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Börsencrash : Chinas Krise ist echt kapitalistisch

  • -Aktualisiert am

Ende des Kommunismus: Die Krise in China zeigt die Abhängigkeit des Landes von den Märkten. Bild: dpa

Die Börsen-Krise in China zeigt die Schwächen des wirtschaftlichen Systems in China. Eines ist jedoch sicher: Den Regeln der Finanzmärkte muss sich China unterwerfen.

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          Es gab eine Zeit, da schienen für China andere Regeln zu gelten als für die anderen großen Volkswirtschaften auf der Welt. Die Wirtschaft wuchs mit tatkräftiger Unterstützung der kommunistischen Partei weitgehend unabhängig von Konjunkturzyklen oder sonstigen Beunruhigungen der Weltwirtschaft.

          Und die Börse war weniger ein ernstzunehmender Finanzplatz, an dem sich Unternehmen Geld für neue Investitionen holten, als eine Art großes Kasino für Spekulanten, die den Aktienmarkt als einfache und sichere Möglichkeit ansahen, wie sich schnell viel Geld machen ließ.

          Diese Zeiten sind vorbei. Das zeigte sich spätestens am vergangenen Montag, als die Börse in Schanghai innerhalb eines einzigen Tages rund zehn Prozent ihres Werts einbüßte – was sich umgehend auch auf andere internationale Finanzmärkte auswirkte. Der amerikanische Aktienindex Dow Jones verlor kurzfristig 1000 Punkte, bevor sich die Kurse gegen Mitte der Woche wieder erholten. Auch der Dax litt empfindlich. Zum ersten Mal ging ein internationaler Crash von China aus. Das ist eine Zäsur.

          Kapitalismus auf Kommandohöhe

          Der chinesische Kursrutsch trägt alle Zeichen einer klassischen Blase am Finanzmarkt. Die Regierung hatte chinesische Kleinanleger mit dem Versprechen, dass die Kurse immer weiter steigen würden, monatelang angehalten, in Aktien zu investieren.

          Die Börse erfuhr daraufhin einen unglaublichen Wertzuwachs – bis die Verkündung enttäuschender Wirtschaftsdaten im Juni die Anleger an den Zuwächsen zweifeln ließ und so die Wende einläutete. Mit den Marktturbulenzen der vergangenen Wochen hat Chinas platzende Finanzblase endgültig die globale Wirtschaft erreicht.

          Das zeigt, mit Lenin gesprochen, vor allem eines: Auch in China haben die Märkte endgültig die Kommandohöhen von der kommunistischen Regierungspartei übernommen. Sie kann sich den Regeln der internationalen Finanzmärkte mit ihren Konjunkturzyklen und ihrer Anfälligkeit für Spekulationsblasen nicht länger durch interventionistische Wirtschaftspolitik entziehen – und die internationalen Finanzmärkte können die Entwicklungen an Chinas Finanzmarkt nicht länger als nebensächlich abtun. China ist ein vollwertiger Spieler der globalen Finanzwelt geworden.

          Panik statt Vertrauen

          Das zeigt sich auch an den Reaktionen auf die Krise. Als die chinesische Regierung mit altbewährten Mitteln versuchte, den Kursverfall zu stoppen, scheiterte sie: Der massenhafte Aufkauf chinesischer Aktien förderte nicht wie beabsichtigt das Vertrauen der Investoren. Ganz im Gegenteil versetzte er die Aktienbesitzer in Panik, was weitere Verluste nach sich zog.

          Daraufhin griff die chinesische Zentralbank zu den klassischen Instrumenten kapitalistischer Geldpolitik. Sie wertete die Währung ab, um die Exportwirtschaft attraktiver zu machen und senkte die Zinsen, um die gebeutelten Märkte wieder flüssig zu machen.

          Nicht nur die Chinesen haben ihre neue Rolle angenommen. Auch die Notenbanker der Industrieländer nehmen Chinas Börse ernster als früher. Bei ihrem traditionellen Treffen im amerikanischen Jackson Hole an diesem Wochenende beschäftigen sie sich eingehend damit, wie Stanley Fischer, Vizechef der amerikanischen Zentralbank, schon im Vorhinein andeutete.

          Kein Kasino mehr

          William Dudley, Chef der New Yorker Fed, zog in Zweifel, ob die für September geplante Zinserhöhung der amerikanischen Notenbank noch vertretbar ist – die Ökonomen der chinesischen Notenbank, die Amerikas drohende Zinswende jüngst für den Kursrutsch in Schanghai verantwortlich machten, werden das gern gehört haben.

          Noch sind Chinas Finanzmärkte nicht ganz so bedeutsam wie etwa die amerikanischen. Bisher werden dort nur Aktien im Wert von einem Drittel der Wirtschaftsleistung gehandelt, in den meisten Industrieländern übersteigt der Wert der Aktienmärkte den der Realwirtschaft. Doch ein harmloses Kasino sind sie längst nicht mehr.

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