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Karrieresprung : „Gesundheitsmanagement muss Führungsaufgabe werden“

  • Aktualisiert am
          3 Min.

          Die Mitarbeiter sind das höchste Gut. Meist belassen es Unternehmen bei dieser Verlautbarung, jedenfalls wenn es um die Gesundheit ihrer Beschäftigten geht. „Ansätze zukunftsfähiger betrieblicher Gesundheitspolitik sind bisher noch viel zu selten zu erkennen“, resümiert eine Expertenkommission der Bertelsmann Stiftung und der Hans-Böckler-Stiftung in ihrem kürzlich veröffentlichten Zwischenbericht.

          Dabei trägt das Wohlbefinden der Belegschaft maßgeblich zum Betriebsergebnis bei. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) in Dortmund ermittelte für das Jahr 2001 durchschnittlich 14,6 Fehltage pro Arbeitnehmer. Die damit verbundenen Produktionsausfälle belaufen sich nach ihren Schätzungen auf insgesamt 44,76 Milliarden Euro, der Verlust der Arbeitsproduktivität gar auf 70,75 Milliarden Euro. Letzteres entspricht einem Anteil von 3,44 Prozent am Bruttoinlandsprodukt.

          FAZ.NET sprach mit Bernhard Badura, Professor für Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld und wissenschaftlicher Leiter der Expertenkommission über Notwendigkeit und Ansätze einer veränderten betrieblichen Gesundheitspolitik.

          Warum braucht es neue Konzepte?

          Das geltende Arbeitschutzgesetz sieht den Schutz der Mitarbeiter vor physischen, chemischen und biologischen Schäden vor. Ziel ist die Vermeidung von Berufskrankheiten und Arbeitsunfällen. In der heutigen Wissens- und Dienstleistungs-Gesellschaft treten jedoch verstärkt andere Risiken auf, die häufig zu chronischen Beschwerden führen.

          Um welche Risiken handelt es sich, und wer ist davon betroffen?

          Dazu zählen alle Formen von psychischer und sozialer Belastung wie übermäßiger Leistungsdruck, Mobbing, Gefühle von Hilflosigkeit oder innerer Ausgebranntheit. Zu beobachten ist das besonders häufig im Sozial- und Gesundheitswesen, in Schulen, Call-Centern oder privatisierten Staatsbetrieben, deren Mitarbeiter plötzlich eine erhöhte Belastung verspüren. Ein modernes betriebliches Gesundheitsmanagement bekämpft aktiv die Ursachen und nicht die Symptome.

          Wie kann das konkret aussehen?

          Ein zentraler Baustein ist die regelmäßige Befragung der Mitarbeiter, in der Gesundheitszustand, Fehlzeiten sowie Verbesserungsvorschläge erhoben werden. Dieser firmeninterne Gesundheitsbericht zeigt Entwicklungen auf und bildet die Grundlage für geeignete Interventionen. Das kann die Neugestaltung von Arbeitsplätzen sein. Häufiger aber dürfte die Schnittstelle Mensch-Mensch gesundheitsgefährdend wirken, etwa Mängel in der Organisation oder im Führungsverhalten.

          Das lässt sich aber nicht so einfach verändern

          Deshalb sind Aufklärungsarbeit und Qualifizierungsmaßnahmen nötig. Gesundheits-Experten im Unternehmen müssen fortgebildet, Führungskräfte sensibilisiert und das Top-Management zum Handeln bewegt werden. Dazu ist ein Paradigmenwechsel in der betrieblichen Gesundheitspolitik erforderlich. Wichtigster Akteur soll künftig nicht mehr Staat sein. Schließlich mangelt es nicht an gesetzlichen Bestimmungen, sondern an deren Umsetzung. Die Verantwortung muss sich auf die Unternehmen verlagern, Gesundheitsmanagement zu einer Führungsaufgabe werden. Freilich in enger, konstruktiver Zusammenarbeit mit Betriebs- und Personalrat, Gesundheitsexperten und Beschäftigten.

          Wie können Manager davon überzeugt werden?

          Indem sie erkennen, dass ein aktives Gesundheitsmanagement in ihrem ureigenen Interesse liegt. Unterlassene Aktivitäten produzieren nicht nur Kosten durch Fehlzeiten. Da diese sich zudem negativ auf Arbeitsmenge und -qualität der anwesenden Beschäftigten aus wirken, entgeht dem Unternehmen auch ein Nutzen. In ihrer weiteren Arbeit will die Kommission dafür zweifelfrei nachvollziehbare und verständliche wissenschaftliche Belege liefern.

          Hinzu kommt, dass es aufgrund der demographischen Entwicklung in Deutschland schon bald einen Mangel an Arbeitskräften geben wird. Die Unternehmen müssen alles daran setzen, die Beschäftigungsfähigkeit, aber auch die Motivation ihrer Mitarbeiter zu erhalten. Derzeit aber gehen hierzulande jährlich rund 200.000 Beschäftigte in Frührente. Dieser Ansatz kann als gescheitert betrachtet werden, belastet er doch in erheblichen Maße die Sozialversicherungen - was von den Unternehmen letztlich wieder beklagt wird.

          So vorausschauend agieren in wirtschaftlich schwierigen Zeiten die wenigsten Unternehmen

          Richtig. Die Expertenkommission empfiehlt daher, finanzielle Anreize zu schaffen, etwa in Form von Steuererleichterungen. Der Staat soll künftig also nicht komplett seiner Verantwortung entbunden werden, sondern eine veränderte Rolle als Impulsgeber einnehmen. Schließlich ist davon auszugehen, dass ein präventives Gesundheitsmanagement dazu beiträgt, die Kosten für medizinische Behandlung zu senken. Natürlich muss sicher gestellt werden, dass die steuerlichen Begünstigungen auch tatsächlich der Gesundheit der Mitarbeiter zugute kommen. Als Indikatoren könnten Fehlzeiten oder Verbesserungsvorschläge dienen.

          Was versteht die Kommission unter ihrer „Vision einer gesunden Organisation“?

          Ein wirtschaftlich erfolgreiches Unternehmen, das seine Kunden und Anleger zufrieden stellt und das Potenzial seiner Mitarbeiter voll ausschöpft - ohne dabei auf deren Kosten zu handeln. Das Wohlbefinden der Mitarbeiter wird in Zukunft - neben ihrem physischen Arbeitsvermögen - zur zentralen Voraussetzung für hohe Leistungskraft und Wettbewerbsfähigkeit.

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