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Karrieresprung : "Führung kann man nicht lernen"

  • Aktualisiert am
          3 Min.

          Wer eine „Wahnsinnskarriere“ anstrebt und dazu „Die 30 Erfolgsgeheimnisse der Führungselite“ lüften oder „Die Kunst der Motivation“???? erlernen will, wird rasch fündig. An Ratgebern für den Weg nach oben mangelt es wahrlich nicht. Dem „Erfolg-ist-machbar“-Trend hält nun ein Philosoph dagegen: „Führung kann man nicht lernen“, sagt Ferdinand Rohrhirsch, Privatdozent an der Katholischen Universität Eichstätt. FAZ.net sprach mit dem Autor des kürzlich erschienenen Buchs „Führen durch Persönlichkeit“.

          Welchen Beitrag kann die Philosophie in der Frage einer erfolgreichen Unternehmens- und Personalführung leisten?

          Die gängigen Überlegungen zum Thema Führung zentrieren sich immer auf das Wie. Das Nächstliegende wird dabei übersehen, nämlich die Frage: Wer ist der, der führt? Führung hat immer etwas mit dem eigenen Selbst, der eigenen Persönlichkeit zu tun. Wie aber jemand mit sich selbst und anderen umgeht, ist untrennbar mit dem vorherrschenden Menschenbild verknüpft. Die Frage nach dem Wesen des Menschen eine sehr philosophische.

          Wodurch ist dieses Menschenbild Ihrer Meinung nach bestimmt?

          Heute dominiert die Auffassung, das alles planbar, verfügbar und machbar ist. Angefangen vom eigenen Lebensentwurf über die Karriere bis hin zur Leistung der Mitarbeiter. Verfügbar aber sind Dinge und Dinge haben keine Würde, sondern nur einen relativen Wert, der sich aus ihrem Nutzen bestimmt. Viele Manager machen dementsprechend keinen Unterschied zwischen Kennzahlen und Menschen. Sie folgen dem Credo der gängigen Management-Literatur, wonach sie nur die neusten Erkenntnisse und Techniken der Mitarbeitermotivation umsetzen müssen - und die Zahlen stimmen.

          Was ist daran so falsch?

          Um es mit Immanuel Kant zu sagen: Unterstellt man dem Menschen eine „praktische Vernunft“ - also das Vermögen, frei und willentlich zu handeln - so kann er nicht wie eine Sache behandelt und prognostiziert werden. Mitarbeiter kündigen ja meist nicht dem Unternehmen, sondern dem unmittelbar Vorgesetzten. Die entscheidende Frage muss daher lauten: Wie erreiche ich, dass der andere von sich aus will? Dazu muss die Führungskraft den Mitarbeiter - wie es übrigens auch die Philosophie tut - den Menschen als Person anerkennen.

          Worin liegt der Unterschied zwischen Mensch und Person?

          Menschen haben einen Wert, Personen eine Würde. Werte sind miteinander vergleichbar, die Würde ist absolut. Im Unternehmenskontext bedeutet das: Sämtliche Mitarbeiter - vom Vorstand bis zur Schreibkraft - tragen auf ihre Art zum Erfolg der Firma bei und sind damit gleichermaßen wichtig. Freilich hat nicht jeder dieselben Fähigkeiten. Wer von seinen Mitarbeitern hohen Einsatz erwartet, sollte sie in ihrer Begrenztheit ernst nehmen und gezielt ihre Stärken fördern statt sie allgemeinen Leistungszielen zu unterwerfen. Die Mitarbeiter als Person zu achten - das klingt so trivial und ist doch ungeheuer schwierig. Das lässt sich auch nicht in einem Outdoor-Seminar lernen.

          Wo denn? Oder besser: Lässt sie diese Haltung überhaupt lernen?

          Der Grundstein wird in der Erziehung und den dort vermittelten Werten gelegt. Das gilt übrigens auch für die Verantwortung für das eigene Handeln - eine weitere zentrale Eigenschaft einer Führungspersönlichkeit. Entscheidend für deren Ausbildung ist aber auch die Arbeit an der eigenen Person. Das ist ein lebenslanges und mühevolles Unterfangen, aber eben der einzige Weg. Helfen kann dabei ein Coach. Ich meine damit nicht den nach klassischem Verständnis neutralen Gesprächspartner. Damit sich der Manager in seinem permanenten Sinn- und Wertkonflikt weiter entwickeln kann, muss er mit anderen Werten und Ansichten konfrontiert werden. Vom Coach setzt das eine gewisse Lebenserfahrung voraus. Die nötige Bodenhaftung behält der Manager durch ein „vernünftiges Leben“ ohne 7-Tage-Arbeits-Woche. Gespräche in der Familie oder mit einem wirklichen Freund können ihn weiter bringen als diverse Seminare.

          Sind Kurse und Ratgeber demnach überflüssig?

          Nein. Ich möchte die dort vermittelten Werkzeuge auf keinen Fall verteufeln. Sie können sehr hilfreich sein, vorausgesetzt, ihnen wird der richtige Stellenwert beigemessen. Nicht das Werkzeug macht den Meister zum Meister, sondern die Erfahrung im Umgang damit. Das geht freilich mit einem gewissen Alter einher.

          Was ist für Sie eine Führungspersönlichkeit?

          Zunächst: Ein Modell von Führung kann es nicht geben, sondern nur individuell ausgebildete Führungspersönlichkeiten. In meinen Augen ist das ein Gebildeter. Das hat nichts mit sozialer Abstammung oder Bildungsabschluss zu tun. Kennzeichnend ist vielmehr die Fähigkeit, sich selbst zu erkennen und anzunehmen - in der ganzen Brüchigkeit und Vergänglichkeit der eigenen Existenz. Wer das tut, braucht die ihm verliehenen Delegationsbefugnisse nicht als persönliche Macht interpretieren. Er kann die ihm anvertraute Macht einsetzen, wofür er sie bekommen hat - und somit als erster Sachwalter der Sache agieren.

          Das hört sich zugegebenermaßen etwas defensiv an

          Autorität als Führungsperson besitzt nicht, wer sich autoritär aufführt. Autorität kann sich vielmehr herausbilden, wenn sich der Führende unter die gemeinsame Sache stellt. Keine Frage: Im mittleren Management kann man dabei zerfetzt werden. Entscheidend ist also, dass diese Haltung von ganz oben - im Sinne des Wortes - verkörpert wird.

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