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Der Rubel rollt (noch) : Kann die WM die russische Wirtschaft retten?

  • Aktualisiert am

Ein Blick am Abend auf das Stadion Luschniki, in dem das Eröffnungsspiel und das Finale der Fußball-WM 2018 stattfindet. Bild: dpa

Ohne die WM gebe es in Russland kein Wirtschaftswachstum – das sagte unlängst der stellvertretende Ministerpräsident des Landes. Die Deutschen versetzt das Großereignis indes in Kauflaune.

          Bei der Fußball-WM in Russland rollt ab dem 14. Juni der Ball – aber rollt auch der Rubel? Viele Ökonomen sind skeptisch, dass das Großereignis die russische Wirtschaft spürbar und vor allem dauerhaft ankurbelt. „Das Ereignis ist wirtschaftlich zu klein, um einen nachhaltigen Einfluss auf das Wachstum zu haben“, sagt Gert Wagner vom Berliner DIW-Institut mit Blick auf die künftige Konjunktur.

          Auch die Ratingagentur Moody’s betonte jüngst in einer Studie: „Angesichts der begrenzten Dauer der Fußball-WM und der sehr großen Wirtschaftskraft des Landes sehen wir auf nationaler Ebene nur sehr begrenzte wirtschaftliche Auswirkungen.“

          Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) von Energielieferant Russland war 2015 und 2016 wegen des Verfalls des Ölpreises und der Sanktionen des Westens geschrumpft und erst 2017 wieder um rund 1,5 Prozent gewachsen. Nach Angaben des stellvertretenden Ministerpräsidenten Arkadi Dworkowitsch haben die Vorbereitungen für die WM in den vergangenen fünf Jahren etwa 14 Milliarden Dollar oder rund ein Prozent zum BIP beigetragen. „Ich kann sagen, dass es ohne die WM momentan kein Wirtschaftswachstum geben würde“, erklärte er kürzlich. Stadien wurden gebaut, Flughäfen modernisiert. Aber das sind sozusagen Einmaleffekte.

          Kann Russland den WM-Schub mitnehmen?

          Ökonomen sehen dies ähnlich. „Die russische Wirtschaft kocht auf Sparflamme“, sagt Russland-Experte Carsten Hesse von der Berenberg Bank. Für Schwung sorge der gestiegene Ölpreis. „Sonst wäre es um einiges düsterer.“ Denn außer dem Geschäft mit Öl und Gas laufe vieles nicht so rund.

          Notenbankchefin Elvira Nabiullina hatte jüngst betont, Russlands Wirtschaft und Finanzsystem hätten sich der letzten Welle von Sanktionen relativ schnell angepasst. Im April hatten Amerika neue Strafen gegen sieben Oligarchen und größere Firmen verhängt. Die Notenbankchefin hält in den nächsten Jahren ein Wirtschaftswachstum von 1,5 bis 2,0 Prozent pro Jahr für möglich.

          Für höhere Raten muss es laut Nabiullina mehr Strukturreformen geben – etwa bei der Arbeitsproduktivität oder bei privaten Investitionen. „Die Frage ist, inwieweit Russland in der Lage sein wird, die Möglichkeiten der WM zu nutzen, um sein Wachstumspotenzial durch bessere Infrastruktur und bessere weltweite Anerkennung zu steigern“, sagt auch Jaroslaw Lissowolik, Chefökonom der Eurasischen Entwicklungsbank.

          „Geldverschwendung im Interesse der Oberschicht“

          Berenberg-Experte Hesse hält den wirtschaftlichen Effekt bei Sport-Großveranstaltungen wie Olympia oder einer Fußball-WM allgemein für überschätzt. In Russland hätten vor allem Bauunternehmer profitiert, die oft Präsident Wladimir Putin nahestünden. DIW-Experte Wagner schlägt in die gleiche Kerbe. „Das Geld kann nur einmal ausgegeben werden.“

          Die Erfahrungen der Weltmeisterschaften 2010 in Südafrika und 2014 in Brasilien hätten gezeigt, dass das Geld besser – weil nachhaltiger – angelegt sei in Investitionen in die Infrastruktur. „Ein neues Stadion, das nach der WM kaum genutzt wird, ist schlichte Geldverschwendung im Interesse der Oberschicht.“

          Sicherheitsbedenken schaden Public Viewing

          Hierzulande versetzt die Fußball Weltmeisterschaft in Russland die Deutschen indes deutlich stärker in Kauflaune als die zurückliegende WM in Brasilien. Gut die Hälfte der Bundesbürger ist bereit, für Fan-Artikel in die Tasche zu greifen, wie aus einer am Donnerstag veröffentlichten Umfrage der Universität Hohenheim hervorgeht. Im Schnitt seien die Fans bereit, 22,75 Euro für WM-Devotionalien wie Trikots, Fahnen und Co. hinzulegen. Während der Brasilien-WM 2014 waren es noch 11,26 Euro.

          „Das Geld sitzt also doppelt so locker“, erklärte Benjamin Zimmermann, Co-Leiter der Studie. Begehrt sind demnach vor allem Klassiker der
          Fan-Artikel. Ganz oben auf der Liste stehen Trikots der Nationalmannschaft, dahinter folgen Deutschlandfahnen für Hand, Haus oder Auto,
          Kopfbedeckungen, Bälle, Schals und Bier. Als Flop erwiesen sich laut der Umfrage hingen Produkte wie Uhren oder Bettwäsche zur WM.

          Während sich die Kaufstimmung der Fans aufhellt, lohnt sich für Unternehmen das teure Engagement als WM-Sponsor indes immer weniger. „Sponsoring wird zunehmend als übertrieben wahrgenommen“, erklärte Studienleiter Markus Voeth. Zudem verliere das  Sponsoring an Wirkung. Erfolgreich sei hingegen das sogenannte Guerilla-Marketing: „Viele Unternehmen verzichten auf das offizielle Sponsoren-Logo und stellen die Assoziation zur WM genauso erfolgreich über Nationalfarben und Fußball-Accessoires her“, erklärte Voeth.

          Das Interesse am Public Viewing nahm der Umfrage zufolge im Vergleich zur WM 2014 in Brasilien ab. „Ein möglicher Grund könnten Sicherheitsbedenken sein“, erklärte Voeth. So habe die Bedeutung von Sicherheitskontrollen bei der öffentlichen Spiele-Übertragung in der Einschätzung der Befragten „leicht zugenommen“. Favorit bleibe  – wie auch schon vor vier Jahren –  die Live-Berichterstattung am heimischen Fernsehgerät. Für die WM-Studie 2018 der Universität Hohenheim wurden zwischen dem 1. und 20. Mai repräsentativ 1000 Menschen online befragt.

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