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Handelsstreit : Trumps Gegenspielerin

Die kanadische Außenministerin Chrystia Freeland begann ihr Leben auf einer ländlichen Farm – inzwischen kann sie eine internationale Karriere und ein millionenschweres Haus ihr Eigen nennen. Bild: EPA

Die ehemalige Journalistin und heutige kanadische Außenministerin Chrystia Freeland läuft zu großer Form auf. Sie bietet nun dem amerikanischen Präsidenten die Stirn.

          Knapp fünf Wochen lang war Kanadas Außenministerin Chrystia Freeland dazu verurteilt, an der Seitenlinie zu verharren und nur zuzusehen, wie sich die Unterhändler der Vereinigten Staaten und Mexikos auf Grundzüge eines neuen Freihandelsabkommens verständigten. Doch seit einigen Tagen ist Freeland in Washington und verhandelt selbst unter großem Zeitdruck. Die Intensität der Gespräche sei extrem. Sie glaube allerdings an die Gutwilligkeit der Amerikaner. Man kenne die gegenseitigen Positionen sehr gut und suche nach Kompromissen, die vorteilhaft für alle Seiten seien. Am heutigen Freitag noch könnte eine Handschlag-Vereinbarung gefunden werden, signalisieren alle Seiten.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Freeland müsste Präsident Donald Trump dankbar sein. In den vergangenen Jahrzehnten waren kanadische Außenminister selbst unter politisch Interessierten etwa so bekannt wie Ersatzspieler von Arminia Bielefeld unter Fußballfreunden. Dann trat Trump ins Bild und lieferte mit seiner „Amerika zuerst“-Perspektive der Außenministerin die Möglichkeit, ihr Land als Hort der regelbasierten Multilateralität, des Freihandels und des Rechts darzustellen. Mit dem Wort kann Freeland, die langjährige Journalistin, umgehen. Sie hat mit einer Rede im Parlament zur Außenpolitik Kanadas in der Ära Trump das politische Establishment ihres Landes in Verzückung gebracht und trat aus dem Schatten heraus, den ihr Chef, Kanadas Ministerpräsident Justin Trudeau warf.

          Freeland konnte schon als Verantwortliche für Internationalen Handel Erfolge verbuchen

          Verstört durch die isolationistische Performance des amerikanischen Präsidenten kürten die Anhänger der internationalen Zusammenarbeit Chrystia Freeland schon im Juni zur Diplomatin des Jahres im Rahmen einer Veranstaltung des „oreign-Policy-Magazins. Die Chefin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, hielt die kleine warmherzige Laudatio für „meine Freundin Chrystia“. Da war die Politikerin Freeland kaum ein Jahr Außenministerin. Und mancher fühlte sich an Präsident Barack Obama erinnert, der kaum die Gelegenheit hatte, die Welt zu retten, als 2009 schon der Friedensnobelpreis auf ihn herabfiel.

          Freeland war immerhin vor ihrer Bestellung für den Posten der Außenministerin die zuständige Ministerin für den Internationalen Handel. In dieser Rolle war sie verantwortlich dafür, das Freihandelsabkommen Ceta zwischen Kanada und der Europäischen Union in trockene Tücher zu bekommen. Inzwischen steht die Vereinbarung, ist in Teilen umgesetzt und muss von einer Reihe von EU-Ländern noch abgestimmt werden. Doch der Abschluss gilt als Erfolg und war nicht selbstverständlich. Im Herbst 2016 verließ sie aufgewühlt die Verhandlungen und musste sich daheim fragen lassen, ob die Tränen der Ministerin zeigten, dass sie überfordert sei und der Aufsicht bedürfe. Freundlich gesonnene Kommentatoren schrieben, der emotionale Ausbruch sei Teil einer am Ende erfolgreichen Verhandlungsstrategie gewesen.

          Von der Journalistin zur Außenministerin

          Doch die kleine Frau, die auf einer Farm in Alberta aufwuchs, ist aus härterem Holz geschnitzt, als Kritiker denken und politische Gegner hoffen. Aktuell muss sie sich nicht nur mit einem Nachbarn herumschlagen, der mit seiner Twitter-Diplomatie Freund und Feind in Wallung versetzt. Sie muss mit Saudi-Arabien umgehen, auf dessen barbarische Politik sie ein Schlaglicht geworfen hatte, als sie via Twitter die Freilassung eingekerkerter Menschenrechtlers forderte. Das diktatorische Königreich warf darauf den kanadischen Botschafter heraus, fror den Handel mit Kanada ein, stellte Flüge ein und fordert arabische Studenten in Kanada auf, das Land zu verlassen. Freeland konterte die ungewöhnlich scharfe Reaktion mit dem Satz, Kanada werde immer für Menschenrechte einstehen, „selbst wenn uns gesagt wird, wir sollen uns um unsere eigenen Angelegenheiten kümmern und selbst wenn die Worte Reaktionen provozieren“. Hinter den Kulissen versuchen Deutschland und Großbritannien zu vermitteln.

          Justin Trudeau hatte Freeland 2013 überzeugt, in die Politik zu gehen. Damals lebte sie mit ihrer Familie noch in New York, sie arbeitete als Journalistin in einer Führungsposition für Thomson Reuters nach Stationen bei der „Financial Times“ in Moskau und der „Globe and Mail“ in Toronto. Ihre journalistische Karriere begann, als sie als Austauschstudentin der Harvard-Universität in der Ukraine einem Korrespondenten der „New York Times“ zuarbeitete und für ihn übersetzte. Ihre Mutter war das Kind ukrainischer Eltern und wurde in einem Lager für „Displaced Persons“ in Deutschland geboren. Die Eltern waren vor der Roten Armee geflohen. Nicht umsonst hatte Lagarde formuliert, Freeland trage die internationale Zusammenarbeit in ihren Genen.

          Trudeau war auf Freeland aufmerksam geworden wegen ihres 2012 veröffentlichten Buches, in dem sie den Aufstieg superreicher Plutokraten beschrieb und die damit nach ihrer Ansicht verbundene Aushöhlung der Mittelschicht. In seinem Wahlkampf zitierte Trudeau das Werk regelmäßig. Mit dem kanadischen Regierungschef teilt sie die Extrovertiertheit, Mikrofone machen sie nicht nervös. Sie ist bestens vernetzt, und selbst einige Plutokraten zählt sie nach eigenen Angaben inzwischen zu ihren Freunden. Ihr Haus in New York hatte 1,3 Millionen Dollar gekostet und war damit zum Thema in Wahlkämpfen geworden, die sie erfolgreich ausfocht. Sie werde sich niemals für eine erfolgreiche internationale Karriere entschuldigen, sagt sie mit Stolz. Die 50 Jahre alte Mutter von drei Kindern ist weit gekommen für ein Farm-Kind aus Alberta.

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