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Karrieresprung : Betreuung als Bilanzposten

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„Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ - kein Wahlkampf, in dem nicht mit diesem Slogan auf Stimmenfang gegangen würde. Getan hat sich wenig. Doch der Durchbruch ist in Sicht, meint Gisela Erler, Gründerin eines florierenden Familienservice-Unternehmens.

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          Frauen jenseits der Vierzig kennen das Schlagwort von der „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ schon aus ihrer Jugendzeit. Kein Wahlkampf der letzten Jahrzehnte, in dem nicht Politiker jedweder Couleur sich diesen Slogan auf die Fahne geschrieben hätten. Doch damit hatte es sich dann auch - getan hat sich wenig. Noch immer sind Krippen, Horte oder Ganztagsschulen Mangelware, ist die Bundesrepublik in punkto öffentliche Kinderbetreuung Entwicklungsland.

          Doch der Durchbruch ist in Sicht, meint Gisela Erler. Mit ihrer 1991 gegründeten Firma PME Familienservice GmbH hat die 59jährige aus dem öffentlichen Mangel ein florierendes Unternehmen aufgebaut. „In den nächsten zehn Jahren werden zwar nicht alle Probleme behoben, aber es wird signifikant besser,“ macht die vor ihrer Unternehmerinnenkarriere am Deutschen Jugendinstitut tätige Familienforscherin und zweifache Mutter (jungen) Eltern Mut. Der Politik bleibe angesichts der demographischen Entwicklung und der durch Pisa offensichtlich gewordenen Bildungsmisere keine andere Wahl mehr, als ihre Ausgaben für Betreuungs- und Ausbildungsangebote spürbar zu erhöhen.

          Keine Einrichtung für Frau oder Herr Jedermann

          Zweckoptimismus verbirgt sich dahinter wohl kaum, denn, so Erler: „Je reaktionärer die Politik ist, desto besser geht es meinem Unternehmen.“ Erler, Gründungsmitglied der Grünen und in den 80er Jahren Initiatorin mehrerer Mütterzentren denkt und handelt marktwirtschaftlich, aus Überzeugung. Kritik aus dem beruflichen und privaten Umfeld an ihrem Geschäftsmodell war damit programmiert. „Man hat mich angeschaut, als ob ich ein Betrugsgeschäft betreiben wolle“, erinnert sich Erler. Knapp 200 Mitarbeiterinnen in 23 Städten, darunter auch ein Standort in der Schweiz und in Österreich, beschäftigt die Unternehmerin aktuell. Und diese tun längst mehr, als für die Mitarbeiter ihrer Auftraggeber nur Kindergartenplätze, Aupairs, Kinderfrauen oder Haushaltshilfen zu suchen.

          Gisela Erler

          „Wir werden wohl nicht umhin kommen, auch eigene Schulen zu bauen“, verdeutlicht Erler die Dimension, die ihre Dienstleistungen für Firmen inzwischen angenommen haben. Denn das Unternehmen ist ausschließlich im Auftrag von Firmen aktiv - der Familienservice ist keine Einrichtung für Frau oder Herr Jedermann. Eigene Backup-Einrichtungen, in denen die Mitarbeiter im Notfall - wenn die Kinderfrau krank ist, im Kindergarten die Läuse grassieren - ihren Nachwuchs vorübergehend unterbringen können sowie Kinderkrippen gehören längst zum etablierten Standard. Betrieben werden diese meist in Kooperation mit Firmen und kommunalen Trägern, wodurch letztlich auch Frau Jedermann wieder von den Familienservice-Aktivitäten profitiert. „In der Tendenz stricken sich daraus Regeleinrichtungen“, erläutert Erler den Kreislauf.

          Für das Gros sind Kinder und Familie weiterhin Privatsache

          Rund sechs Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet das Dienstleistungsunternehmen derzeit jährlich, trotz „deutlich geringerer Preise als die Arbeitsvermittler“. Peanuts für die Firmen, für die sie tätig ist. Denn auf der Kundenliste des Familienservice stehen vorwiegend internationale Multis wie BMW, Deutsche Bank oder Ikea oder Institutionen mit hohem Akademikeranteil wie das Europäische Patentamt als familienfreundliche Vorzeigefirmen. Kleinere und mittlere Firmen sucht man dagegen vergebens. Für das Gros der Arbeitgeber sind Kinderbetreuung oder familiäre Bedürfnisse weiterhin Privatsache, wie der Elternzeitbericht 2004 des Bundesfamilienministeriums bestätigt. Gerade einmal 4,7 Prozent der befragten Eltern erhalten von ihren Arbeitgebern gezielte Unterstützung, wenn die familiäre Situation es erfordert.

          Ein Selbstläufer sei ihr „Frauenbetrieb im unterbezahlten Dienstleistungssektor“ nicht, bestätigt denn auch Erler. „Wir arbeiten sehr daran, neue Aufträge zu bekommen. Es ist ein rastloses Sich-Umschauen, wer braucht noch Dienstleistungen.“ Trends aufgreifen, auf Nachfragen mit neuen Leistungen reagieren heißt nicht zuletzt auch für die Mitarbeiterinnen, sich permanent weiterzubilden. Denn um das Kernfeld Kinderbetreuung ranken sich längst weitere Dienstleitungen, die im familiären Alltag ein Problem darstellen können.

          Veränderte Arbeitskultur gebraucht

          Elder care, also Informationsangebote und Services zum Thema Pflege und Pflegebedürftigkeit gehören ebenso dazu wie Sucht- und Schuldnerberatung. Die flachen Strukturen der Anfangszeit, als alle alles machten, haben sich mittlerweile differenziert, mit Produktverantwortlichen und Filialleitungen sind auch hierarchische Ebenen eingezogen worden, die allerdings bei der Bezahlung kaum eine Rolle spielen. Moderne Managementmethoden wie ein Qualitätsmanagementsystem oder die systematische Personalentwicklung sind ebenso etablierte Standards, wie modernste Technik. „Wir sind durch unsere hoch spezialisierten Datenbanken eigentlich zu einem Drittel ein IT-Unternehmen“, sagt Erler.

          Ihr Konzept soll künftig auch über die Grenzen hinweg Schule machen. „Ich will eine mikroglobale Firma werden. Es gibt Elemente, die kann man gut ins Ausland übertragen“, meint Erler, die jüngst mit dem Elisabeth-Selbert-Preis des Landes Hessen ausgezeichnet wurde. Verliehen wurde ihr der Preis für ihre „einzigartige Kombination von frauenpolitischem Engagement, wissenschaftlichem Know-how und unternehmerischen Elan.“ Einen Punkt gibt es allerdings, in dem sie ihr Engagement der früheren Jahre bereut. Trat sie in den 90er Jahren getreu dem Slogan „Motherhood is beautiful“ noch vehement für den gesetzlichen Anspruch auf lange Erziehungsurlaubszeiten ein, lautet ihre Einschätzung heute anders. „Das ist zu riskant und disfunktional. Was wir brauchen, ist eine veränderte Arbeitskultur.“

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