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Technologie-Kommentar : Weckruf für die Weltverbesserer

An vorderster Front: Apple-Chef Tim Cook bei der Präsentation eines neues iPads für Schulen Bild: AFP

Die Tech-Szene hat es lange verstanden, trotz ihrer wachsenden Macht ein freundliches Gesicht zu bewahren. Jetzt aber sieht sie sich in der Defensive. Kann die Vorzeigebranche ihren eigenen Ansprüchen gerecht werden?

          Welches amerikanische Unternehmen knackt mit seiner Marktkapitalisierung zuerst die Billionen-Dollar-Marke? Das ist seit geraumer Zeit ein beliebtes Ratespiel an der Wall Street. Der Elektronikkonzern Apple gilt als heißer Kandidat, diesen Meilenstein zu erreichen, auch der Online-Händler Amazon wird oft genannt. Jeder geht davon aus, dass es sich um ein Unternehmen aus der Technologieindustrie handeln wird, und die Vermutung liegt ja auch nahe. Apple, Amazon, Facebook und die Google-Holding Alphabet erobern ein immer größeres Gewicht im Börsenindex S&P 500.

          In keiner anderen Industrie spielen die Vereinigten Staaten eine ähnlich tonangebende Rolle. Und verglichen etwa mit Wall-Street-Banken, hat es die Tech-Szene lange verstanden, trotz ihrer wachsenden Macht ein freundliches Gesicht zu bewahren. Viele Menschen finden ihre Angebote unwiderstehlich: Sie lieben die schicken Geräte von Apple, schätzen den billigen und bequemen Einkauf auf Amazon und machen reichlich von den Gratisdiensten Gebrauch, die ihnen Google und Facebook liefern. Und weil im Silicon Valley keine Herausforderung als zu groß gilt, beschränkt man sich hier nicht auf nützliche Dinge für den digitalen Alltag, sondern will auch an vorderster Front mitmischen, wenn es darum geht, Krankheiten zu besiegen oder Verkehrsunfälle zu verhindern.

          Verfehlungen und Druck von außen

          Jetzt aber sieht sich die Vorzeigebranche in der Defensive und muss sich mehr als vielleicht je zuvor fragen lassen, ob sie ihren eigenen Ansprüchen gerecht werden kann. Das von ihr kultivierte Selbstverständnis als Weltverbesserer ist mehrfach erschüttert worden. Die Affäre um den Missbrauch von Facebook-Daten hat die Menschen unsanft an die dunklen Seiten von sozialen Netzwerken erinnert. Ein tödlicher Unfall mit einem selbstfahrenden Auto des Chauffeurdienstes Uber hat eine Debatte um die Zuverlässigkeit autonomer Fahrtechnik entfacht. Nachdem schon diese Geschehnisse die Kurse von Tech-Aktien belasteten, schürte der amerikanische Präsident Donald Trump mit einer Serie von Attacken auf Amazon die Unruhe weiter. Die großen Technologiekonzerne, die bis vor kurzem die Lieblinge der Finanzmärkte waren, haben jetzt in wenigen Wochen zusammen mehrere hundert Milliarden Dollar an Börsenwert verloren. Die schlechte Stimmung hat auch Unternehmen wie Apple erfasst, die nicht direkt von den Negativschlagzeilen betroffen sind.

          Für die Branche sind eigene Verfehlungen und Druck von außen zusammengekommen. Ohne Zweifel ist das politische Umfeld rauher. Trump steht der verarbeitenden Industrie näher als dem Silicon Valley, und seine Angriffe auf Amazon haben weniger mit Sachargumenten zu tun als mit seinem Ärger über die „Washington Post“, die Jeff Bezos gehört, dem Gründer des Online-Händlers.

          Ein Armutszeugnis für Facebook

          Allerdings muss Facebook die Verantwortung für den jüngsten Datenskandal in hohem Maß bei sich selbst suchen, auch wenn das Unternehmen sich als Opfer hinstellt. Ähnlich wie es zu langsam gegen Hasskommentare auf seiner Plattform vorging, tut es auch seit Jahren viel zu wenig für den Schutz von Nutzerdaten. Dass der dubiose britische Datenspezialist Cambridge Analytica mit einem recht einfachen Kniff an Informationen von Millionen Facebook-Mitgliedern kommen konnte, passt ins Bild. Es ist zudem ein Armutszeugnis, wie oft Facebook nun schon von Akteuren mit politischen Interessen ausgetrickst wurde. Vor dem jüngsten Skandal kam das soziale Netzwerk schon durch Manipulationen russischen Ursprungs in Verlegenheit. Auch Uber steht nach dem verhängnisvollen Unfall in keinem guten Licht da. Polizeivideos wecken erhebliche Zweifel, ob die Technik des Fahrdienstes reif für den Einsatz auf öffentlichen Straßen war.

          Die Technologiebranche kann sich noch auf einige unruhige Wochen und Monate gefasst machen. Facebook-Chef Mark Zuckerberg wird wohl bald vor dem Kongress aussagen, ihn dürfte ein feindseliges Publikum erwarten. Bestimmt werden die Diskussionen über mehr Regulierung auch in Amerika zunehmen, ob mit Blick auf die Marktmacht der Internetkonzerne, den Datenschutz in sozialen Netzwerken oder Tests von Roboterautos. Ob es zu ähnlichen Eingriffen in das Geschäft der Branche wie in Europa kommen wird, ist aber ungewiss. Trump verfolgt einen Deregulierungskurs, und er hat bislang keinerlei Interesse an der Facebook-Affäre gezeigt. Und die Branche hat zwar derzeit in beiden politischen Lagern Gegner, aber aus verschiedenen Gründen, was eine gemeinsame Regulierungslinie fraglich erscheinen lässt.

          Es ist daher gut vorstellbar, dass sich der momentane Gegenwind für die Technologiebranche als vorübergehendes Phänomen entpuppt. Vielleicht wird sich die Stimmung an den Finanzmärkten schon in den nächsten Wochen wieder aufhellen, wenn die Unternehmen gute Geschäftszahlen vorlegen. Und am Zukunftspotential der Technologien, die aus dem Silicon Valley kommen, hat sich nichts geändert. Trotzdem sind die Debakel ein Weckruf. Sie haben Sympathien gekostet, die es zurückzugewinnen gilt. Denn sie vermitteln das Bild einer Branche, die ihre Interessen ohne Rücksicht auf Verluste verfolgt.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

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