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SPD-Politiker Lauterbach : „Regulärer Unterricht fällt mindestens ein Jahr aus“

  • -Aktualisiert am

Immer schön Abstand halten: Unterricht am 4. Mai in einer Grundschulklasse in Hamburg. Bild: dpa

Masken hin, Hygienekonzept her: Geht es nach SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach, fällt normaler Unterricht „für mindestens“ ein Jahr aus. An die Eltern denkt er dabei nicht.

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          Die allermeisten Schüler sind seit Mitte März keinen einzigen Tag mehr in der Schule gewesen. Erst seit vergangener Woche geht es für Abschlussklassen wieder los, sie erhalten zwar nicht in allen Fächern, aber wenigstens in den Hauptfächern und prüfungsrelevanten Fächern wieder Unterricht vor Ort. Weitere Lockerungen werden folgen. Das bayerische Kabinett etwa hat an diesem Dienstagvormittag beschlossen,dass es nach den Pfingstferien Mitte Juni wieder Präsenzunterricht für alle Schüler und alle Altersklassen geben soll. Den meisten vom Home-Schooling-geplagten Kindern und Eltern wird da ein Stein vom Herzen fallen.

          Der SPD offenbar nicht. Deren prominentester Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach ist sich sicher: „Regulärer Unterricht fällt für mindestens ein Jahr aus.“ Das schreibt der Sozialdemokrat auf Twitter, wo er über eine stolze Anhängerschaft von knapp 150.000 Followern verfügt. Auch diesmal hat der 57-Jährige einen Nerv getroffen, seine insgesamt sechs Nachrichten zum Thema sorgen für Tausende Reaktionen. Die meisten davon sind – gelinde gesagt – unfreundlich und verständnislos. Allerdings bringt dies das Medium Twitter mit sich.

          In jedem Fall ist sehr bemerkenswert, was Lauterbach von sich gibt. Er begründet die Unmöglichkeit des regulären Unterrichts mit „den Kinderstudien“. Es könne „als epidemiologisch sicher gelten“, dass „weder Apps noch Masken“ die Lage änderten, weil das Problem die Übertragung durch Aerosole und Kontakte im Klassenraum sei.

          Welche Studien Lauterbach genau meint, schreibt er in seinem kleinen Twitter-Aufsatz nicht. Wahrscheinlich hat er die jüngste Studie von Berliner Virologen um Christian Drosten im Kopf. Deren Kernergebnis ist, dass Sars-CoV-2-infizierte Kinder in ihrer infektiösen Phase andere Menschen genauso anstecken könnten wie jeder andere Erwachsene auch. Die Wissenschaftler empfehlen daher: „Was die unbegrenzte Wiedereröffnung von Schulen und Kindergärten angeht, müssen wir in der gegenwärtigen Situation, in der immer noch ein Großteil der Bevölkerung nicht immun ist und die Übertragung allein durch nicht-pharmakologische Maßnahmen niedrig gehalten werden muss, äußerste Vorsicht walten lassen.“

          „Kinder haben das Recht auf Bildung“

          Allerdings ist diese Lesart keineswegs so „epidemiologisch sicher“ wie es Lauterbach darstellt. Mehrere Kinderärzte und Infektiologen der Ludwig-Maximilians-Universität München beispielsweise entgegneten im Deutschen Ärzteblatt, dass sich in der Berliner Studie unter den fast 60.000 Probanden nur 16 Kinder unter zehn Jahren befunden hätten, die vergleichbare Virusmengen wie Erwachsene im Nasensekret hatten. Ihr Fazit: „Aus einer so selektionierten Stichprobe Folgerungen über die Infektiösität von Kindern im Allgemeinen anzustellen, ist reine Spekulation.“ Die Ärzte aus München betonen vielmehr: „Kinder haben das Recht auf Bildung.“

          Nun dürfen sich Politiker natürlich aussuchen, wem sie in einer Krise vertrauen, auf welchen Rat sie hören, wann wissenschaftliche Erkenntnisse für sie als „sicher“ selten. Allerdings wüsste man darüber hinaus gerne, woher Lauterbach die Erkenntnis nimmt, dass regulärer Unterricht „für mindestens 1 Jahr“ ausfallen müsse. Warum nicht gleich drei Jahre? Oder „nur“ ein halbes? Vielleicht will Lauterbach den regulären Unterricht ja so lange aussetzen, bis alle Kinder und Lehrer geimpft sind. Man weiß es nicht. Der Chef des französischen Pharmaherstellers Sanofi jedenfalls will bis zur zweiten Hälfte des kommenden Jahres eine Milliarde Impfdosen produziert haben. Das würde sich grob mit „mindestens ein Jahr“ decken.

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