land ist die Furcht vor einem möglichen Scheitern so stark ausgeprägt. Nicht gerade die ideelle Voraussetzung für den Intrapreneur.

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