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Karrieren : Thomas Middelhoff: Der Antreiber

Weil Middelhoff oft in London ist, kann er sich in der Oxford Street selbst ein Bild machen von florierenden Kaufhäusern. Die Harrod's-Läden sind dort viel genauer auf Kundenwünsche eingerichtet, reagieren mit ihren Sortimenten schneller auf wechselnde Trends, bieten ein schöneres Einkaufserlebnis. Middelhoff würde vermutlich, wie früher bei Bertelsmann, von "Entertainment" sprechen. An Ideen jedenfalls soll es den deutschen Warenhäusern künftig nicht fehlen. Auch dafür dürfte Middelhoff sorgen. Doch zuerst muß saniert werden. Die Aufräumarbeiten könnten zur Schließung von bis zu 30 der 180 Kaufhäuser führen, könnten im Gesamtkonzern einen Abbau von bis zu 4000 Stellen nach sich ziehen. Und sie dürften ziemlich kostspielig sein.

Riesiger Schuldenberg

Dabei lastet ein riesiger Schuldenberg auf dem Konzern, der finanzielle Spielraum ist eingeschränkt. Unter diesen Zwängen muß Middelhoff arbeiten. Bei Bertelsmann hat er aus dem vollen schöpfen können. Es war ein anderes Unternehmen, es waren auch andere Zeiten. Die Börsenkurse schossen in den Himmel, Megadeals gingen über die Bühne.

Und einer wie Middelhoff, jung und dynamisch, paßte in diese Zeit. Er war der wohl erfolgreichste Investor der New Economy: Legendär ist sein Engagement 1994 bei AOL, damals, als kaum jemand an Internet und Multimedia dachte. Fünf Prozent der Aktien kaufte Middelhoff, wurde Partner von Steve Case bei AOL Europa und stieg auf dem Höhepunkt der Börsenhausse wieder aus - gut acht Milliarden Dollar nach Steuern kassierte Bertelsmann.

Zerschlagener Spiegel

Trotzdem mußte er im Sommer 2002 gehen, weil er sich mit Firmenpatriarch Reinhard Mohn in der Frage eines Börsengangs von Bertelsmann überworfen hatte. Die Erinnerung an die schöne neue Multimediawelt zerbirst angesichts der Ereignisse in den zwei Jahren danach wie ein zerschlagener Spiegel in tausend Einzelbilder.

Und Middelhoff selbst erweckt in Interviews den Eindruck, heute ganz weit entfernt zu sein von Bertelsmann und Gütersloh und dem Internet. "Ich glaube, ich war für viele in Gütersloh ein ungeliebter Fremdkörper", sagte er unmittelbar nach seinem Abgang der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Heute wirkt er fast gequält, wenn man über ihn als "Ikone des Internets" spricht. Solche Beschreibungen tun ihm weh. Bei Bertelsmann, das sagt Middelhoff heute, habe er nicht unterschieden zwischen New und Old Economy.

Eigenkapital verfünffacht

Beleg für seine Aussage ist, daß er die AOL-Milliarden hauptsächlich in den Fernsehsender RTL, in den Springer-Verlag oder Random House investiert hat. Middelhoff kann für sich in Anspruch nehmen, die Bertelsmann AG zum bedeutendsten Medienunternehmen des Landes, zur Nummer drei weltweit gemacht zu haben. In den vier Jahren unter seiner Führung hat sich der Umsatz verdoppelt, das Eigenkapital verachtfacht. Madeleine Schickedanz hätte nichts dagegen, wäre er bei Karstadt-Quelle nur ansatzweise so erfolgreich.

Doch zu Middelhoffs Ära bei Bertelsmann gehört auch das Zerwürfnis mit Reinhard Mohn, der wie ein Vater zu ihm war, und der ihn durch Gunter Thielen an der Konzernspitze ersetzte. Ausgerechnet Thielen. Derjenige, der ihn am wenigsten schätzt, und den er in seiner Zeit als Vorstandschef am wenigsten schätzte, ist sein Nachfolger geworden und läßt kein gutes Haar an Middelhoff. Der Milliardengewinn mit AOL? Glücksache. Die Konzentration auf drei Geschäftsfelder? Hätte jeder andere auch gekonnt. Middelhoff hat Bertelsmann als seine Lebensaufgabe gesehen. Er hat sie nicht beenden dürfen. Und mußte später in einem Buch von Reinhard Mohn wenig schmeichelhaftes lesen: "Eitle Manager", heißt es darin, "sind egoistisch und schwer zu beeinflussen. Sie wissen alles besser."

Weit weg von Bertelsmann

Middelhoff lebt nach wie vor in der Nähe seines alten Arbeitgebers. In Bielefeld besitzt der Vater von fünf Kindern ein ländliches Anwesen in direkter Nachbarschaft zur Familie Oetker.

Karstadt-Quelle ist gedanklich weit genug weg von Bertelsmann. Middelhoff nimmt in Essen einiges auf sich. Er, der einst sagte, Amerikaner mit deutschem Paß zu sein, wird eingeholt vom deutschen Wirtschaftsalltag. Er, der strenge Verfechter der Corporate Governance, sitzt in einem dieser deutschen Aufsichtsräte, die oftmals mehr an Debattierclubs erinnern, die nichts anderes im Sinn haben, als Besitzstände zu verwalten.

Middelhoff stellt sich. Er weiß, daß sein Name jetzt mit der Sanierung von Karstadt-Quelle verbunden ist. Der Vorstandsvorsitzende Achenbach ist zu unbekannt. Sollte die Sanierung von Karstadt-Quelle scheitern, wäre Middelhoffs Reputation beschädigt. Ein Bertelsmann wird er auch danach noch sein.

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