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Karrieresprung : Heute drin, morgen draußen

  • -Aktualisiert am

Eine Regelwartezeit von 24 Monaten, bevor der Kündigungsschutz greift, bedeutet nicht nur die Vertiefung der Spaltung des Arbeitsmarktes, sondern bringt zudem höhere Risiken für Unternehmen und betrifft vor allem Frauen.

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          Die Werbebranche ist eine harte Branche. Statt langfristiger Verträge vergeben die Agenturkunden immer häufiger Projektaufträge. Wer heute drin ist, kann morgen schon wieder draußen sein. Neue Aufträge werden laut Florian Frhr. von Hornstein, Geschäftsführer und Personalverantwortlicher bei der 550 Mitarbeiter starken Münchner Agenturgruppe Serviceplan daher oft zunächst mit befristeten Arbeitsverträgen und Unterstützung von Trainées sowie Praktikanten abgedeckt.

          Damit könnte bald schon Schluß sein: „Die Verlängerung der Wartezeit würde bei uns klar zu mehr Festanstellungen führen. Das können wir eindeutig versichern, unserer Branche hilft das Mehr an Flexibilität und damit auch dem Arbeitsmarkt“, verspricht von Hornstein.

          Kündigungsschutz erst nach 24 Monaten

          Bundesarbeitsminister Franz Müntefering dürfte diese Zusage freuen. Schließlich, so das erklärte Ziel, sollen die im Koalitionsvertrag vom 11. Nov. 2005 vereinbarten Änderungen beim Kündigungsschutz mehr unbefristete Beschäftigung bringen, mehr Flexibilität und Rechtssicherheit für die Betriebe. So soll künftig die gesetzliche Regelwartezeit (nicht Probezeit) von bislang maximal sechs Monaten auf bis zu 24 Monate verlängert werden können. In dieser Zeit kann der Arbeitgeber ohne Angabe von Gründen mit einer Frist von vier Wochen kündigen. Die verlängerte Wartezeit soll auch bei Wiedereinstellungen gelten, wenn seit dem Ende des vorhergehenden Arbeitsvertrages mindestens sechs Monate vergangen sind. Im Gegenzug soll die bisher bestehende und auch reichlich genutzte Möglichkeit gestrichen werden, neue Verträge ohne sachlichen Grund auf zwei Jahre zu befristen.

          Betroffen wären vor allem Frauen

          Noch steht der Fahr- und Zeitplan für die konkrete Umsetzung nicht fest. Der Referentenentwurf wird frühestens im Frühjahr vorliegen, heißt es aus dem Bundesarbeitsministerium. Dennoch: Berufsanfänger, Arbeitsuchende und Wechselwillige müssen sich wohl auf (noch) härtere Zeiten einstellen und sollten schon mal ihr Verhandlungsgeschick für die künftig individuell aushandelbare Wartezeitdauer trainieren. Und Fluktuation, so die Berechnungen des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB), gibt es mehr als die gemeinhin erhobene These vom starren deutschen Arbeitsmarkt vermuten ließe. Jährlich wechseln zwischen 7,3 und 8,9 Millionen Menschen den Arbeitgeber. Die Hälfte aller neu begonnenen Beschäftigungsverhältnisse endet bereits wieder nach gut einem Jahr, im Durchschnitt beträgt die Betriebszugehörigkeit fünf bis sechs Jahre.

          Vor allem Frauen wären von den geplanten Neuregelungen überproportional betroffen, so Arbeitsmarktforscher Matthias Knuth, Wissenschaftlicher Geschäftsführer am Institut Arbeit und Technik (IAT) in Gelsenkirchen. Der Grund: Sie arbeiten eher in kleineren Betrieben und in nicht voll sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen, die durch einen besonders häufigen Wechsel geprägt sind. „Große Anteile der Beschäftigten hätten überhaupt keine Aussicht mehr, in den vom Kündigungsschutz erfaßten Bereich zu kommen. Die viel beklagte Polarisierung zwischen Insidern und Outsidern würde dadurch vertieft,“ lautet das Fazit des Arbeitsmarktforschers. Denn bereits jetzt sind viele Beschäftigte, vor allem Berufsanfänger, gezwungen, sich mit befristeten Verträgen zu arrangieren und den Dauerspagat zwischen drinnen und draußen auszuhalten.

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