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Karriere : Wenn die Kinderstube versagt

Perfekt für den Karneval - aber nichts fürs Büro Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Der Business-Knigge ist längst nicht nur etwas für Manager. Immer mehr Unternehmen schicken auch ihre Auszubildenden in Benimmkurse.

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          Wenn Auszubildende auf dem Parkplatz des Geschäftsführers parken oder in zerschlissenen Jeans zur Arbeit kommen, die womöglich noch lässig in den Kniekehlen hängen, sieht Karl Hermann Künneth rot. "Das ist absolut tabu", sagt er dann. Seine Stimme klingt fast empört, als könne er nicht glauben, daß so etwas hinter deutschen Firmenmauern geschieht, obwohl er es doch vielfach gesehen hat.

          Katharina Iskandar
          Verantwortliche Redakteurin für das Ressort „Rhein-Main“ der Sonntagszeitung.

          Künneth ist Knigge-Trainer und gibt im Jahr bis zu vierzig Seminare speziell für Auszubildende, meist im Auftrag von Industrie- und Handelskammern. Wenn so etwas passiere, sagt der Münchner, brauche sich niemand zu wundern, wenn seine Laufbahn in dem Unternehmen zumindest im Kopf des Vorgesetzten beendet sei. Vielen Berufseinsteigern fehle es an grundsätzlichen Benimmregeln.

          Bauchfreie Shirts und Flip Flops sind tabu

          Finanzierten die Firmen in der Vergangenheit mehrere hundert Euro teure Knigge-Seminare nur für Manager, die sich in höheren Chargen bewegten, so hat dieser Trend nun auch den Firmen-Nachwuchs erreicht - mit dem Unterschied allerdings, daß bei ihnen nicht der Feinschliff geübt wird, sondern erst einmal kräftig am Basiswissen gehobelt werden muß. Kein elegantes Zerteilen des Hummers, keine Farblehre bei der Schleife für den Smoking - das, was Auszubildende heute zunächst lernen müssen, fängt schon beim Alltäglichen an.

          "Bauchfreie Shirts und Flip Flops sind bei uns nicht angebracht", sagt Tobias Göbbel von der Bausparkasse Schwäbisch Hall. Daß man seriös gekleidet zur Arbeit erscheint, habe allein schon etwas mit der Wertschätzung des Berufs zu tun. Schon seit etwa zehn Jahren schule die Bausparkasse ihren Nachwuchs intern in Benimmregeln für den Berufsalltag. Nun hätten sie einige der rund vierhundert Auszubildenden auch an einem externen Knigge-Training teilnehmen lassen - als "Multiplikatoren", damit sie das Erlernte an ihre Kollegen weitergeben können.

          Interesse nimmt zu

          Mit dieser Entscheidung ist die Schwäbisch Hall kein Einzelfall. Das Interesse der Firmen an Benimmkursen für Auszubildende nimmt zu. Künneth, der mehr als dreißig Jahre lang im Groß- und Einzelhandel tätig war, schätzt, daß sich die Nachfrage in den vergangenen zwei Jahren verdreifacht hat und auch in den nächsten Jahren zu einem immer wichtigeren Thema für die Unternehmen werde.

          Daß viele Firmen über das Fachliche hinaus in ihren Nachwuchs investieren, beobachten auch die Industrie- und Handelskammern. Die meisten Anfragen kämen von Banken oder anderen kundenorientierten Unternehmen, die vermehrt auf gute Umgangsformen ihrer Mitarbeiter achteten, berichtet Karin Fischer von der IHK in Stade.

          Versäumnisse im Elternhaus

          Schließlich sei es hilfreich, wenn die Berufseinsteiger wüßten, daß sie Kollegen erst duzen dürften, wenn es ihnen angeboten werde, oder daß sie niemals von sich aus die Hand zur Begrüßung reichen sollten. Dieses Wissen werde in der Schule überhaupt nicht vermittelt.

          Gravierender als diese Fauxpas sind jedoch Fehlverhalten beim Essen, die viele Knigge-Trainer auf Versäumnisse des Elternhauses zurückführen. Mindestens sechzig Prozent seiner Seminarteilnehmer könnten nicht richtig mit Besteck umgehen, berichtet Künneth. "Das sieht dann aus, als wollten sie ein Schwein schlachten."

          Noch immer Tabu-Thema

          Früher seien mangelnde Tischmanieren nicht so stark ins Gewicht gefallen, weil es genug Stellen für Auszubildende gab. Mittlerweile sei die Konkurrenz der Bewerber jedoch so groß, daß viele Vorgesetzte gerade diese Verhaltensweisen in den Vordergrund stellten, um sich ein Bild von ihrem Firmennachwuchs zu machen. "Ein Auszubildender kann noch so gute Noten haben", meint Künneth. Wenn er nicht richtig essen könne, sei er als Repräsentant für ein Unternehmen nicht geeignet.

          Trotz der großen Nachfrage ist die Azubi-Etikette für viele Firmen noch immer ein Tabu-Thema. "Es gibt Unternehmen, die damit ihre Schamgrenze überschritten sehen", sagt Karin Fischer. Denn nicht alle geben gern zu, daß ihre sorgfältig auserlesenen Azubis noch nicht einmal mit Messer und Gabel umgehen können.

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