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Stress, Erschöpfung, Burnout : Der Kapitalismus ist nicht an allem Schuld

Krankenkassen: Die Zahlen der Burnout-Fälle sind in den letzten zehn Jahren sprunghaft angestiegen. Ein Grund können, wie auf diesem gestellten Bild dargestellt, zu viele Arbeitsaufträge sein. Bild: dpa

Psychische Krankheiten seien so schlimm wie noch nie, heißt es. Der Schuldige ist längst gefunden – der ach so böse Kapitalismus. Selten wurde so viel Quatsch geredet.

          Wie schnell man heute seinen Burnout weghat, durfte Reinhold Beckmann jetzt erfahren. Der Fernsehmoderator musste sich in zwei Sendungen vertreten lassen, weil er an „Schwindel und Gleichgewichtsstörungen“ litt.

          Bettina Weiguny

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Burnout“ posaunte die „Bild“-Zeitung hinaus. Schließlich war Beckmann gerade aus dem Nordirak zurückgekehrt, wo er nach eigenen Angaben „unsägliches Leid“ gesehen hatte. Klare Sache also: Jetzt hat’s den Beckmann erwischt. Warum auch nicht? Hat ja jeder heute. Der Bestseller-Autor Frank Schätzing, Starkoch Tim Mälzer, Skispringer Sven Hannawald, Fußballer Sebastian Deisler, Ex-Bertelsmann-Chef Hartmut Ostrowski und etliche andere. Die Liste der Burnout-Promis ist lang, die Kliniken und Praxen sind voll.

          Nur leider stimmte es im Falle Beckmann nicht. Beckmann hatte nur einen grippalen Infekt. Aber da wir im Zeitalter der erschöpften Gesellschaft leben, ist die Diagnose Burnout schnell zur Hand. Das macht deutlich mehr her als eine stinknormale Grippe. Ein bisschen burnout sind wir doch alle, seit immer mehr Menschen am Ende ihrer Kräfte sind, ausgebrannt und depressiv.

          Krankheitstage wegen psychischer Störungen verdoppelt

          So geht zumindest das allgemeine Wehklagen. Auch die Schuldigen sind schnell gefunden: Im Zweifel ist es die Arbeit, dieses Monstrum, das uns Unmenschliches abverlangt, uns nachts und am Wochenende mit Mails zudonnert, bis wir vor lauter Stress zusammenbrechen. Wer wäre nicht überfordert von den Turbo-Geschwindigkeiten der digitalen Welt, dem bösen Raubtier-Kapitalismus, der Globalisierung?

          Die Statistiken aus den Krankenakten scheinen den Mythos vom zunehmenden Leid der Seelen zu stützen. Immerhin schnellten die Burnout-Fälle in den vergangenen zehn Jahren nach oben, in der gleichen Zeit haben sich die Krankheitstage wegen psychischer Störungen verdoppelt. Das melden die Krankenkassen unisono.

          Dabei wird völlig übersehen, dass 99 Prozent aller Deutschen nicht ausgebrannt sind. „Nur 0,3 Prozent haben Burnout“, schreibt der Soziologe und Therapeut Martin Dornes in seinem Aufsatz „Macht der Kapitalismus depressiv?“. Das Leben sei zwar in mancherlei Hinsicht anstrengender geworden. „Es gibt aber keine Belege dafür, dass eine wachsende Anzahl der Menschen damit seelisch überfordert wäre.“ Selbst die provokantesten Schätzungen wagen sich kaum über vier Prozent hinaus.

          Von einer „Volkskrankheit Burnout“ sind wir demnach weit entfernt. Das heißt nicht, dass die Erkrankten simulieren oder sich ihr Elend einbilden. Es ist aber so, dass es immer schon psychisch Angeschlagene gab. Nur haben Ärzte früher andere Diagnosen getroffen. Die Menschen litten unter Rückenschmerzen, Bluthochdruck, Wechseljahren und Kreislauf- oder Schlafstörungen. Oder sie sind gar nicht erst zum Arzt gegangen, weil sie sich schämten oder kein Facharzt oder Psychotherapeut in der Nähe war. So blieben viele Fälle unerkannt.

          Große Mehrheit mit ihrer Arbeit zufrieden

          Je mehr Fachärzte, desto mehr Diagnosen, desto mehr Kranke. So schlicht ist die Faustregel. 20 bis 30 Prozent der Gesellschaft fühlen sich laut Dornes in jeder Generation „müde oder erschöpft“. Das war 1980 nicht anders als 1970 oder auch schon um das Jahr 1900. Gerade damals hatte die Überforderung Hochkonjunktur. Nur hieß das Phänomen damals nicht Burnout, sondern Neurasthenie. Die nervöse Welle, ausgelöst durch das Unbehagen an der Hast der Industrialisierung, verebbte mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs. „Die Menschen hatten plötzlich andere Sorgen“, erklärt der Psychologe Elmar Brähler, der ein „Lexikon der modernen Krankheiten“ verfasst hat.

          Warum leiden wir jetzt wieder an der Seele, wo es uns besser geht denn je? Warum verdammen wir den Kapitalismus, gerade jenes Wirtschaftssystem, das uns den Wohlstand beschert, den wir heute genießen? Wir arbeiten viel weniger als unsere Eltern und Großeltern. Sind seltener krank. Die Zahlen der Frühverrentung sinken seit vielen Jahren. Wir haben mehr Urlaub, interessantere Tätigkeiten und viel mehr Freiheiten als früher.

          Trotzdem wird die neue Freiheit in der Burnout-Diskussion als Übel schlechthin gegeißelt. Weil sie uns Entscheidungen abverlangt. Eigeninitiative. Ja, sogar Leistung.

          Nur, wie wollen wir denn sonst arbeiten? Stupide am Fließband wie früher? Dazu ist zu bedenken, dass laut einer Untersuchung zu Psychostress im Jahr 1958 gut 40 Prozent aller Arbeiter an psychosomatischen Erkrankungen litten. Damals war die Arbeit wirklich stumpf und anstrengend, die Arbeitstage elendig lang. Das Familienleben beschränkte sich auf den Sonntag, denn samstags gehörte Vati noch lange nicht der Familie. Und zu Hause kochte und schrubbte die Hausfrau, ob sie dabei Erfüllung fand oder nicht.

          Nichts von alledem wollen wir zurück. Im Prinzip wissen wir das auch zu schätzen. Sonst wäre nicht die große Mehrheit mit ihrer Arbeit zufrieden oder sogar sehr zufrieden.

          Und trotzdem ist das Unbehagen groß über den „zunehmenden Druck des Kapitalismus“, der die Menschen zur „Selbstausbeutung“ zwingt. Jeder zweite Manager hat in einer Studie der Baumann Unternehmensberatung („Deutschland, Deine Manager“) angegeben, sich davor zu fürchten, im Laufe der Karriere Burnout zu erleiden. Eine übertriebene Furcht, denn wenn jemand tendenziell burnoutgefährdet ist, dann nicht die Führungskräfte, sondern die Arbeitslosen. Sie sind drei bis vier Mal so häufig psychisch krank wie Erwerbstätige. Die Schlussfolgerung müsste also lauten: Arbeit gehört zu einem erfüllten Leben, schützt vor Leid.

          Stattdessen gefällt es dem Zeitgeist, „die Wirtschaft“, oder noch giftiger: „den Kapitalismus“ für jedes Übel haftbar zu machen. Er trägt Schuld an der Beschleunigungsfalle, am Infarkt der Gesellschaft. Er hat die Vollzeitjobs vernichtet, hat die Ehe auf dem Gewissen. Die Familien rafft er dahin, reihenweise scheitern sie daran, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Da vergeht den Jungen gar die Lust auf Kinder. Und die Kleinsten sind ganz hibbelig wegen Schulstress. Reihenweise leiden sie an „ADHS“.

          Dabei ist das alles ganz normal. Kein Anzeichen einer kollektiven Erschöpfungsspirale, findet Dornes. Jedes Argument lässt sich auch positiv deuten. So sind die Teilzeitjobs auch entstanden, weil die Menschen es schätzen, einen Tag in der Woche freizuhaben. Und Zappelphilippe gab es schon immer. Eine Untersuchung von Hamburger Schulkindern im Jahr 1958 schätzte zwölf Prozent der Kinder als „ausgesprochen hypermotorisch“ und 23 Prozent als „konzentrationsgestört“ ein. „Nicht die Aufmerksamkeitsstörungen haben zugenommen“, folgert Dornes aus diesem Befund, „sondern die Aufmerksamkeit für sie.“

          „In 50 Jahren wird man über heutige Erkrankungen lächeln“

          Das erscheint plausibel. Die Karriere des Burnouts begann hierzulande im Jahr 2004. In dem Jahr erschien Alain Ehrenbergs „Das erschöpfte Selbst“. Ein Bestseller. Seither steigt die mediale Bedeutung so rasant wie die Burnoutfälle. Magazine und Zeitschriften widmeten dem Phänomen etliche Titelgeschichten, Tageszeitungen durchleuchteten das neue Phänomen.

          So fand sich der Begriff „Burnout“, bekannt seit 1974, im Jahr 1999 gerade einmal in neun Artikeln der F.A.Z. 2012 waren es 160 Berichte. Das wirkt zurück auf die Realität. „Medienberichte können eine Welle einer modernen Krankheit auslösen, weil die Leser oder Zuschauer sich in der Erkrankung wiedererkennen“, erläutert Psychologe Elmar Brähler. „Gelitten haben sie schon vorher. Sie hatten nur keinen Namen für ihr Leiden und deshalb nicht den Mut, damit zum Arzt zu gehen.“

          Die gute Nachricht zum Schluss könnte also heißen: Es geht bergab mit dem Burnout, denn die Medien schenken ihm weniger Bedeutung. Die F.A.Z. schrieb 2014 nurmehr 141 Mal über Burnout. Und tatsächlich: Krankenkassen verzeichnen erstmals einen Rückgang der Fälle. Vielleicht kommt Burnout also außer Mode, wird vom „Narzissmus“ abgelöst.

          Brähler ist sich sicher: „In 50 Jahren wird man über viele der heutigen Erkrankungen lächeln – und an anderen Krankheiten leiden.“

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