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Karrieresprung : Die Weichen werden früher gestellt

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Wer die entscheidenden Karriereschritte nicht in den ersten 5 Jahren geschafft hat, muss sich oft mit der Rolle des „Edelsachbearbeiters“ begnügen. Das besagt die Studie „Die Leistungsträger“. Denn die Zahl der Akademiker steigt immer weiter - und damit steigt auch der Wettbewerb.

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          Vornehm und gediegen, dabei etwas distanziert und steif, so war noch vor zwölf Jahren der Umgangsstil bei der Firma „Minerva“. Die Kleiderordnung war gehoben-konservativ, grauer Anzug und Krawatte waren Pflicht bei den Herren. Die Statussymbole wurden gepflegt und zeigten sich auch in der differenzierten Ausstattung der Büroräume. Die deutsche Tochter eines Ölmultis war eine Mischung aus norddeutscher Bodenständigkeit mit eigenem „Landesfürsten“, britischem Umgangsstil und dem internationalen Flair einer Weltfirma.

          Zehn Jahre später staunten Hermann Kotthoff, Professor für Soziologie an der Technischen Universität Darmstadt und Alexandra Wagner vom Forschungsteam Internationaler Arbeitsmark in Berlin nicht schlecht. Der Firmensitz war vom imposanten Hochhaus in zentraler Hamburger Lage in eine gewöhnliche, enge Büroimmobilie verlegt worden. Statussymbole gibt es nicht mehr, auch die ranghöchsten Manager sitzen im Großraumbüro, alle, auch die Chefs, werden mit dem englischen Du und Vornamen angesprochen. Zum Interview, das in der Zeit der Fußball-WM 2006 stattfand, erscheinen die Gesprächspartner im deutschen Trikot einschließlich Shorts. Auch die Führungskräfteauslese und Entwicklung hatte sich radikal verändert.

          Nationale Prioritäten existieren nicht mehr. An allen Standorten herrscht ein Mix aus Managern aus den unterschiedlichsten Herkunftsländern. „Don't worry be happy“ scheint als Motto über dem Haus zu schweben. „Man wähnt sich eher in einer Jugend- oder Hippy-Kultur“, schreibt das Forschungsteam in der aktuell erschienenen Studie „Die Leistungsträger.“ Dennoch wird die neue Organisations- und Arbeitskultur bei den „Minervanern“ mit gemischten Gefühlen gesehen. „Das Arbeitserleben ist einerseits bestimmt durch die narzisstische Kränkung wegen der Degradierung des eigenen Standorts, andererseits durch die Reize einer interessanten multikulturellen Erlebniswelt.“

          Erste Globalisierungsopfer

          Den Satz „Sie werden die Firma nicht wieder erkennen“, hörten Kotthoff und Wagner im Rahmen ihrer Folgestudie bei einigen der insgesamt neun untersuchten und anonymisiert dargestellten Großunternehmen. Bereits 1994 hatte Kotthoff dort eine Erststudie zur Situation der Fach- und Führungskräfte durchgeführt. Zu diesem Zeitpunkt waren Restrukturierungen im Zeichen der Globalisierung und des Shareholder-Value bei vielen Unternehmen im vollen Gange. Erstmals fielen damals auch die Führungskräfte aus dem mittleren Management den Umstrukturierungen zum Opfer, nahmen die Aufstiegschancen rapide ab.

          Vorbei waren die Zeiten, als man sich mit dem Top-Management noch als Gruppe fühlte, gekündigt das „privilegierte Gemeinschaftsmodell“ mit seinem sozialen Austausch, seiner Arbeits- und Lebenssicherheit und nicht zuletzt seinem üppigem Gehalt. Kotthoffs damaliger Befund: Etwas mehr als die Hälfte war unzufrieden, fühlte sich ausgebremst und getäuscht.

          Früh gestellte Karriereweiche

          Einige Befunde der aktuellen Studie sind denn auch nicht gerade ermutigend für die (künftigen) Akademikergenerationen. Denn der Trend zur Akademisierung der Belegschaften hat gegenüber 1994 nochmals deutlich zugenommen, liegt heute in manchen Unternehmen bereits bei 50 bis 80 Prozent. Die Folge: „Die Karrierechancen bei den Großunternehmen haben sich verschlechtert. Viele Hochqualifzierte werden nie Führungskraft werden, sondern Fachkraft bleiben bis zu ihrer Pensionierung“, so Kotthoff.

          Die Weichen dafür werden dabei schon in den ersten Berufsjahren gestellt. Wer es in den ersten drei bis fünf Jahren nicht auf die High-Potential-Liste geschafft hat, noch zu keinem Assessment-Center geladen wurde, muss sich mit der Karriere eines „Wissensarbeiters“ - mit Betonung auf letzterem - begnügen. Zugleich wurde das Leistungsniveau deutlich höher geschraubt. „Der Hochleistungssportler ist heute der gefragte Menschentyp“, so die Autoren. „Gute Leistung allein reicht nicht mehr. Man muss positiv auffallen und zugleich im Lichtkegel dieser Aufmerksamkeit konstant eine überdurchschnittliche Leistung und die Bereitschaft zu Extra-Leistungen bringen.“

          Karriereverzicht ohne Tränen

          Trotzdem sei die Stimmung auch bei den frühzeitig „Ausgebremsten“, die spätestens mit 35 Jahren erkennen müssen, dass sie vor einer Karrierewand stehen, keineswegs verbittert. Nur ein kleiner Teil suche sein Glück im Wechsel, das Gros hingegen richtet sich relativ zufrieden auf der Position als „Edelsachbearbeiter“ ein. „Das schlimmste was einem passieren kann, ist, dass man den Job den man macht, ein Leben lang macht. Damit könnte ich ganz gut leben“, sagte etwa eine 32jährige Biogenetikerin im Gespräch.

          „Rückzugsreife Realisten“ nennt das Autorenduo diese Gruppe, zu der bereits ein Fünftel der Befragten gehört.„Der Karriereverzicht ohne Tränen ist ein neues Verhaltensmuster bei den Hochqualifizierten“, macht Kotthoff deutlich. „Sie hören nicht auf, beitragsorientierte Leistungsträger zu sein, aber nun in einer kleineren Ausgabe, nicht mehr XXL sondern nur noch XL.“

          Eine Frage der Ehre

          Ein weiteres Ergebnis der Studie: Die Identifikation mit der Firma und das „commitment“ sind weiterhin überraschend hoch, aber weniger emotional gefärbt. Der Paternalismus hat als Führungsmodell endgültig ausgedient. „Beide Seiten stellen sich auf eine „Lebensabschnittsbindung“ ein“, stellt Kotthoff fest. Wie das Arbeitserleben wahrgenommen wird, hängt dagegen sehr stark von den Kategorien „Inspiration“ und „Ehre des Kollektivs“ ab, für die vier verschiedene Muster identifiziert werden.

          Zu einer Loosertruppe zu gehören sei etwa die Grunderfahrung der Fach- und Führungskräfte in dem Muster „anomische Hochleistungskultur“, bei der „inspirierten Hochleistungskultur“ heißt das Stichwort hingegen „Mannschaftsgeist“.

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