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Karrieresprung : Corporate Volunteering: Anpacken fürs Gemeinwohl

  • -Aktualisiert am

In den USA spornen Unternehmen schon lange ihre Mitarbeiter zum sozialen Engagement an. Corporate Volunteering kommt nun auch nach Deutschland.

          3 Min.

          Jeans statt Bundfaltenhose, die Ärmel hochgekrempelt und anstelle des Aktenkoffers Hammer und Pinsel in der Hand. So ausgerüstet verlegten knapp 20 Mitarbeiter des US-Mischkonzerns General Electric (GE) drei Tage lang Eichenparkett, kleideten Wände mit Holz aus und verpassten dem Flur einen neuen Anstrich. Schauplatz: Ein renovierungsbedürftiger Kindergarten in Vaterstetten bei München.

          Kein Teambildungs-Event und auch kein Selbstfindungskurs. Zweck der Gemeinschaftsaktion war allein der Dienst an der guten Sache. Die Freizeit-Handwerker gehören GE Elfun an, einem Verein aktiver und pensionierter GE-Mitarbeiter. Weltweit zählt GE Elfun über 45.000 Mitglieder in 21 Ländern. In New York versorgten sie Feuerwehrleute an den Ruinen des World Trade Center mit Essen, im indischen Hyderabad kümmern sie sich um Straßenkinder - finanziell und moralisch unterstützt vom Top-Management. „Es ist gern gesehen, wenn sich Mitarbeiter engagieren“, sagt Jennifer Pattermann, Vorstandsmitglied von GE Elfun in Deutschland.

          Das Unternehmen als guter Bürger

          Corporate Volunteering nennt sich dieser Geist, Anpacken fürs Gemeinwohl. Er stammt, selbstredend, aus den USA. Dort ist der Gemeinsinn tief verwurzelt. Der Grundsatz: „Ich hatte Glück in meinem Leben, davon sollen auch andere profitieren“, gilt auch für die Wirtschaft: Das Unternehmen als guter, engagierter Bürger.

          Globalisierung und Fusionen brachten diese Idee in den vergangenen Jahren auch nach Europa. Als Vorreiter gelten England, die Schweiz und die Niederlande. Hierzulande hätten erst wenige Firmen den Kern begriffen, resümiert der Münchner Soziologe Gerd Mutz. Das Engagement reduziere sich meist auf bequeme und nützliche Praktiken wie Spenden und Sponsoring.

          Freilich: Die sozialstaatlichen Leistungen in Deutschland sind nicht mit denen der USA zu vergleichen. Die Politik bleibe auch weiterhin in der Letztverantwortung, versichert Bundesfamilienministerin Christine Bergmann. Dennoch fordert sie: „Die Unterstützung sozialer Projekte muss zum selbstverständlichen Teil der Unternehmenskultur werden.“

          Gemeinsinn verbessert das Image

          Der Weg dorthin ist weit, die Aussichten aber nicht schlecht, heißt es in dem kürzlich veröffentlichten Abschlussbericht einer vom Bundestag eingesetzten Enquete-Kommission. Denselben Schluss zieht eine von der Hamburger Körber-Stiftung geförderte Machbarkeitsstudie. „Insbesondere Global Player werden ihre Programme mittelfristig auch in Deutschland starten“, glaubt Studienleiter Dieter Schöffmann.

          Wie etwa Ford. Der Automobilhersteller stellt seine Mitarbeiter in Köln zwei Arbeitstage pro Jahr für den Einsatz in sozialen Projekten frei. Das gehöre zur unternehmerischen Verantwortung wie umweltfreundliche Produktion oder Sozialleistungen, begründet Norbert Krüger, Leiter Corporate Citizenship bei Ford. Völlig uneigennützig ist das Engagement freilich nicht. Krüger: „Es verbessert das Image - bei Kunden wie auch bei Mitarbeitern.“

          Packen die Angestellten gemeinsam für die gute Sache an, stärkt das zudem den Teamgeist, weiß Martina Hillbrenner, Geschäftsführerin von „AXA von Herz zu Herz“. Der gemeinnützige Verein des Versicherungskonzerns zählt allein in Deutschland über 700 Mitglieder, die in ihrer Freizeit in Behinderteneinrichtungen oder Hospizen mithelfen.

          Keine Frage der Firmengröße

          Dass derartiges Engagement nicht den Konzernen vorbehalten ist, beweist die Kölner Marketing-Agentur b+d. Sie organisiert für Kinder aus sozial schwachen Familien jeden Sommer eine Ferienfreizeit. Geschäftspartner beteiligen sich mit Sachspenden, die Stadt Köln schickt Betreuer mit auf die Fahrt. Anlass war ein Firmenjubiläum, das die kinderreiche Chef-Etage statt mit einer Feier mit einer guten Tat begehen wollte.

          Andere Firmen wiederum unterstützen Mitarbeiter, die sich aus eigenem Antrieb in ihrer Freizeit ehrenamtlich betätigen. Sie gestatten ihnen, Telefon, Drucker und Arbeitsmaterialien dafür zu nutzen oder steuern selbst etwas dazu bei. So beteiligte sich der Konsumgüterriese Henkel vergangenes Jahr an 260 Mitarbeiter-Projekten mit Sachspenden im Gegenwert von 120.000 Euro.

          Um das unternehmerische Engagement zu fördern, rät die Enquete-Kommission zu steuerlichen Begünstigungen sowie einer Praxis der Anerkennung durch die Politik. Zudem bedürfe es einer lokalen und regionalen Infrastruktur an Vermittlungs- und Beratungsorganisationen, so die Experten. Auf europäischer Ebene hat sich mit „Cecile“ bereits ein derartiges Netzwerk gegründet. An fehlenden Kontakten soll die Ausweitung internationaler Programme auf Deutschland künftig nicht scheitern.

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