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Karrieresprung : Bitte Umsteigen

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Für ihre berufliche Mobilität müssen Arbeitnehmer im Schnitt ein Monatsbruttoeinkommen aufwenden, ergab kürzlich eine Studie. Vielerorts steuern Firmen hier schon gegen. Die Ansätze reichen von innerbetrieblichen Mitfahrportalen bis hin zu kostenlosen Tickets für den öffentlichen Nahverkehr.

          Sein Auto nutzt Jörg Stendel während der Woche nur in Ausnahmefällen. Für die knapp eine Stunde dauernde Fahrt zur Arbeit ins circa 35 km entfernte Düsseldorf nimmt der Mülheimer lieber Straßenbahn und Regionalexpress.

          Schneller wäre er auch mit dem Auto nicht, weiß er aus Erfahrung. Dafür gibt es täglich zu viele Staus, verursacht von Heerscharen von Berufspendlern, die aus ihren am Rande des Ruhrpotts gelegenen Städten und Dörfern zu ihren Arbeitsplätzen in die Metropolen fahren - und dafür tief in die Tasche greifen müssen.

          Der Weg zur Arbeit ist teuer

          Auf durchschnittlich 1834 Euro jährlich belaufen sich die beruflichen KFZ-Kosten eines Mülheimer Berufspendlers, wie die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) jüngst ermittelte. Schlusslicht der Studie, in der die beruflichen Fahrtkosten von Pendlern in 100 deutschen Städten untersucht wurden, bildet mit 2705 Euro jährlicher Belastung das nordrheinwestfälische Velbert.

          Im Durchschnitt kostet der Weg zur Arbeit nahezu das durchschnittliche Monatsbruttoeinkommen eines Arbeitnehmers, so die Studie. Zumindest, wenn man ihn allein im Auto zurücklegt.

          Alternativen Job-Ticket und Mitfahrbörse

          Jörg Stendel kommt da weitaus günstiger weg, und dies nicht nur, weil die KFZ-Kostenbilanz gegenüber öffentlichen Verkehrsmitteln generell schlechter ausfällt. Er hat ein Job-Ticket in der Tasche, das ihm die unbegrenzte Nutzung von Bahn und Nahverkehrsmitteln erlaubt. Das Gros der Ausgaben dafür übernimmt sein Arbeitgeber, die Düsseldorfer West LB. „Ich zahle monatlich nur einen kleinen Beitrag“, bestätigt Umweltmanagementbeauftragter Stendel.

          Ein Renner war das schon vor Jahren eingeführte Job-Ticket freilich lange nicht. Der schlichte Grund: Kaum einer wusste davon. Zum Durchbruch verhalf ihm erst ein in 2006 mit Auszubildenden durchgeführtes Projekt zum Thema Mobilität. Neu eingeführt wurden zudem eine Intranet-Datenbank für Mitfahrgelegenheiten sowie Duschgelegenheiten „für die Heizer“ unter den Fahrradfahrern. Denn Radfahren, das verdeutlichte der von den Azubis gemachte und im Intranet dokumentierte Vergleichstest, ist im Stadtverkehr sowohl die schnellste wie kostengünstigste Lösung. Das Job-Ticket nutzen derzeit gut zwei Drittel der rund 3060 West-LBler und so mancher Banker fährt mittlerweile via Fahrgemeinschaft zur Arbeit, wobei genaue Zahlen dazu nicht vorliegen. „Die Datenbank wird definitiv genutzt, und wir werden dieses Thema innerhalb der West LB auch immer wieder kommunizieren“, sagt Stendel.

          Maßnahmen müssen ständig kommuniziert werden

          Denn ohne Werbung geraten betriebliche Mobilitätsangebote für Mitarbeiter schnell wieder in Vergessenheit, weiß der Umweltmanager. „Das Problem ist, dass man solche Aktivitäten immer präsent halten muss, sonst schlafen sie wieder ein.“ Das grüne Mitarbeitergewissen weiter wach halten lautet auch das Ziel einer Maßnahme, die aktuell beim Verein für Umweltmanagement in Banken, Sparkassen und Versicherungen (VFU) Thema ist. „Wir diskutieren derzeit, ob es möglich ist und Sinn macht, auch die CO2-Belastung durch Pkw zu erfassen, die für den Arbeitsweg genutzt werden. Darüber hätten wir sicher noch einmal einen Ansatz, die Mitarbeiter dazu zu bewegen, Fahrgemeinschaften zu bilden oder den ÖPNV zu nutzen.“

          Wie die West LB versuchen schon einige Unternehmen, ihre Mitarbeiter durch Information und nicht zuletzt materielle Anreize zum Umsteigen auf umweltfreundlichere, gesündere und Kosten sparende Alternativen für die Fahrt von und zur Arbeit zu motivieren. Dass der Einsatz sich auch unmittelbar für die Betriebe lohnt, zeigen die Ergebnisse der mittlerweile 18 Unternehmen, die bislang am Münchner Förderprogramm Betriebliches Mobilitätsmanagement teilgenommen haben. So konnte etwa der Nutzfahrzeugkonzern MAN durch die eingeführten Maßnahmen (Job-Ticket, Unterstützung bei der Bildung von Fahrgemeinschaften) beim Neubau seines Parkhauses 50 Stellplätze und damit einmalig 250.000 Euro einsparen. „Bei der Parkplatzsituation sehen die Betriebe die direkten Vorteile für sich“, weiß Jörn Peter, der als Mitarbeiter der Beratungsfirma Arqum das Münchner Programm mitbetreut. Vor allem aber sind es Umweltaspekte, durch die sich die Firmen zunehmend in die Pflicht genommen sehen, das Thema nicht länger ausschließlich als Privatsache zu sehen. „Die durch die Mitarbeiteranreise verursachte Schadstoffemission ist mindestens so relevant wie die produktionsbedingte Emission“, erklärt Peter. So ergeben allein 50 MAN-Pkw-Fahrer weniger eine Einsparung von jährlich 28 Tonnen CO2 Emission.

          Fährst du noch oder arbeitest du schon

          Beitragen kann hier auch „der grüne Weg zur Arbeit“, wie die vor den Toren Münchens gelegene Ikea-Filiale Brunnthal ihr Erfolgsrezept nennt. Rund 32 der 420 Mitarbeiter strampeln inzwischen auf firmeneigenen Fahrrädern zur Arbeit, die ihnen gegen einen Jahresbeitrag von 50 Euro auch für den privaten Gebrauch zur Verfügung gestellt werden. Wer öfter als 80 Mal damit zur Arbeit fährt, erhält die Hälfte des Beitrags zurück.

          Um sicherzustellen, dass die Räder auch wirklich für den Arbeitsweg zum Einsatz kommen, wurde der Nutzerkreis auf einen Anfahrtsweg von längstens 15 Kilometer beschränkt. „Für alle anderen ist es uninteressant“, argumentiert Steffen Grewe, Ikea Green Verantwortlicher in Brunnthal. Immerhin 5200 Euro Fahrtkosten können die Mitarbeiter durchs Radeln einsparen, aber auch für das Unternehmen zahlt sich das Engagement aus, so Grewe: „Das Umwelt-Image von Ikea bei den Mitarbeitern hat sich deutlich verbessert.“

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