https://www.faz.net/-gqe-94f55

Neubau : Europas erstes Stahlwerk seit 40 Jahren

Vom Stahl geprägt: Kapfenberg in der Steiermark ist ein traditioneller Stahlstandort. Bild: @akpool GmbH

Zum ersten Mal seit vier Jahrzehnten entsteht in Europa wieder ein Stahlwerk – im österreichischen Kapfenberg. Die Investoren wissen, warum sie dort bauen.

          Bernhard Mlekusch ist ein Böhlianer. Wie schon sein Großvater und Vater arbeitet der Kapfenberger im Stahlwerk Böhler. Der Diplom-Ingenieur leitet die Walzwerke und Verarbeitung in der Böhler Edelstahl GmbH, die zum österreichischen Stahlverarbeitungskonzern Voestalpine gehört. Er verkörpert den Stolz der traditionsreichen Stahlhochburg und vermittelt Zuversicht. Sie ist das Gegenteil dessen, was alte Industriezentren meist an prekärer Hoffnungslosigkeit ausstrahlen. Schon lange wird in dieser Gegend der Steiermark Erz abgebaut und Stahl produziert.

          Michaela Seiser

          Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Kapfenberg ist seit dem Mittelalter bekannt dafür. Seine Nähe zum Erzberg und zur Wasserkraft in ausreichendem Maße haben hier schon vom 15. Jahrhundert an mehrere Hammerwerke entstehen lassen. Auch wenn die Herstellung von Stahl heute an Bedeutung verloren hat, ist Kapfenberg dennoch eine bedeutende Industriestadt mit einer zähen und selbstbewussten Arbeiterschaft geblieben; Sozialpolitik war hier seit jeher wichtig: von Werkswohnungen über medizinische Versorgung und Kinderbetreuung bis hin zu Sportvereinen, aus denen Fußballspieler hervorgehen, die keine Auseinandersetzung scheuen. „Simmering gegen Kapfenberg, das ist Brutalität“, hat der österreichische Schriftsteller Helmut Qualtinger gefunden und damit eine unsterbliche Redewendung geschaffen.

          Warum in Österreich?

          Waren die Auseinandersetzungen auf dem Fußballfeld zwischen dem elften Wiener Gemeindebezirk und der steirischen Stahlstadt durch Roheit gekennzeichnet? Zwei Mannschaften, meist im Abstiegskampf mit wenig Geld. Dort versammeln sich weniger die glänzenden Techniker, sondern eher Spieler, die sich durch körperlichen Einsatz auszeichnen – die Eisenhaxen, wie hart attackierende Verteidiger genannt werden. Verteidigt wurden in den zurückliegenden Jahrzehnten auch die örtlichen Betriebe wie Böhler. Sie gehören zu den wichtigsten Arbeitgebern der Region, die vor einer Renaissance steht. In den kommenden drei Jahren errichtet Voestalpine ein neues Edelstahlwerk an diesem Hochlohnstandort. Es ist das erste Stahlwerk seit vier Jahrzehnten, das in Europa gebaut wird. Für eine Branche, die an Überkapazitäten leidet, ist das erstaunlich.

          Investiert werden rund 350 Millionen Euro in eine Ersatzanlage. Das Mürztal hat sich als Standort gegen alle internationalen Alternativen durchgesetzt. „Die Entscheidung, die Anlage in einem Hochkostenland wie Österreich zu errichten, war alles andere als einfach“, räumt der Vorstandssprecher Wolfgang Eder ein. Nach intensiver Abwägung aller relevanten Standortfaktoren sei das Management jedoch zur Überzeugung gelangt, „dass sich das nicht nur für Österreich, sondern auch für Europa außergewöhnliche Investitionsvorhaben hier langfristig rechnen wird“. Den Ausschlag für die positive Entscheidung gab letztlich auch die hohe Dichte an hochqualifizierten Metallexperten in der Region: „Am Ende des Tages waren es die fast 3000 Mitarbeiter, die wir heute am Standort Kapfenberg haben“, sagt Eder. Nirgendwo sonst auf der Welt wären Menschen in diesem Ausmaß mit dieser Kompetenz vorzufinden gewesen, die „ad hoc verfügbar“ seien.

          Zudem punktet Kapfenberg mit einem exzellenten metallurgischen Umfeld. Dazu zählen die Montanuniversität in Leoben, die Technischen Universitäten Graz und Wien sowie die zahlreichen Fachhochschulen. Das Zünglein an der Waage für die Standortentscheidung sei auch die Entspannung der Strompreiszone Österreich-Deutschland gewesen. Immerhin sind die Energiekosten für die Elektroöfen in einem Edelstahlwerk ein entscheidender Kostenfaktor. Zwischenzeitig hatte Eder hierzulande für die kommenden zwei bis drei Jahre Strompreiserhöhungen von mindestens 15 bis hin zu 40 Prozent befürchtet; mittlerweile hat sich das Szenario auf einen Anstieg um „5 bis 6 Prozent“ beruhigt. Über eine Strompreiszonentrennung zwischen den beiden Ländern debattierten die Regulatoren rund zwei Jahre lang, erst im Mai stand der Kompromiss. Der bis dahin unbegrenzte Stromhandel zwischen den beiden Märkten wird nicht gänzlich gekappt, aber eingeschränkt.

          Das alte Stahlwerk war zu alt

          Dass Voestalpine ein Werk bauen musste, war klar: Mit den bestehenden Anlagen ist der Konzern an die Grenzen der technischen Möglichkeiten gestoßen. Dieses Stahlwerk muss diese Position über 50 Jahre und mehr halten, lautet das Ziel für die zeitliche Perspektive. Die 205.000 Tonnen Jahreskapazität, die geplant seien, entsprächen dem, was in Kapfenberg schon bisher erzeugt werde. „Wir werden aber in andere Qualitäten gehen“, um neue Maßstäbe als führender Hightech-Anbieter zu setzen, argumentiert der Vorstand.

          Der konzernweiten Strategie entsprechend, fertigt Voestalpine auch im Mürztal zunehmend höherwertige Produkte, mit denen auch höhere Margen erzielt werden können. Der Rohstoff für die Verarbeitung kommt großteils aus Österreich. Auch hier zählt die Güte. Schrott sei die halbe Miete, betont der eingefleischte Böhler-Mann Mlekusch: „Wenn Sie schlechten Schrott haben, dann haben Sie Schrott zum Schluss.“

          News per Whatsapp, Telegram und Messenger
          News per Whatsapp, Telegram und Messenger

          Ab sofort versorgen wir Sie über Ihren Lieblingsdienst mit den Themen des Tages.

          Jetzt anmelden

          Obwohl das nach eigener Darstellung modernste Edelstahlwerk der Welt hochdigitalisiert sein wird, müssen die derzeit Beschäftigten an dem steirischen Standort nicht um ihre Jobs zittern: „Wir werden mit Sicherheit aufgrund der Errichtung des neuen Werks keine Freisetzung von Mitarbeitern haben, die über die natürliche Fluktuation hinausgeht, aber wir müssen mehr in die Um- und Aufqualifizierung der bestehenden und der neuen Mitarbeiter investieren“, betont Eder. „Man sollte die Digitalisierung nicht als das Schreckgespenst der Zukunft, was Arbeitsplätze betrifft, hinstellen.“

          Tausende Sensoren helfen

          Noch vor Jahresende werde in Kapfenberg ein „Competence Center“ für Digitalisierung eröffnet. Digitalisierung/Robotik ist schon Bestandteil der Lehrlingsausbildung. In den zurückliegenden zehn Jahren hat sich der Personalstand des österreichischen Industriekonzerns auf rund 50.000 Mitarbeiter mehr als verdoppelt. Möglich war dies, weil er den Wandel von einem Erzeuger zum Technikanbieter geschafft hat Voestalpine investiert nicht nur in ein neues Werk in Kapfenberg. In Donawitz – einige Kilometer weiter – wurde im September ein neues Drahtwalzwerk in Betrieb genommen, das ebenso Maßstäbe setzt. Investiert wurden seit 2013 etwa 140 Millionen Euro.

          Produziert werden sollen dort künftig gut eine halbe Million Jahrestonnen Walzdraht. „Wir bewegen uns in einem Hochlohnland und -kontinent, da kommt man mit einfachen Gütern nicht weit“, betonte Eder. Die Werkinvestition diene auch der technologischen Führerschaft bei Qualitätswalzdraht für anspruchsvolle Anwendungen und Spitzenprodukte, heißt es. Die neue Halle ist 700 Meter lang, die Maschinen stammen vom italienischen Anlagenbauer Danieli, der auch die Simulationsanlage zur Ausbildung der Beschäftigten und die Software geliefert hat. Die vollautomatisierte Anlage hat elf Walzwege; vier Spezialisten steuern sie von einem Leitstand aus. Es ist die Vision einer Industrie 4.0, die fast ohne Arbeiter auskommt. Die Durchlaufgeschwindigkeit beträgt bis zu 400 Stundenkilometer.

          Tausende Sensoren und Datenpunkte unterstützen die hohe Fertigungsgeschwindigkeit. Hergestellt werden hochfester Walzdraht für Zylinderkopfschrauben, hochelastische Kupplungsfedern oder verschleißfeste Wälzlagerrollen. Die unterschiedlich starken Drähte werden nicht nur gewalzt, sondern auch in Glühöfen wärmebehandelt und oberflächenbeschichtet. Angeschlossen ist ein Lager für rund 18 000 Tonnen Walzdraht. Seit Anfang September wird in Donawitz in vier Schichten gefahren.

          Fast zwei Drittel des Stahls geht in die Autoproduktion

          Fast zwei Drittel der Produktion sind für den „Automotive“-Sektor gedacht – in jedem modernen Fahrzeug sind rund 120 Kilogramm Endprodukte aus Draht verbaut. Der Rest geht in den Baubereich, konkret in Befestigungskomponenten wie etwa Anker oder auch in das Innenleben von Eisenbahnschwellen. Fast die gesamte Produktion wird aus der Steiermark in den europäischen Raum geliefert. Voestalpine hat vor zwei Jahrzehnten einen eigenen Weg eingeschlagen, weg vom Massenstahl. Während viele Branchenvertreter in den zurückliegenden Jahrzehnten nach Fusionspartnern suchten, um Kosten zu senken, und immer größere Unternehmen entstanden, entschied sich das einst staatliche Unternehmen gegen die Ausweitung der Kapazitäten. Stattdessen wurden bestehende Kontakte zu Autoherstellern, Maschinenbauern und Bahnbetreibern genutzt und die Produkte den Wünschen der Kunden angepasst.

          Schon vor der Jahrtausendwende gab es eine Ausrichtung auf hochwertige Spezialstähle vor allem für die Verkehrs- und die Energietechnik. Damit haben sich die Österreicher von den Massengütermärkten verabschiedet. Mit seinem Werkzeugstahl bestimmt Voestalpine den Weltmarkt ebenso wie mit hochwertigen Metallweiterverarbeitungslösungen, wie sie in der Steiermark entstehen.

          Für Forschung und Entwicklung (F&E) werden jährlich rund 160 Millionen Euro ausgegeben – bei einem Umsatz von zuletzt 11,3 Milliarden Euro. Bis zum Jahr 2020 plant das Management, die 200-Millionen-Euro-Marke zu knacken. In der Steiermark erwirtschafteten neun Standorte mit gut einem Dutzend Produktionseinheiten im vergangenen Jahr über 3,1 Milliarden Euro und damit mehr als ein Viertel des Konzernumsatzes. Nach einer Analyse des Industriewissenschaftlichen Instituts (IWI) sichert jeder Arbeitsplatz von Voestalpine in der Steiermark – rund 9400 – weitere 16.000 in der Region und rund 30.000 in Österreich. Eder zufolge profitiert irgendwann jede Branche von den Effekten.

          Vielleicht führen die kräftigen Geldflüsse auch zu einer stärkeren Besiedlung der Stadt, die von der Entwicklung von Böhler abhängt. In den Nachkriegsjahren bis 1971 erhöhte sich die Zahl der Bevölkerung auf einen Höchststand von 26.300 Einwohnern. Damals beschäftigte Böhler rund 8000 Mitarbeiter. Die darauffolgende Stahlkrise und die fortschreitende Privatisierung des Unternehmens, durch die sich die Zahl der Böhler-Beschäftigten auf 3500 um den Jahrtausendwechsel reduzierte, ließ die Einwohnerzahl bis auf 21.831 im Jahr 2011 sinken. Jetzt zählt die Stadt 23.000 Bürger. Die Steigerung erklärt sich durch die Zusammenlegung der Gemeinden Kapfenberg und Parschlug im Rahmen der Steiermärkischen Gemeindestrukturreform. Für die Kommunalpolitiker ist das Bekenntnis von Voestalpine ein starkes Zeichen. Auch der Böhlianer Bernhard Mlekusch sieht die Aussichten der Stahlbastion mit der Investition von Voestalpine positiv: „Ich bin in meiner Familie die dritte Generation als Arbeitnehmer hier. Ich sehe auch für meine zwei Buben eine Zukunft.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Interview mit CSU-Chef Söder : „Es gibt schon genug Raketen“

          Im Streit über das Pipeline-Projekt Nord Stream 2 mahnt Markus Söder die amerikanische Regierung zu mehr Partnerschaftlichkeit. In der Nato gehe es um Sicherheit und nicht um Wirtschaft, sagt Bayerns Ministerpräsident im F.A.Z.-Interview.
          Unter Druck: AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel am Donnerstag im Bundestag

          Spendenaffäre : Eine Blamage für die AfD

          Die Spendenaffäre ist für die AfD eine inhaltliche Bankrotterklärung. Sie belegt die tief in der Partei verankerte Verantwortungslosigkeit, die innerhalb der AfD gerne als Freiheit verkauft wird. Ein Kommentar.
          Gregor Zetsche

          Gregor, Sohn von Dieter : Ein neuer Zetsche am Daimler-Himmel

          Während der Chef von Daimler, Dieter Zetsche, seine operative Karriere beendet, steigt dessen Sohn Gregor bei einem Softfwarehersteller für Mercedes in die Leitungsebene auf.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.