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Karrieresprung : Auslaufmodell Parteibuch

  • -Aktualisiert am

Können Arbeitnehmer ihre Karriere aufs Spiel setzen, wenn sie in eine politische Partei eintreten? Oder ist ein Parteibuch in mancherlei Unternehmen sogar implizit erwünscht? Herta Paulus hat sich umgehört.

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          Nette Leute, gute Stimmung und Sympathie für das politische Spektrum der Partei - eigentlich stünde dem Antrag auf Mitgliedschaft nichts im Wege. Wären da nicht Interessens- und Rollenkonflikte beruflicher Art. „Kann ich als Journalistin Mitglied einer politischen Partei sein“ lautete jüngst die Frage einer Nachwuchsjournalistin an den Ethikrat der Akademie für Publizistik.

          Die Antwort der Ratsmitglieder war eindeutig: Parteibuch ja, aber keine organisierte, aktive Mitgliedschaft, kein Parteiamt, „kein Kuchenbacken, keine Plakate kleben und auch keine Artikel für die Parteipresse schreiben.“ Professioneller, unabhängiger Journalismus und aktives politisches Engagement vertrage sich nicht, sei „ethisch inkompatibel“ außer man beschränke sich auf ein unverfängliches Themenspektrum, was wiederum die beruflichen Möglichkeiten beschneide. Andrerseits: „In Funkhäusern kommt man bekanntlich nicht mit dem Aufzug, sondern mit dem Parteiticket nach oben“, so Ratsmitglied Heribert Prantl.

          Neutralität ist Trumpf

          Rot, schwarz, gelb, grün, rosa, orange - anders als früher, wo neuen Redaktionsmitgliedern schon mal der Eintritt in eine (bestimmte) Partei angeraten wurde, taucht heute im journalistischen Berufsalltag die Frage nach der politischen Gesinnung selten auf, beobachtet Thomas Leif, Chefreporter des Südwestrundfunks in Mainz und Sprecher der Vereinigung Netzwerk Recherche. „Allenfalls bei Spitzenfunktionen spielt das Farbenspiel eine Rolle, aber auch hier gibt es eine Phase der ideologischen Abrüstung. Mittlerweile ist es sogar karrierefördernder, vermittelbar zu sein, ein elastisches, flexibles Profil zu haben.“

          Und das gilt nicht nur für den Medien- sondern für sämtliche Wirtschaftsbereiche. Sich parteipolitisch zu verorten und Position zu beziehen spielt im Arbeitsleben keine Rolle mehr, taugt allenfalls noch für frotzelnde Plänkeleien während der Mittagspause, nach dem Motto „Du FC-Bayern, ich Schalke-Fan.“

          Kein Thema mehr für die Forschung

          Auch auf Forschungsseite herrscht Flaute beim Thema Parteibuch, neuere Studien sucht man hier vergebens. „Das ist vorbei“ winkt Pressesprecher Karl Schawinsky vom Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW) ab, „Parteien, aber auch Gewerkschaften haben längst nicht mehr ihren früheren Stellenwert.“ Selbst bei den unternehmerischen „Parteigängern“ von gestern hat die reine Farbenlehre mittlerweile ausgedient, ist Neutralität immer mehr Trumpf.

          „Man scheut ganz allgemein die Nähe zu Parteien,“ so Politikwissenschaftler Winand Gellner, Professor am Lehrstuhl für Politikwissenschaft der Uni Passau. „Ich glaube, dass es zunehmend ein Stigma wird, wenn man zu nahe bei einer Partei gesehen wird.“

          „Passiv geführt, ist ein Parteibuch in der Wirtschaft völlig irrelevant“, widerspricht Hans-Joachim Reck, Partner der Personalberatung Heidrick & Struggles in Düsseldorf, wenngleich auch er einräumt: „Bei Leuten, die Karriere machen wollen, gelten Parteien als nicht besonders attraktiv.“

          Sachverstand statt Parteibuch

          Dabei verbietet sich spätestens seit dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) die offizielle wie inoffizielle Thematisierung der Parteizugehörigkeit sowieso. Selbst im öffentlich-rechtlichen Sektor, wo die Nähe oder Zugehörigkeit zu einer Partei in der Vergangenheit ein wesentliches Besetzungskriterium war, verliert das Thema rapide an Bedeutung. „Man hat vorher auch nicht direkt gefragt, in welcher Partei ein Bewerber ist. Aber im Gespräch wurde das schon ausgelotet“, so Anke Hoffmann, Berliner Geschäftsführerin von Kienbaum Consultants. „Heute wird das auch im Small-Talk nicht mehr rausgefiltert.“

          Ursächlich für die „Entpolitisierung“ im öffentlich-rechtlichen Stellenkarussel ist für Personalberater und Ex-Politiker Reck aber vor allem ein positiver Gesinnungswandel: „Im kommunalen Bereich geht die Tendenz eindeutig in Richtung Sachverstand. Gesucht werden zunehmend Persönlichkeiten, die in der Sache die Dinge vorantreiben.“

          Die Maulwürfe kommen

          Die neutrale Haltung der Wirtschaft gegenüber den Parteien hat auch ihre Kehrseite, die Reck als „Versäulung der Eliten“ bezeichnet. „Es gibt immer weniger Menschen aus Unternehmen, die sich aktiv politisch engagieren. Damit zieht sich auch der Sachverstand aus den Parlamenten mehr und mehr zurück.“

          Doch wozu selbst politisch aktiv werden, eigene Netzwerke aufbauen, wenn doch eine Heerschar von professionellen Politikberatern mittlerweile geschickt die Fäden spinnt. Die Politik zeigt sich dabei durchaus nicht abgeneigt gegenüber dem Sachverstand aus der Wirtschaft. So arbeiten nach Recherche des Magazins Impulse derzeit rund 56 von Unternehmen und Verbänden entsandte Lobbyisten aktiv in den sechs wichtigsten Ministerien mit. Die Frage, ob mit oder ohne Parteibuch, erübrigt sich.

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