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Karriere-Rückschläge (3) : „Scheitern ist ein wunderbarer Anfang“

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Viele bahnbrechende Erkenntnisse beruhten auf gescheiterten Experimenten. Der Wiener Molekularbiologe Prof. Dr. Josef Penninger erläutert im Gespräch mit FAZ.NET, warum Rückschläge in der Wissenschaft essentiell sind.

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          „Wissenschaft ist eigentlich das Berufsbild, das auf Scheitern aufbaut.“ Der Molekularbiologe Josef Penninger hat im Labor schon so manchen Dämpfer erlitten. Verzweifelt ist er daran nicht: „Ich erwarte mir eigentlich, dass ein Experiment scheitert.“ Penninger ist Professor für Genetik an der Universität Wien und leitet als wissenschaftlicher Direktor das von der Stadt Wien und dem österreichischen Wissenschaftsministerium geförderte Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA). Zuvor war er 13 Jahre lang in Forschungseinrichtungen und Biotech-Unternehmen in den USA und Kanada tätig. Für seine Arbeiten wurde der 43-Jährige unter anderem mit dem Descartes-Preis der EU sowie dem Ernst-Jung-Preis für Medizin ausgezeichnet. Im Interview mit faz.net erläutert er, warum Misserfolge so wichtig sind und was sich daraus lernen lässt.

          Herr Prof. Penninger, haben Wissenschaftler ein unverkrampfteres Verhältnis zum Scheitern als der Normalbürger?

          Ich glaube schon. Wissenschaftler gehen mit einer gewissen Vorstellung an Experimente heran: Sie wollen etwas beweisen, von dem sie annehmen, es zu wissen. Meist kommt dann aber etwas anderes heraus. Wir haben in einem Experiment mit Mäusen etwa ein Gen abgeschaltet, von dem wir dachten, dass es das Immunsystem kontrolliert. Wie sich zeigte, kontrolliert dieses Gen aber den Schmerz. So etwas passiert ziemlich oft bei uns, das ist das Spannende an der Biologie.

          Prof. Josef Penninger erklärt, warum Misserfolge für die Wissenschaft von großer Bedeutung sind

          Wie lernt man den Umgang mit Rückschlägen?

          Unsere wissenschaftliche Sozialisierung ist ja eine sehr mittelalterliche: Wir studieren, machen einen PhD und gehen als Post-Doc auf Wanderschaft, meist in gute Labors nach Amerika. Dort hat man die Chancen, gute Sachen zu publizieren. Dann bekommt man seine erste Stelle und plötzlich geht es nicht mehr so einfach. In den ersten beiden Jahren als unabhängiger Wissenschaftler wurden sämtliche Ansuchen von mir abgelehnt - mit der Begründung, dass meine Ideen ziemlich verrückt seien. Das war eine ziemliche Watsch'n. Meine erste Reaktion darauf war Trotz: Die haben ja keine Ahnung! Das hilft freilich nicht weiter und so lernt man, die Kritik ernst zu nehmen und dadurch besser zu werden.

          Zeichnet diese Kritikfähigkeit einen guten Wissenschaftler aus?

          Gute Wissenschaftler erkennt man an ihrem offenen Geist. Scheitern ist für sie ein wunderbarer Anfang. Letztlich haben ja oft gescheiterte Experimente zu bahnbrechenden Erkenntnissen geführt. In dem Sinn ist Scheitern essentiell, weil es uns eine neue Richtung vorgibt. Freilich: In unserer Wissenschaftsgesellschaft, in der Forscher um Geld ansuchen müssen, wird das Scheitern nicht so gern gesehen.

          Der Kampf um Drittmittel bremst also Innovationen aus?

          Fakt ist: Gefördert werden eher die sicheren Sachen, statt in junge Wissenschaftler mit Visionen zu investieren. Meiner Ansicht nach sollten zehn bis 20 Prozent des gesamten Forschungsbudgets beiseite gelegt werden, um riskante Projekte zu fördern. Dabei besteht zwar eine große Chance des Scheiterns, aber auch die Chance auf echte Innovationen.

          Setzen Sie in Ihrem Forschungsinstitut auch ein Fünftel des Budgets auf Risiko?

          Wahrscheinlich sogar noch mehr. Wir bekommen erfreulicherweise ein Globalbudget, mit dem wir junge Wissenschaftler anstellen können. Sie erhalten bei uns einen befristeten Vertrag und in dieser Zeit alles, um wunderbare Wissenschaft betreiben zu können: sehr viel Geld, akademische und spirituelle Freiheit. Ein kleines Land wie Österreich ist meiner Meinung nach nur kompetitiv, wenn es auf Qualität setzt. Gegen die großen amerikanischen Firmen und Institute haben wir in punkto Quantität ohnehin keine Chance.

          Ist es für Nachwuchswissenschaftler nicht riskant, auf Durchbruch oder Flop zu setzen, statt sich mit soliden Projekten erst mal eine Basis zu verschaffen?

          Ich rate ihnen beides: Ein riskantes Projekt, das die Wissenschaft weiterbringen kann, aber auch Projekte, die zwar die Welt nicht verändern werden, aber die Möglichkeit gibt, zu publizieren um später einen Job zu bekommen. Die Balance zu finden, ist sehr wichtig. Wer nur aufs Scheitern setzt, ist ein Hasardeur.

          Wie entwickelt man ein Gespür dafür, wann es Zeit ist, sich von einer Idee zu verabschieden?

          Das muss man lernen. Es gibt viele Wissenschaftler, die in einer Idee stecken geblieben sind. In unserem Institut hilft unser Scientific Advisory Board, bestehend aus Wissenschaftlern, die schon lange im Geschäft sind und wissen, was gute Forschung sein soll. Sie diskutieren einmal im Jahr mit unseren Wissenschaftlern. Dieser Blick von außen hilft sehr.

          Fällt es Ihnen nach so vielen Jahren in der Wissenschaft leicht, offen über Rückschläge zu reden?

          (lacht) Nicht wirklich. Als Laborchef bin ich ja verantwortlich für die Karrieren meiner Mitarbeiter. Wenn sie jahrelang an einem Projekt arbeiten und nichts dabei raus kommt, ist das natürlich schwierig. Da muss ich ihnen die Hand halten und sagen, dass es nicht ihre Schuld war, sondern Teil des Systems und der Biologie ist.

          Woraus schöpfen Wissenschaftler in Momenten des Scheiterns Motivation?

          Das ist eine zentrale Frage: Sie müssen die Motivation selbst aufbringen, motivieren kann man sie nicht. Bei uns bewerben sich sehr viele intelligente Leute, rund 120 pro Stelle. Bei der Auswahl schaue ich ihnen in die Augen, um zu sehen, ob sie Leidenschaft mitbringen. Die braucht man in unserem Fach, für den Fall, dass nach zwei, drei Jahren nichts Vernünftiges heraus kommt. Die wirklich guten Wissenschaftler haben diesen gewissen Glanz in den Augen. Sie wollen und können nichts anderes - und lernen, mit dem Scheitern umzugehen.

          Gab es in Ihrer Karriere Momente, wo Sie ernsthaft an sich gezweifelt haben?

          Ja, die gibt's. Absolut.

          Was lehrt die Wissenschaft für den Umgang mit Rückschlägen?

          Scheitern ist Teil unseres Lebens, aus dem man eine Gelegenheit machen muss. Entscheidend ist, zu merken, woran man gescheitert ist und wie man es besser machen kann. Wenn man nur scheitert und daraus nichts lernt, hat man ein Problem.

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