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Karrieresprung : Brennpunkt Betrieb

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Persönliche Krisen, Depressionen oder Sucht beeinträchtigen die Arbeitsleistung und erhöhen die Fehlzeiten. Einige Unternehmen betreiben deshalb professionelle Sozialarbeit.

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          Ja, morgen sei sie in jedem Fall im Büro erreichbar, sagt Sigrid Bolengo. „Wir hatten vor ein paar Tagen einen Banküberfall.“ Das bedeutet Arbeit für die Sozialpädagogin: Kontakt aufnehmen zu den Mitarbeitern der ausgeraubten Filiale, klären, ob sie die überstandene Gefahr schon verarbeitet haben oder dazu möglicherweise professionelle Hilfe benötigen. In diesem Fall würde sie die Betroffenen an einen Trauma-Spezialisten verweisen. Zu Sigrid Bolengos Klienten zählen ausschließlich Banker: Sie arbeitet in der - wohlgemerkt: internen - Sozialberatung der HypoVereinsbank in München.

          Seit über zehn Jahren können sich Mitarbeiter des Konzerns dorthin wenden, wenn plötzlich der Boden unter den Füßen schwankt. Aus welchem Grund auch immer: Weil sie den beruflichen Anforderungen, dem Druck des Vorgesetzten oder den Intrigen der Kollegen nicht mehr standhalten können. Weil sie durch ein einschneidendes Ereignis - eine Scheidung, ein Todesfall - in eine persönliche Krise stürzen. Und dadurch in eine Depression verfallen oder aber zur Flasche greifen. Ihnen stehen Sigrid Bolengo und ihre beiden Kollegen als Ansprechpartner und erste Anlaufstelle für die Planung weiterer Schritte zur Verfügung. Hilfe zur Selbsthilfe, lautet das Ziel der Berater.

          Die Krise nach dem Sturm

          Rund 40 Klienten zählen sie pro Monat. In turbulenten Zeiten, etwa nach der Fusion zur HypoVereinsbank im Jahr 1998, sind es deutlich mehr. So läßt auch der kürzlich vollzogene massive Stellenbau eine verstärkte Nachfrage erwarten. Bemerkbar machen sich psychosoziale Probleme schließlich immer etwas zeitverzögert, weiß Bolengo: „Während des Umbruchs nimmt sich jeder zusammen. Erst wenn der Alltag wieder eingekehrt ist, wird deutlich, wo Mitarbeiter mit den neuen Gegebenheiten nicht klar kommen.“ Die Sozialberater sind der Personalabteilung zugeordnet und somit gut darüber informiert, was im Unternehmen läuft. Der Kontakt zu ihnen erfolgt vertraulich, ohne daß die Vorgesetzten davon erfahren müssen.

          Die wiederum werden im Rahmen des Führungskräftetrainings der Bank mit dem Angebot bekannt gemacht und im Umgang mit psychisch labilen oder suchtgefährdeten Mitarbeitern geschult. Keine leichte Aufgabe, der Vorgesetzte in vielen Unternehmen oft mit zwei zugedrückten Augen aus dem Weg gehen. Dabei seien etwa die Symptome für ein Alkoholproblem auch ohne übelriechende Fahne leicht zu erkennen, sagt Sigrid Bolengo: „Ein plötzlich sehr emotionales Verhalten, starke Stimmungsschwankungen, Ausreden, Unzuverlässigkeit und gehäufte Fehlzeiten sollten den Vorgesetzten stutzig machen.“ Dann sei es Zeit für ein offenes Gespräch - freilich ohne dem Mitarbeiter gleich ein Alkoholproblem zu diagnostizieren.

          Alkoholismus: Keine Privatsache

          Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) geht davon aus, daß hierzulande rund fünf Prozent der Beschäftigten alkoholkrank und weitere zehn Prozent unmittelbar gefährdet sind. Sie weisen in der Regel eine eingeschränkte Leistungsfähigkeit auf, fehlen häufiger und sind öfter als ihre Kollegen in Arbeitsunfälle verwickelt. Mit zunehmender Unzuverlässigkeit sinkt meist die Toleranz von Kollegen, die das Verhalten des alkoholkranken Mitarbeiters zunächst stillschweigend tolerieren. Der Betroffene wird jahrelang durchgeschleift, bis er vielleicht irgendwann frühzeitig pensioniert oder wegen grober Pflichtverletzung entlassen wird.

          Unternehmen, die die psychosozialen Probleme ihrer Mitarbeiter als deren Privatsache betrachten, schaden sich nicht nur selbst, sondern verletzten auch ihre Fürsorgepflicht, sagt Waltraud Schäfer, Gesundheits- und Suchtbeauftragte der IG Metall. „Die Menschen verbringen schließlich den Großteil ihres Lebens in der Arbeit. Und oft gründet die Ursache ihrer Probleme genau dort.“ So sind im übrigen Führungskräfte besonders suchtgefährdet.

          Entwöhnung auf Betriebskosten

          Mit gutem Vorbild in Sachen betrieblicher Fürsorge geht beispielsweise der Automobilhersteller Ford voran. Er bietet Rehabilitationsprogramme für alkoholkranke und andere suchtabhängige Mitarbeiter - offenbar mit Erfolg: „Drei Viertel aller therapiewilligen Alkoholkranken können innerhalb von sechs bis zwölf Monaten in trockenem Zustand erfolgreich in den Arbeitsprozeß wieder eingegliedert werden“, sagt Dr. Gerd Herold, Leiter des medizinischen Dienstes der Kölner Ford-Werke AG.

          Seinen qualmenden Mitarbeitern bietet der Konzern ebenfalls Entwöhnungskurse an. „Rauchen verursacht ein Drittel aller Krebskrankheiten und ist ein Hauptrisiko für Herzinfarkt und Schlaganfall. Darum muß es das Anliegen eines jeden Unternehmen sein, dem Mitarbeiter Hilfestellung zu geben vom Rauchen los zu kommen“, begründet Herold.

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