https://www.faz.net/-gqe-u991

Karrieresprung : Arbeiten in virtuellen Teams

  • -Aktualisiert am

Ein Kollege sitzt in Indien, der andere in Deutschland, der dritte in Amerika: Sie arbeiten als virtuelles Team. Welchen Anforderungen sie sich stellen müssen, erklärt Psychologie-Professor Guido Hertel im FAZ.NET-Interview.

          4 Min.

          Ein Teamkollege sitzt in Indien, der andere in Deutschland, der dritte in den Vereinigten Staaten. Ob Softwareunternehmen, Firmen der Elektro- und Elektronikindustrie oder Automobilfirmen - virtuelle Teams sind längst nicht mehr wegzudenken. Die Zusammenarbeit über elektronische Medien fordert vor allem die sozialen Kompetenzen der Teammitglieder. Ohne gegenseitige Motivation funktioniert gar nichts, so Guido Hertel, Professor für Arbeits- Betriebs- und Organisationspsychologie an der Universität Würzburg im Interview mit FAZ.NET. Erhöhte Wachsamkeit ist vom Leiter des Teams gefordert.

          Herr Hertel, wo ist ein virtueller Teamarbeiter mehr oder anders gefordert als der Mitarbeiter in einem klassischen Team?

          Virtuelle Teams unterscheiden sich nicht grundsätzlich von traditioneller Gruppenarbeit sondern eher graduell. Aber aufgrund der besonderen Arbeitsbedingungen sind Qualifikationen wie Fähigkeit zu Selbstmanagement, hohe Flexibilität bezüglich unerwarteter Entwicklungen und Probleme, Vertrauensbereitschaft, gute verbale und soziale Fähigkeiten für die Kommunikation mittels elektronischer Medien und Offenheit für kulturelle Unterschiede ungleich wichtiger.

          Spielen diese bei der Auswahl der Teammitglieder tatsächlich eine Rolle?

          In der Regel kommen virtuelle Teams auf Grund von strategischen Überlegungen zustande, etwa dass Partnerschaften mit einem anderen Unternehmen, in einem anderen Land oder Kontinent gebildet werden oder wichtige Kunden vor Ort betreut werden müssen. Die Teams werden selten nach so genannten Soft-Skills besetzt, sondern nach fachlichen Fähigkeiten. Aber es gibt auch persönliche Voraussetzungen, was die Interessen und die persönlichen Kompetenzen der Mitarbeiter angeht, die man bei einer gezielten Personalauswahl natürlich berücksichtigt. Wir haben dazu auch einige Instrumente entwickelt, die das unterstützen.

          Wie sehen diese aus?

          Wir haben im Bereich Online-Assessment sehr viele verschiedene Verfahren. So haben wir für virtuelle Teams spezielle Online-Fragebögen entwickelt, in denen vor allem persönlichkeitsstabile Aspekte erfasst werden. Das Ganze ist sehr ökonomisch; das Ausfüllen dauert etwa zehn bis 15 Minuten. Die prädikative Validität, also das, was wir damit vorhersagen können, liegt im Bereich von tatsächlich ausgeführten Assessment-Centern. Hinzu kommen natürlich eine entsprechende Vorbereitung durch Trainings und auch eine begleitende Unterstützung während der Projekte. Prinzipiell brauchen virtuelle Teams mehr Unterstützung, da hier wesentlich mehr Fallen bestehen für Misskommunikation. Ein Teamleiter muss sehr wach sein, weil die Anzeichen für Fehlentwicklungen in virtuellen Teams wesentlich schlechter zu erkennen sind als in traditionellen Teams.

          Was bedeutet das für das Teammanagement?

          Das Grundprinzip virtueller Führung sollte sein, die reale Verteiltheit und Distanz durch ein entsprechendes Zusammengehörigkeitsgefühl zu kompensieren. Ein Weg dazu ist es, die Aufgaben so zu gestalten, dass die Teammitglieder sich immer wieder austauschen müssen und sich damit automatisch untereinander besser kennenlernen. Ein zweiter Punkt wäre, dass man die Teamorientierung durch teambasierte Prämien stärkt und damit unterstreicht: Wir sitzen alle in einem Boot. Wichtig ist auch ein regelmäßiger Austausch, um „klimatische“ Veränderungen frühzeitig zu erkennen und gegensteuern zu können. Wir haben dazu ein Online-Feedbacktool entwickelt, bei dem die Mitglieder kurz angeben, wie es ihnen gerade geht, wie motiviert sie sich gerade fühlen, wie gut sie die Zusammenarbeit finden, wie klar die Ziele sind, wie gut sie vorankommen. Das Wichtige ist, dass diese Informationen regelmäßig und zuverlässig Auskunft geben, wo das Team gerade steht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Problemimmobilien : Kaputte Verhältnisse

          Hochhausruinen, überbelegte Altbauwohnungen, verwahrloste Siedlungen: In Deutschland gibt es zigtausend Problemimmobilien, besonders viele in Nordrhein-Westfalen. Dort nennt man viele Ursachen und immer wieder den Namen eines Unternehmens.

          Keine Stadt wie andere : Hamburg wählt sich selbst

          An diesem Sonntag wird die Hamburger Bürgerschaft gewählt. Die Stadt diskutiert, was sie ist, was sie bleiben und was sie werden will. Eine Geschichte über den Hafen, den Hundekot – und die Ungeduld.
          Ist das Gerede vom „großen Austausch“, die Drohung, dass man „sie“ jagen werde, Ausdrucksform eines grassierenden Wahnsinns?

          Der Hass und seine Stimmen : Sie sind nicht krank

          Warum die Verbindung zwischen den Morden in Hanau und der Propaganda der Rechtspopulisten die Taten nicht weniger unfassbar macht. Und wieso es falsch ist, die Neuen Rechten zu pathologisieren.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.