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Karrieresprung : Etikette für Azubis

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Gestern noch in der Schulbank gefläzt, heute unter lauter Erwachsenen im Betrieb. Weil dieser Schritt Jugendlichen nicht immer leicht fällt, schicken etliche Firmen ihre Auszubildenden in Benimm-Kurse.

          Die Hose halb in den Kniekehlen, Kaugummi im Mund und ein Handy, das unablässig mit einer nervtötenden Melodie klingelt - so manches jugendliche Attribut ist Arbeitgebern ein Alptraum. Auch das Sozialverhalten der Auszubildenden gibt bisweilen Anlass zum Stirnrunzeln. „Unsere Mitgliedsbetriebe beklagen einen gewissen Werteverlust“, sagt Bettina Wirth, Sprecherin der IHK für München und Oberbayern. „Freundlich grüßen und Tischmanieren werden im Elternhaus offenbar nicht mehr selbstverständlich vermittelt.“

          Lars Bökenkröger, Sprecher der Handwerkskammer Rhein-Main, bestätigt, daß viele Betriebe bei ihren jüngsten Mitarbeitern Grundtugenden wie Pünktlichkeit, Sauberkeit oder Höflichkeit vermißten. Auch das Verhalten gegenüber Kunden werde oft bemängelt. Dies sei insofern problematisch, als die Kunden ihrerseits immer mehr Service und Dienstleitungsorientierung erwarten, so Bökenkröger.

          „Pimp your Azubi“

          Für die Ausbildungsleiter in den Betrieben bedeutet das: Sie müssen den Azubis neben fachlichen Inhalten verstärkt auch elementare Benimm-Regeln vermitteln. Es ist freilich nicht jedermanns Sache, die jungen Kollegen vom Wert einer täglichen Dusche zu überzeugen oder auf die allzu sexy Bluse aufmerksam zu machen. Und so haben sich auf dem höchst ausdifferenzierten Seminarmarkt längst entsprechende Angebote etabliert: Benimm-Kurse für Azubis gehören mittlerweile zum Programm zahlreicher IHKs und Handwerkskammern. Die private Akademie Sandthof im nordrhein-westfälischen Goch stellt seit einigen Jahren gleich eine ganze Seminarwoche unter das Motto „Pimp your Azubi“. Nachgefragt werde das Angebot insbesondere von größeren technologie- und serviceorientierten Mittelständlern, so Geschäftsführer Markus Bremers.

          Den richtigen Umgang mit der Hummerzange lernen die Teenies in den Etikette-Seminaren nicht. Wohl aber, daß sie sich von ihren gewohnten Ausdrucksformen - sei es in punkto Sprache, Frisur, Kleidung oder Körpersprache - in ihrer neuen Rolle als Azubi ein Stück weit verabschieden müssen. „Der Schritt von der Schulbank in einen Ausbildungsbetrieb bedeutet für die Jugendlichen einen radikalen Bruch - das fällt nicht allen leicht“, sagt Karl Hermann Künneth. Der 63 Jahre alte Trainer, einst Geschäftsführer in der Lebensmittelbranche, hat in den vergangenen Jahren mehrere Tausend Jugendliche in Stil und Etikette geschult.

          Hallo Chef, was gibt's?

          Insbesondere am Kommunikationsverhalten hapere es häufig, so Künneth. Er stört sich besonders an dem lapidaren „Hallo“, das viele Teenager als universale Grußformel nutzen. „Lehrer mögen sich damit abgefunden haben, Kunden und Vorgesetzte tun das nicht“, rügt der Benimm-Profi. Auch die Antworten auf Fragen sind ihm oft zu einsilbig, Nachfragen wie „hä?“ ein Graus. „Viele Jugendliche scheinen es verlernt zu haben, in ganzen Sätzen zu sprechen“, so der Trainer.

          Dass man den Chef nicht wie einen Kumpel duzt, hat er seinen Teilnehmern schnell erklärt. Etwas komplizierter verhält es sich mit den Rangfolgen: Grüßen sollte der Jüngere zuerst, einen Händedruck anzubieten ist hingegen Sache des höher Gestellten. Steht im Privaten - jedenfalls der Etikette zufolge - die Frau stets über dem Mann und der Fremde über dem Bekannten, zählen im Berufsleben Hierarchie, Betriebszugehörigkeit und Dienstalter.

          Künneths wichtigste Regeln in punkto Kleidung: Niemals bauchfrei, tief dekolletiert oder nachlässig. Das Piercing raus, lange Haare zurück binden. Insbesondere junge Frauen sollten sich klar machen, ob sie für ihr scharfes Aussehen oder ihr Können geschätzt werden wollen. Für das Meeting rät der Trainer: Die Jacke nicht über die Stuhllehne hängen, gerade sitzen, Hände auf den Tisch, aber nicht zum Nägel feilen - und Finger weg vom Schokoladengebäck.

          Bitte zu Tisch

          Überhaupt, das Thema Essen: Wähnten sich die jungen Mitarbeiter früher allenfalls in der Kantine beim Kauen beobachtet, so müssen sie heute schon mal mit ins Restaurant - zum Geschäftsessen mit Kunden. „Den Azubis wird mehr zugemutet“, sagt Coach Monika Scheddin. Auch das sei ein Grund für die gestiegene Nachfrage der Firmen nach Benimm-Kursen. Einen anderen sieht sie in den Jugendlichen selbst: „Sie verhalten sich Erwachsenen gegenüber viel angstfreier als wir seinerzeit - das gilt im Positiven wie im Negativen.“

          Das stilvolle Schlemmen übt die Trainerin in ihren Etikette-Seminaren beim gemeinsamen Mittagessen am fein gedeckten Tisch. Wie arbeitet man sich durch das Besteck, welches Glas für welchen Wein und wohin mit dem knorpeligen Stück Fleisch im Mund? Erste Regel aber auch hier wieder: gerade sitzen! Und auf die Frage des Kellners, ob es geschmeckt hätte, bitte nicht allzu ehrlich antworten.

          Glaubt man den Benimm-Trainern, so entwickeln die meisten Seminar-Teilnehmer Spaß an korrekten Umgangsformen - „sobald sie erfahren, warum sie sich so und nicht anders verhalten sollen“, sagt Scheddin.

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