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Karrieresprung : Bewerben ohne Mappe

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Es gibt wieder Jobs. Doch wer nur auf Stellenanzeigen reagiert, vergibt viele Chancen. Experten raten, sich gezielt seinem Wunscharbeitgeber vorzustellen - als Problemlöser, nicht als Bewerber.

          Vorbei, die mageren Jahre. Die Wirtschaft brummt, viele Unternehmen stellen wieder ein, wie sich nicht zuletzt an den steigenden Umfängen der Stellenanzeigen zeigt. Wer freilich nur auf Gesuche reagiert, vergibt viele Chancen. „Insbesondere dann, wenn man ein K.O.-Kriterium in seinem Lebenslauf hat“, sagt Bettina Sturm, Expertin für berufliche Neuorientierung. Die ehemalige Headhunterin und Personalleiterin weiß: „Bei der Personalauswahl werden bestimmte formale Kriterien angelegt, um der Flut von Bewebungen Herr zu werden.“

          Raus aus dem Stapel ist man schnell. Weil man etwa über den zweiten Bildungsweg akademische Ehren erlangt hat oder weiblich, verheiratet und Mitte 30 ist - und damit unter akutem Gebärverdacht steht. Hinzu kommt: Längst nicht jede offene Stelle wird öffentlich gemacht. Schätzungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit zufolge, werden mehr als zwei von drei Vakanzen unter der Hand besetzt. Um an sie ranzukommen, braucht man gute Kontakte. Oder man ist mit einer überzeugenden Initiativbewerbung zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

          Das Schlüssel-Schloss-Prinzip

          Überzeugend meint: Keine Massenmail, kein Standardanschreiben, keine halbherzigen Anfragen, ob vielleicht gerade zufällig eine Stelle frei wäre. Sturm rät zu gezielten, dafür bestens vorbereiteten Aktionen nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip: „Ihr persönliches Profil ist der Schlüssel, für den Sie das passende Schloss suchen.“ Dafür gilt es zunächst, das eigene Profil möglichst klar und individuell heraus zu erarbeiten - ausgehend von den persönlichen Stärken („Wer bin ich?“), den fachlichen, methodischen und sozialen Kompetenzen („Was kann ich?“) und schließlich der Frage: Was will ich überhaupt? Welche Aufgaben erledigen, unter welchen Rahmenbedingungen, in welcher Firma?

          Sind Wunschposition und -arbeitgeber identifiziert, beginnt die Detektivarbeit: Welche Entwicklungen zeichnen sich in der Firma ab? Vor welchen Herausforderungen und Problemen steht sie? Und vor allem: Wie kann ich diese mit meinen Erfahrungen und Kompetenzen lösen? Hilfreiche Quellen für die Recherche sind Unternehmensdarstellungen und Berichte in der Fachpresse. Noch besser ist es, über Mitarbeiter der Firma Interna zu erfahren. „Deklinieren Sie systematisch durch, wen Sie kennen und wer Ihnen einen Kontakt vermitteln könnte“, rät Sturm. Jeder Mensch habe ein Netzwerk, seien es Freunde, ehemalige Kommilitonen oder Kollegen. „Man darf sich nur nicht scheuen, es zu nutzen.“

          Keine Angst vorm Telefonieren

          Den Kontakt zum Wunscharbeitgeber sollte man auf jeden Fall telefonisch und nicht per Mail aufnehmen. Vorab gilt es, den verantwortlichen Ansprechpartner zu recherchieren. Der sitzt keinesfalls in der Personalabteilung. Der Bedarf an neuen Mitarbeitern entsteht schließlich in den Fachabteilungen. Und Fachleute sind an der praktischen Lösung von Aufgaben interessiert, eine krumme Stelle im Lebenslauf stört sie nicht. Allerdings: Wer sich ungefragt anbietet, muss vom Fleck weg überzeugen. „Üben Sie deshalb, sich kurz und knackig zu positionieren“, so Sturm. Und zwar als kompetenter Problemlöser für eine bestimmte Aufgabe. Das Wort „Bewerben“ streicht man am besten gleich aus seinem Vokabular, empfiehlt die Karriereberaterin Svenja Hofert.

          Erklärtes Ziel einer Initiativbewerbung ist es, zu einem persönlichen Gespräch eingeladen zu werden. Ob das mit einem Anruf gelingt, hängt auch von der eigenen Einstellung ab. Hofert rät, den telefonischen Kontakt als Bereicherung zu sehen - „und nicht als schnelle Antwortbeschaffungsmaßnahme oder gar als Selbstbestätigung, dass Anrufe eben doch 'blöd' sind.“ Wer nur sein Sprüchlein runterleiert, wird scheitern. Wurde der Kontakt zum Unternehmen über einen Bekannten vermittelt, bietet dies einen guten Gesprächseinstieg. Bevor man munter drauflos plaudert, sollte man den Gesprächspartner aber in jedem Fall fragen, ob er gerade ein paar Minuten Zeit hat. Höflichkeit ist oberstes Gebot, auch in der Frage, ob man sich zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal melden dürfe. „Halten Sie sich an Vereinbarungen“, so Hofert.

          Bitte weiter reichen

          Die Karriereberaterin hat noch weitere Strategien parat für Jobwechsler, die nicht auf dem Bewerberstapel landen wollen. Etwa die „Schneeball-Strategie“: Hier geht es darum, den Wunsch nach einer beruflichen Veränderung an die große Glocke zu hängen - und darauf zu hoffen, dass es an die richtigen Ohren gelangt. Hofert empfiehlt dazu, eine Liste mit Namen von ehemaligen Chefs, Kollegen und gut vernetzten Freunden zu erstellen, die bei der Suche behilflich sein könnten. Sie erhalten einen prägnant formulierten Lebenslauf (keine Bewerbungsmappe) mit der Bitte, diesen mit ein paar empfehlenden Worten weiter zu reichen. An wen, das überlegt man vorher gemeinsam. Ob das funktioniert? Das hängt nicht zuletzt davon ab, wie viel die Helfer für einen zu tun bereit sind.

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