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Karriere-Rückschläge (1) : Scheitern erlaubt

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Karrieresprung - bei FAZ.NET Bild:

Scheitern ist in der Erfolgsgesellschaft nicht vorgesehen. Doch berufliche Rückschläge sind unvermeidlich. Darüber spricht keiner gern. Wir versuchen mit dem Tabu ein wenig aufzuräumen und widmen dem Scheitern eine kleine Serie. Folge 1 handelt davon, warum es so schwer fällt, Rückschläge als Chance zu begreifen.

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          Studieren, abbrechen, wieder anfangen. Fünfmal nahm Anna P. Anlauf, das letzte Mal vor vier Jahren. Geschafft hat sie es auch da nicht. Wie all die Male zuvor, scheiterte sie auch diesmal. An mangelnder Selbstdisziplin, an ihren hohen Ansprüchen an sich selbst. Perfekt sollten die Beiträge und Seminararbeiten sein, tiefgründig, fundiert, eine jede eine kleine Doktorarbeit. Das Ende vom Lied: Sie las und las, schrieb Nächte durch, formulierte neu und gab fast nie etwas ab. Der Traum von den akademischen Weihen, mit 52 Jahren war er ausgeträumt. Diesmal endgültig.

          Zu akzeptieren, dass ein Ziel, das einem am Herzen liegt, sich einfach nicht verwirklichen lässt, tut weh. Andere packen es doch schließlich auch, die stemmen Projekt um Projekt, klettern die Karriereleiter im Affentempo nach oben, haben die Erfolgsspur für sich gepachtet. Nur man selbst schafft es nicht, obwohl man doch alles gegeben hat, jahrelang für die Karriere, die eigene Firma gerackert hat. Das beschämt, kratzt am Selbstwertgefühl. Scheitern ist in unserer Erfolgsgesellschaft nicht vorgesehen und die jüngsten Versuche, mit hippen „Versagerclubs“ und „I'm a looser baby, so why don't you kill me“ die Versagerecke zum schillernden Siegerolymp zu erklären, erheben allenfalls die Pose zum Programm: Scheitern als lustvolle Selbstinszenierung und schmerzfreies Unterhaltungsprogramm, als kleine Anekdote auf dem Weg zum Erfolg

          Bloß das Gesicht wahren

          Sich einzugestehen, dass all die Mühe, die Zeit und nicht zuletzt auch das investierte Geld, umsonst war, ist meist bitter genug. Für das Selbst- wie für das Fremdbild zählt nun mal nichts so sehr wie der Erfolg im Beruf. Hier zu scheitern heißt eine Niederlage zu erleiden, die auch alle anderen Lebensbereiche in Mitleidenschaft zieht. „Meide Looser“ heißt es in den Netzwerker-Bibeln und wer stellt sich durch ein offenes Bekenntnis schon gerne freiwillig aufs Abstellgleis. Wie, ein Projekt in den Sand gesetzt und kein neues in Aussicht? Gekündigt während der Probezeit? Den MBA nach einem halben Jahr geschmissen? Bloß nicht zugeben lautet das erste Gebot, und so wird vertuscht und geleugnet, wird das Ziel zur gar nicht so wichtigen Nebensache erklärt, das Ego durch den Vergleich mit jemandem, der noch schlechter dasteht, massiert.

          Beliebt ist auch die Opferrolle, schuld an der Misere sind die anderen: Die widrigen Umstände, die unkooperativen Kollegen, die illoyalen Kunden, die fiesen Banken, die den Kredithahn zudrehen. „Wir haben eine ganze Palette von Umgangsformen entwickelt, die alle darauf abzielen, das Gesicht zu wahren“, schreibt das Autorenduo Gerhard Scheucher und Christine Steindorfer in seinem jüngst erschienenen Buch „Die Kraft des Scheiterns. Eine Anleitung ohne Anspruch auf Erfolg.“

          Gutes Scheitern heißt Loslassen

          „Wir tun uns schwer, offen und konstruktiv mit dem Scheitern umzugehen“, sagt auch der Rostocker Karriereberater Hans-Jürgen Stöhr, der 2005 eine „Agentur für gescheites Scheitern“ gründete. „Das Scheitern nicht akzeptieren zu können, halte ich für gefährlich. Dann ist man blockiert und sieht keine Alternative mehr, weil der Kopf völlig vernagelt ist“, so Stöhr. „Schlechtes Scheitern“, nennt er diese Haltung, wohingegen „gutes Scheitern“ sich durch Loslassen, die Situation akzeptieren und nicht zuletzt durch rechtzeitige Schadensbegrenzung auszeichnet. „Scheitern ist nichts, was von heute auf morgen passiert, sondern es ist Teil und Voraussetzung für weiteres Handeln.

          Schwierig ist es aber den Punkt zu sehen, ab dem man unweigerlich in eine Scheitersituation steuert und dann rechtzeitig die Weichen neu zu stellen,“ erklärt Stöhr. Der von ihm geforderte „kühle Kopf“, die „klare und deutliche Analyse“ dürfte dabei am schwersten zu realisieren sein. „Verlierer machen andere Erfahrungen als Sieger - und zwar immer größere“ - die von ihm gerne zitierte positive Botschaft von Reinhold Messner muss erarbeitet werden. Einstellungen zu ändern, Niederlagen emotional zu verdauen dauert, „es braucht Distanz zum Scheitern, um überhaupt darüber reflektieren zu können und die Vorgänge, Gründe und Verwicklungen zu verarbeiten“, so Scheucher und Steindorfer.

          Scheitern dürfen, um lernen zu können, heißt der geforderte Paradigmenwechsel. „Wir brauchen eine Fehlerfreundlichkeitskultur, die neben der Erfolgskultur steht“, wirbt Stöhr für die Kultur der zweiten, dritten, vierten Chance. Denn oft ist es gerade das Vertuschen von Fehlern und Problemen, das zum großen beruflichen Scheitern führt. Rückschläge und Fehler produktiv nutzen zu können, sie nicht verklären und vertuschen zu müssen, wäre ein Anfang.

          Wir reden gerne über Erfolg und Leistung. Ob in der Selbständigkeit oder bei abhängig Beschäftigten - meist liest man nur die Erfolgsstories. Doch wer berufliche Ziele verfolgt, kann auch scheitern oder zumindest herbe Rückschläge erleiden. Wir wollen mit dem Tabu ein wenig aufräumen und dem Thema Scheitern eine kleine Serie widmen. Darin kommen Menschen vor, bei denen der gewünschte Karrieresprung zunächst misslungen ist. Wir stellen aber auch vor, wie diese Menschen ihr Scheitern als Chance begriffen haben. Warum uns dies so schwer fällt und was es braucht, damit Scheitern aus der Tabu-Ecke heraus kommt, darum ging es im ersten Teil. Nächste Woche porträtieren wir an dieser Stelle einen gescheiterten Unternehmer.

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