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Geldpolitik : Kann Amerikas Notenbank die Inflation noch zügeln?

Unter Druck: Jerome Powell Bild: dpa

Die US-Notenbank Fed sucht verzweifelt den goldenen Mittelweg: Die Inflation soll gebremst werden, ohne dabei die Wirtschaft zu ersticken. Wenn das mal gutgeht. Fed-Chef Jerome Powell ist gefordert.

          3 Min.

          Obwohl die jüngsten amerikanischen Inflationskennziffern so hoch ausgefallen sind wie seit 40 Jahren nicht, ist ein Ende des Anstiegs nicht zu erwarten. Der von der Fed bevorzugte Verbraucherpreisindex PCE wies im Januar einen Zuwachs um 5,2 Prozent aus (6,1 Prozent mit Lebensmittel- und Energiepreisen), der frischere CPI im Februar eine Steigerung übers ganze Jahr von 6,4 Prozent. Rechnet man die schwankenden Preise für Lebensmittel und Energie mit hinein, dann kratzte die Inflationsrate im Februar an der 8-Prozent-Marke. Dass der Trend nach oben ungebrochen scheint, zeigt der am Dienstag veröffentlichte Erzeugerpreis-index, der binnen eines Jahres um 10 Prozent kletterte. Energie war der wichtigste Preistreiber schon vor dem russischen Überfall.

          Winand von Petersdorff-Campen
          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Der Krieg in der Ukraine droht die Preise für Rohstoffe nun weiter nach oben zu treiben. „Der Russland-Ukraine-Krieg richtet auf den Energie- und Rohstoffmärkten verheerende Schäden an“, schreiben die Analysten von Oxford Economics. Höhere Inputkosten werden nach ihrer Erwartung die Erzeugerpreise frustrierend hoch halten und die Gewinnspannen drücken. Die Konsequenz daraus lautet für die kommenden Monate: höhere Verbraucherpreise, bis die Kriegsspannungen nachlassen und die Güternachfrage sich beruhigt.

          Chinas Sinovac-Kurs rächt sich

          Die Lage wird zusätzlich getrübt durch Chinas offenkundig gescheiterte Corona-Politik: Behörden verhängten am Sonntag einen Lockdown über die Industrie- und Technologie-Hochburg Shenzhen, die unter anderem einen der wichtigsten Containerfrachthäfen der Welt betreibt. In weiteren Provinzen versuchen die Behörden, mit Restriktionen die rapide Ausbreitung des Coronavirus zu stoppen. Schon im Dezember hatte der Ökonom Olivier Blanchard gewarnt: Wenn sich herausstelle, dass der chinesische Impfstoff Sinovac nicht gegen die Omikron-Variante wirke, seien 1,4 Milliarden Chinesen nicht immunisiert. Das pessimistische Szenario wurde im Januar durch Studien bestätigt. Das würde gravierende Folgen für die Weltwirtschaft haben, weil Chinas Zero-Covid-Politik Lockdowns vorsieht, warnte der Altmeister der Ökonomie damals. Die jüngste Entwicklung gibt ihm recht. Volkswagen und Toyota haben ihre Produktion vorübergehend gestoppt in Fabriken im Großraum Shenzhen mit potentiellen Konsequenzen für die Preise. Bei Apple-Zulieferer Foxconn läuft der Betrieb teilweise wieder an.

          Eines der Probleme ist, dass die Experten einschließlich der Zentralbanker mit ihren Inflationsprognosen inzwischen der realen Entwicklung hinterherzuhecheln pflegen, nachdem sie jahrelang leicht höhere Preissteigerungen prognostiziert hatten als jene, die sich dann tatsächlich einstellten. Die Mitte Dezember veröffentlichte Fed-Projektion sah im Mittel für dieses Jahr eine Inflationsrate von 2,7 Prozent vor. Das schien schon vor dem Ukrainekonflikt schwer zu erreichen zu sein, wie die Inflationskennzahlen von Januar und Februar deutlich machten. Selbst die Probleme in China hätte man damals schon ahnen und damit in die Prognose einarbeiten können.

          Wilder Flug, sanfte Landung?

          Wenn man Schwächen in der Prognosekraft mit der neuen Geldpolitik kombiniert, die Inflation nicht mehr präventiv bekämpft, sondern Überschreitungen des Inflationsziels bewusst toleriert, wird die Steuerung schwierig. Fed-Chef Jerome Powell räumte bereits ein, man hätte früher handeln sollen. Er signalisierte nun den Beginn der Zinswende in 0,25-Prozentpunkt-Schritten. Es wäre der erste Anstieg seit 2018. Einige seiner Kollegen hatten mit einem 0,5-Prozentpunkt-Schritt geliebäugelt. Der erste Schritt dürfte nach der Sitzung des Offen-Markt-Ausschusses am Mittwoch verkündet werden mit weiteren im Jahresverlauf.

          Die bange Frage lautet nun, ob die Fed noch eine sanfte Landung hinbekommt: Der Ökonom Alan Blinder hat neun Perioden seit 1965 untersucht, in denen die Federal Reserve die Geldpolitik gestrafft hat. In sechs Fällen davon gelang eine einigermaßen sanfte Landung, in drei Fällen dagegen nicht. Daraus könnte man Optimismus ziehen. Blanchard allerdings ist pessimistisch. Er glaubt, dass die von Blinder untersuchten Zeitspannen überwiegend kaum Prognosekraft für die aktuelle Lage haben – mit einer Ausnahme: die Zeitspanne, die in den frühen Achtzigerjahren zu der radikalen Straffung der Geldpolitik durch den damaligen Fed-Chef Paul Volcker führte. Eine Rezession mit einer Arbeitslosenquote von über 11 Prozent zur Spitzenzeit war die Folge.

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