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Neubau : Europas erstes Stahlwerk seit 40 Jahren

Vom Stahl geprägt: Kapfenberg in der Steiermark ist ein traditioneller Stahlstandort. Bild: @akpool GmbH

Zum ersten Mal seit vier Jahrzehnten entsteht in Europa wieder ein Stahlwerk – im österreichischen Kapfenberg. Die Investoren wissen, warum sie dort bauen.

          6 Min.

          Bernhard Mlekusch ist ein Böhlianer. Wie schon sein Großvater und Vater arbeitet der Kapfenberger im Stahlwerk Böhler. Der Diplom-Ingenieur leitet die Walzwerke und Verarbeitung in der Böhler Edelstahl GmbH, die zum österreichischen Stahlverarbeitungskonzern Voestalpine gehört. Er verkörpert den Stolz der traditionsreichen Stahlhochburg und vermittelt Zuversicht. Sie ist das Gegenteil dessen, was alte Industriezentren meist an prekärer Hoffnungslosigkeit ausstrahlen. Schon lange wird in dieser Gegend der Steiermark Erz abgebaut und Stahl produziert.

          Michaela Seiser
          Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Kapfenberg ist seit dem Mittelalter bekannt dafür. Seine Nähe zum Erzberg und zur Wasserkraft in ausreichendem Maße haben hier schon vom 15. Jahrhundert an mehrere Hammerwerke entstehen lassen. Auch wenn die Herstellung von Stahl heute an Bedeutung verloren hat, ist Kapfenberg dennoch eine bedeutende Industriestadt mit einer zähen und selbstbewussten Arbeiterschaft geblieben; Sozialpolitik war hier seit jeher wichtig: von Werkswohnungen über medizinische Versorgung und Kinderbetreuung bis hin zu Sportvereinen, aus denen Fußballspieler hervorgehen, die keine Auseinandersetzung scheuen. „Simmering gegen Kapfenberg, das ist Brutalität“, hat der österreichische Schriftsteller Helmut Qualtinger gefunden und damit eine unsterbliche Redewendung geschaffen.

          Warum in Österreich?

          Waren die Auseinandersetzungen auf dem Fußballfeld zwischen dem elften Wiener Gemeindebezirk und der steirischen Stahlstadt durch Roheit gekennzeichnet? Zwei Mannschaften, meist im Abstiegskampf mit wenig Geld. Dort versammeln sich weniger die glänzenden Techniker, sondern eher Spieler, die sich durch körperlichen Einsatz auszeichnen – die Eisenhaxen, wie hart attackierende Verteidiger genannt werden. Verteidigt wurden in den zurückliegenden Jahrzehnten auch die örtlichen Betriebe wie Böhler. Sie gehören zu den wichtigsten Arbeitgebern der Region, die vor einer Renaissance steht. In den kommenden drei Jahren errichtet Voestalpine ein neues Edelstahlwerk an diesem Hochlohnstandort. Es ist das erste Stahlwerk seit vier Jahrzehnten, das in Europa gebaut wird. Für eine Branche, die an Überkapazitäten leidet, ist das erstaunlich.

          Erklärvideo : Kampf um den Stahl

          Investiert werden rund 350 Millionen Euro in eine Ersatzanlage. Das Mürztal hat sich als Standort gegen alle internationalen Alternativen durchgesetzt. „Die Entscheidung, die Anlage in einem Hochkostenland wie Österreich zu errichten, war alles andere als einfach“, räumt der Vorstandssprecher Wolfgang Eder ein. Nach intensiver Abwägung aller relevanten Standortfaktoren sei das Management jedoch zur Überzeugung gelangt, „dass sich das nicht nur für Österreich, sondern auch für Europa außergewöhnliche Investitionsvorhaben hier langfristig rechnen wird“. Den Ausschlag für die positive Entscheidung gab letztlich auch die hohe Dichte an hochqualifizierten Metallexperten in der Region: „Am Ende des Tages waren es die fast 3000 Mitarbeiter, die wir heute am Standort Kapfenberg haben“, sagt Eder. Nirgendwo sonst auf der Welt wären Menschen in diesem Ausmaß mit dieser Kompetenz vorzufinden gewesen, die „ad hoc verfügbar“ seien.

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