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Karriere : Von wegen Leistungsgesellschaft

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          Dass Frauen in den Chefetagen der Unternehmen unterrepräsentiert sind, ist hinreichend bekannt. Neben dem Geschlecht gibt es offenbar noch einen weiteren Karrierehemmer: Das Elternhaus. Kinder von Arbeitern oder Angestellten mögen zwar exzellente Abschlüsse erzielen und beruflich aufsteigen. Irgendwann aber ist Schluss. Bei der Besetzung von Top-Positionen in der Wirtschaft fällt die Wahl meist auf (groß)bürgerliche Sprösslinge.

          Das behauptet Michael Hartmann, Professor für Soziologie an der Technischen Universität Darmstadt. Er forscht seit Jahren zum Thema Elitebildung und hat dabei unter anderem die Lebensläufe von 6.500 promovierten Juristen, Wirtschaftswissenschaftlern und Ingenieuren untersucht. Besonders deutlich schlägt die soziale Herkunft danach bei den 400 größten Unternehmen des Landes durch: Dort sind die Karrierechancen für den Nachwuchs des gehobenen Bürgertums doppelt, für den des Großbürgertums sogar dreimal so groß wie für die promovierte Durchschnittsbevölkerung. Mit leistungsrelevanten Kriterien allein lassen sich diese Unterschiede nicht erklären, erläutert Michael Hartmann im Gespräch mit FAZ.NET.

          Herr Hartmann, leben wir also nicht in einer Leistungsgesellschaft?

          Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ohne Leistung geht es nicht. Ein Hochschulabschluss gilt heute als Voraussetzung für eine Top-Karriere in der Wirtschaft. Ab einer gewissen Hierarchiestufe treten daneben aber soziale Kriterien wie etwa das Auftreten. Wer bereits von Geburt an einen gesellschaftlichen Status besitzt, ist häufig mit einem größeren Selbstbewusstsein ausgestattet und präsentiert sich besser. Diese „natürliche Souveränität“ kommt bei den Entscheidern über die Top-Positionen gut an. Sie stammen meist selbst aus gutbürgerlichen Kreisen und suchen im Grunde jemanden, der ihrem Habitus gleicht oder zumindest ähnelt.

          Überzeugen die Bürgerkinder allein durch ihr Auftreten?

          Nein. Die soziale Herkunft gilt häufig auch als Vertrauensbonus. Vertrauen im Sinne eines gemeinsamen Grundverständnisses über die persönlichen Anforderungen an eine gewisse Position. Etwa die Frage nach der Risikobereitschaft. Ein Manager muss weitreichende Entscheidungen treffen, auch gegen Widerstände und auf die Gefahr, dass sie sich später als falsch erweisen. Die Risikobereitschaft ist umso größer, je solider der soziale Rückhalt. Oder andersrum: Die Angst zu fallen ist bei sozialen Aufsteigern größer.

          Mit welchen Attributen definieren Sie die herrschende Wirtschaftselite?

          Breit und umfassend gebildet, selbstbewusst und ausgestattet mit einem gewissen Understatement. Letzteres basiert vielfach auf dem Gefühl einer „naturgegebenen“ Überlegenheit. Die rechtfertigt es gegebenenfalls auch, die geltenden Gesetze für sich umzuschreiben.

          Lässt sich das, was man im Elternhaus nicht mitbekommt, nicht in Sozialisationsinstanzen wie Schule und Universität aufholen?

          Natürlich können auch Arbeiterkinder mit einem gewissen Zeitaufwand ein breites Allgemeinwissen erwerben, sich musisch und künstlerisch bilden. Schwierig ist es jedoch, zu dem Gelernten eine natürliche Distanz aufzubauen und einen eigenen Geschmack zu entwickeln. Für ein Kind aus gutem Hause ist es nun mal leichter zu sagen: Ich mag keine Opern, ohne dabei als Banause dazustehen. Auch ein gepflegtes Understatement kriegt man nicht so einfach hin.

          Ein gutes Beispiel dafür ist Jürgen Schrempp. Der Konzernchef von DaimlerChrysler hat sich als Sohn eines kleinen Angestellten hochgearbeitet. Sein ungestümes Verhalten hat seine Managerkollegen so manches Mal peinlich berührt. So kursiert etwa die Geschichte, dass er sich bei einer Party anlässlich der Fusion von Daimler und Chrysler frühmorgens seine damalige Sekretärin über die Schulter geworfen und mit einem „See you later, boys!“ die Gesellschaft verlassen hat.

          Gilt das selbsterhaltende System „Bürgerkind rekrutiert Bürgerkind“ in allen Bereichen der Wirtschaft?

          Ich habe sie zumindest bei allen der von mir untersuchten Fachrichtungen beobachtet. Die Ausprägung variiert jedoch je nach Organisationsform des Unternehmens. Je formalisierter die Kriterien und je größer die Gremien für die Stellenbesetzung, desto leichter ist es für „Normalbürger“, ganz nach oben zu gelangen. Das gilt etwa für Firmen, bei denen die Politik einen gewissen Einfluss ausübt. Gerade in der Politik finden sich relativ viele soziale Aufsteiger. Denn: Wer in einer Partei etwas werden will, muss im Ortsverein anfangen. Erfolg hat dort aber nur, wer auch die Sprache der kleinen Leute spricht.

          Nach ausländischem Vorbild gründen sich nun auch in Deutschland Elitehochschulen. Wird die „gesellschaftliche Elite“ dann von einer „Bildungselite“ ersetzt?

          Die Gründung von Elitehochschulen wird, das zeigen die Vorbilder in Frankreich und Großbritannien ganz eindeutig, an der sozialen Rekrutierung der Eliten nichts ändern. Sie wird durch exklusive Bildungstitel nur öffentlich zertifiziert.

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