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Karrieresprung : Gestern Kollege, heute Chef

  • -Aktualisiert am

Karrieresprung - freitags bei FAZ.NET Bild: F.A.Z. Electronic Media

Was auf den ersten Blick einfach erscheint - als frisch gebackener Chef die ehemaligen Kollegen zu führen - kann sich schnell als ein Aufstieg mit Hindernissen erweisen.

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          Befördert! Vier Jahre lang war Tobias Rasch als Ingenieur in der Entwicklungsabteilung eines Pharmakonzerns tätig. Nun wurde ihm die Leitung des Teams übertragen. Die Freude ist natürlich groß - zumal er mit seinen Kollegen gut auskommt, mit einigen sogar ein freundschaftliches Verhältnis pflegt.

          Nach dem Knallen der Sektkorken macht sich bei dem frisch gebackenen Chef aber erst einmal Ernüchterung breit. Auf einmal ist er nicht mehr Gleicher unter Gleichen. Niemand lädt ihn ein, nach der Arbeit mit auf ein Bierchen zu gehen. Manche Gespräche verstummen plötzlich, wenn er die Teeküche betritt. Seine Kollegen, das sind nun die anderen Führungskräfte im Unternehmen.

          Die neue Rolle akzeptieren

          Mit den Seiten des Schreibtisches wechselt der beförderte Mitarbeiter auch seine Rolle. Diese neue Führungsrolle muss er sich zuallererst bewusst machen. Und sie akzeptieren, in all ihren Ausprägungen. Neben Äußerlichkeiten wie dem Umzug in ein Einzelbüro - empfehlenswert aufgrund der künftig anstehenden Personalgespräche - gehört dazu vor allem ein verändertes Auftreten gegenüber den einstigen Kollegen.

          Mit der gewohnten Kumpelhaftigkeit wird es kaum gelingen, sich bei ihnen plötzlich als Vorgesetzter Respekt zu verschaffen. Versuchen die Mitarbeiter erst einmal, „ganz unter uns“ Privilegien für sich herauszuhandeln, begibt sich die junge Führungskraft schnell auf Glatteis. Selbst wenn sie gerne Zugeständnisse hinsichtlich Geld, Aufgaben oder Arbeitszeiten machen würde: Abgesegnet muss die Entscheidung von der nächst höheren Führungsebene werden. Verspricht der neue Chef Dinge, die er letztlich nicht halten kann, gilt er schnell als unglaubwürdig.

          Keine Scheu vor einem Machtwort

          Selbst wenn es anfangs nicht leicht erscheinen mag: Zur neuen Führungsrolle gehört es nun mal, sich ein Stück weit von den Ex-Kollegen abzugrenzen. Das bedeutet nicht, nun völlig autoritär aufzutreten oder vom gewohnten „Du“ in formelles Siezen zu verfallen. Distanz lässt sich auch herstellen, indem man den Mitarbeitern signalisiert, nicht immer für jeden ansprechbar zu sein, rät Dagmar Kohlmann-Scheerer, Leiterin des Management-Instituts DKS-Training in München.

          Um seine neue Position zu behaupten darf der neue Chef vor allem keine Angst haben, Macht auszuüben. Im Gegenteil: Es ist sogar wesentlicher Bestandteil seiner neuen Führungsaufgabe. Gemeint ist damit freilich nicht der willkürliche Umgang mit der Macht, sondern beispielsweise die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen - falls nötig im Alleingang. Übertriebenes Harmoniebedürfnis kann sich für eine junge Führungskraft schnell als Fußangel erweisen. Zeigt sie keine Bereitschaft, ihre Rolle auszufüllen, werden die stärksten Mitarbeiter im Team versuchen, den „psychologischen Chefsessel“ einzunehmen, weiß der Konstanzer Personaltrainer Ulrich Dehner. Die Folge ist ein permanenter Machtkampf.

          Der droht auch, wenn bei der Besetzung der Position ein Mitarbeiter übergangen wurde. Gut möglich, dass der „Verlierer“ versucht, die Autorität des neuen Chefs zu untergraben. Als ehemaliger Kollege dürften ihm vermeintliche Schwächen bekannt sein. Sein Boykott kann sich auf vielerlei Weise ausdrücken: durch Angriffe auf fachlicher Ebene, Dienst nach Vorschrift oder Intrigen.

          Klären statt verteidigen

          Für die frisch gebackene Führungskraft heißt die nicht ganz einfache Aufgabe dann: Möglichst rasch ein klärendes Gespräch suchen. Auf keinen Fall sollte sie sich auf Machtspielchen einlassen. Wer bei Bemerkungen wie „Du musst nicht demonstrieren, dass du jetzt der Chef bist“ in die Verteidigung gehe, habe schon verloren, sagt Dehner. Eindämmen lässt sich ein derartige Kompetenzgerangel bereits im Vorfeld - indem der Personalchef die Besetzung der Position rechtzeitig und klar kommuniziert.

          Aber nicht nur den ehemaligen Kollegen gegenüber muss sich der beförderte Mitarbeiter beweisen. Gerade bei einer ersten Führungsaufgabe werden die Vorgesetzten kritisch beäugen, ob sie bei der Besetzung der Stelle die richtige Wahl getroffen haben. „Die erste Führungsaufgabe ist daher auch die schwierigste“ weiß Trainerin Dagmar Kohlmann-Scheerer.

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