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Karrieresprung : Heikle Freundschaft

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Das gemeinsame Mittagessen ist selbstverständlich, bei Meetings sitzen sie nebeneinander. Freundschaft im Beruf ist keine Seltenheit, birgt aber auch Konfliktstoff. Karriereberater Hermann Refisch erklärt im Interview, wann Freundschaften nützen und wann sie eher schaden.

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          Das gemeinsame Mittagessen ist selbstverständlich, bei Meetings sitzen sie nebeneinander. Vertrautheit pur signalisieren auch die Gespräche über Familie und Kinder, den gemeinsamen Kinoabend oder Wochenendausflug, die Witzeleien über Fehler und Macken des anderen. Freundschaft im Beruf ist keine Seltenheit, birgt aber auch Konfliktstoff. Wer Freundschaft zu demonstrativ zur Schau trägt, riskiert „mentale Inzucht“, so Karriereberater Hermann Refisch im Gespräch mit FAZ.NET. Was der eine nicht erfahren soll, erfährt auch der andere nicht.

          Herr Refisch, Freundschaften sind ein fester Faktor im Arbeitsleben. Wann würden Sie davon abraten?
          Sicherlich in Arbeitsfeldern, wo zu große Vertrautheit mit bestimmten Arbeitsprinzipien kollidiert, wie beispielsweise dem „Vier-Augen-Prinzip“ etwa im Finanzbereich. Nicht ignorieren sollte man auch die Arbeitsumgebung. Es kann besser sein, vorhandene Sympathien vorerst nicht weiter zu vertiefen. Generell dürften Freundschaften über Hierarchiestufen hinweg mehr Konfliktpotenzial bergen. Wenn etwa der Chef auf interne Konkurrenz setzt, um das Geschäft zu beleben, kann es ebenfalls ratsam sein, keine Freundschaft zu entwickeln. Man kann die Intensivierung der Freundschaft ja auch auf später vertagen, wenn die berufliche Beziehung keine Rolle mehr spielt. Oder aber Sie unterlaufen bewusst diese Führungstechnik - dann aber möglichst unauffällig.

          Firmen setzen bei der Personalrekrutierung auch auf Empfehlungen ihrer Mitarbeiter. Sollte man sich auf derartige „Freundschaftsdienste“ einlassen?
          Empfehlungen und Referenzen geben darf ich nur, wenn ich auch dahinter stehe. Was zum Bumerang wird, ist eine Empfehlung, die nur halbherzig abgegeben wird. Wenn ich Bedenken habe und fürchte, dass ein Freund den Anforderungen nicht entspricht, sollte ich auch in der Lage sein, ihm dies zu sagen und zu begründen. Von einem Freund erwarte ich auch kritische Rückmeldungen. Läuft die Empfehlung auf eine enge Zusammenarbeit hinaus, sollte zuerst einmal die Frage geklärt sein: Kann und will ich mit meinem Freund auch arbeiten. Das erfordert einen offenen und guten Austausch.

          Was sollten befreundete Kollegen beachten, um bei den Mitkollegen keine Ressentiments hervorzurufen?
          Schon das tägliche gemeinsame Mittagessen kann bei Mitkollegen Gefühle wie Angst oder Neid auslösen. Man sollte daher ab und an auch mit anderen Kollegen in die Kantine gehen und bei Tisch oder im Büro das Gespräch nicht abrupt verstummen lassen, das löst sofort Misstrauen aus. Binden Sie Dritte in die Unterredung ein. Machen Sie bei Besprechungen aus unterschiedlichen Standpunkten keinen Hehl, um den Eindruck von „die halten ja eh immer zusammen“ entgegenzuwirken. Wer Freundschaft zu demonstrativ zur Schau trägt riskiert zudem, von wichtigen Informationen abgeschnitten zu werden. Hier entsteht schnell so etwas wie „mentale Inzucht“: Was der eine nicht erfahren soll, erfährt dann eben auch der andere nicht.

          An der Spitze ist es einsam, heißt es. Kann Freundschaft auch dann noch funktionieren, wenn der befreundete Kollege in der Hierarchie nach oben steigt?
          Wichtig ist, dass keinesfalls der Eindruck von gegenseitiger Bevorzugung entsteht. Andere Beteiligte wollen erleben, dass Fairness herrscht. Das gilt vor allem bei Jobbesetzungen oder Beförderungen. Wenn die Kriterien transparent sind, kann sich auch der bessere Verlierer damit arrangieren. Gerade junge Führungskräfte unterschätzen oft die Veränderungen, die mit einem Aufstieg einhergehen. Die Kräfte des Systems wirken nun anders, möglicherweise viel stärker auf sie, etwa weil sie jetzt über vertrauliche Informationen verfügen, die sie auch ihrem Freund oder Partner nicht mehr sagen dürfen. Hier sind klare Regeln sinnvoll: Bis wohin geht es, wo endet auch der Vertrauensbonus für Freunde? Beispielsweise dort, wo ich Verschwiegenheit versprochen habe. Andererseits darf der Freund auch nicht insistieren - ebenfalls ein Erwartung an Freunde.

          Wenn bestimmte Themen Tabu sind, steht dann die Freundschaft nicht auf einem sehr wackligen Fundament?
          Freundschaft ist ein sehr buntes Feld, das sehr von den Menschen abhängt. Der Beginn, das Vertiefen, die Pflege und das Ende von Freundschaften bedürfen sozialer Fertigkeiten. Freundschaften beenden ist beispielsweise etwas, das wir nicht gewohnt sind. Meist werden Freundschaften ausgeschlichen, werden gemeinsame Aktivitäten nach und nach reduziert. Oft bleibt dann Enttäuschung, dies oft aber auch deswegen, weil vorher Illusionen vorherrschten. Es war eben nicht Freundschaft sondern es waren gemeinsame berufliche Interessen. Fehlen diese Gemeinsamkeiten, die verbindenden Gespräche über Job und Kollegen, ist es auch mit den privaten Kontakten vorbei, wenn diese berufliche Tätigkeit endet.

          Also doch lieber Finger weg von Bürofreundschaften?
          Statt vieler neuer Bürofreundschaften sollte man lieber die alten pflegen. Gerade in kontakt- und begegnungsintensiven Bereichen tendieren viele dazu, auch den Feierabend noch mit Arbeitskollegen zu verbringen. Nur: von solchen Kontakten bleibt meist wenig übrig, belastbare Beziehungen schon gar nicht. Wer bei berufsbedingten Umzügen neue Freundschaften ausschließlich im Büro sucht, bildet ein einseitiges und möglicherweise instabiles Netzwerk.

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