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Kampf um die Quote : Was Frauen wollen - und können

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Noch sind Frauen an der Spitze einsam... Bild: mauritius images

Sind Frauen gute Manager? Und wollen sie überhaupt führen? Die Forschung antwortet: Geschäftserfolg ist oft weiblich. Und an Ehrgeiz mangelt es den Frauen auch nicht.

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          Gerade hat es wieder eine ganz nach oben geschafft: Die gebürtige Spanierin Milagros Caiña-Andree wird im Juli als erste Frau in den Vorstand von BMW aufsteigen. Die Personalie wurde am Weltfrauentag verkündet - und platzt in die hitzige Debatte um gesetzliche Frauenquoten.

          EU-Justizkommissarin Viviane Reding will die Quote für Europa, Arbeitsministerin Ursula von der Leyen für Deutschland. Und kürzlich haben 350 Journalistinnen einen Appell für die Frauenquote in den Medien lanciert. Gegenstimmen aus Wirtschaft wie Politik ließen nicht auf sich warten.

          Durch beide Lager verlaufen zwei Argumentationslinien: Die Verfechter der Quote haben gelernt, dass Argumente wie Menschenrechte und Chancengleichheit nicht ziehen. Also lautet die Botschaft: Frauen zahlen sich aus. „Auf das weibliche Talent zu verzichten, das wäre der Tod unserer Unternehmen“, sagt Reding. Von der Leyen sagt: „Es gibt handfeste betriebswirtschaftliche Gründe für einen angemessenen Anteil an Frauen in Führungspositionen.“

          Sind Frauen an der Spitze, geht es dem Unternehmen besser

          Umso lieber argumentiert die Gegenseite mit der Psychologie: „Frauen wollen gar nicht führen“, heißt es. „Sie flüchten in weiche Berufe oder an den Herd.“

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          Zu beiden Fragen hat die Forschung in jüngster Zeit überraschende Ergebnisse hervorgebracht. Die Frage, ob Frauen in Aufsichtsräten sich auszahlen, hat jüngst das australisch-britische Forscherduo Renee Adams und Daniel Ferreira erforscht. Ihr Fazit: Aufsichtsrätinnen haben einen „signifikanten Einfluss“ - einen positiven, wohlgemerkt. Frauen folgten öfter und aufmerksamer den Sitzungen des Kontrollgremiums und disziplinierten auch die männlichen Kollegen. Der Effekt: Aufsichtsräte würden „effektiver“ und „strenger“. Allerdings, schränken die Forscher ein, nutze dies vor allem Firmen mit bisher lascher Führungskultur.

          Umfangreicher ist die Datenlage zu Frauen in operativer Rolle in den Vorständen. Fast alle Studien kommen zum selben Ergebnis: Sind Frauen an der Spitze, geht es dem Unternehmen besser. Den Anfang machte 2007 die Beratungsfirma McKinsey, die meldete, dass gemischte Führungsteams den Firmenerfolg beflügeln. Eine Partnerin der Beratung - heute sitzt sie im Vorstand der Telekom - hatte Daten von knapp 90 kleineren und mittelgroßen Unternehmen ausgewertet. „Firmen mit drei oder mehr Frauen im obersten Management schneiden in allen relevanten Kategorien besser ab“, urteilte sie. „Sie sind zielstrebiger, führungsstärker, koordinierter, kontrollierter, innovativer, motivierter.“

          „Leaderfrauen agieren wie Männer.“

          Das klingt nach Werbebroschüre. Doch auch die Auswertung der Finanzzahlen ergab: Ist eine kritische weibliche Masse im Vorstand erreicht (30 Prozent), lieferten Firmen eine „signifikant bessere Leistung“ ab als Konkurrenten ihres Sektors: Eigenkapitalrentabilität, Ergebnis und Aktienkursanstieg waren im Schnitt bis zu 50 Prozent höher als in reinen Männerfirmen.

          Auch den 300 größten börsennotierten Unternehmen Europas mit gemischten Vorständen attestiert eine frische Studie von Ernst & Young eine „bessere Performance in allen Bereichen“. Firmen mit weiblichen Vorständen im Zeitraum 2005 bis 2010 stünden bei allen Kennziffern besser da als solche ohne Chefinnen. Umsatz und Gewinn waren viel besser als bei der Konkurrenz. Aber, so schränkte schon McKinsey ein: Eine Monokausalität zwischen Frau und Erfolg ist nicht erwiesen, nur ein statistischer Zusammenhang. Zumal mit wenigen deutschen und kaum mehr europäischen Vorstandsfrauen die statistische Grundgesamtheit klein ist.

          Klar ist indes: Spitzenfrauen schaden ihren Firmen keinesfalls. Die Chancen stehen bestens, dass sie Aktionären Freude bereiten. Das untermauert eine Studie der österreichischen Forscherin Christine Zulehner, die Daten 30.000 österreichischer Firmen von ihrer Gründung Ende der siebziger Jahre bis Anfang dieses Jahrtausends auswertete. Ihr Fazit: „Betriebe mit weiblichen Chefs sind in der Gründungsphase robuster und dann langlebiger.“ Sie wüchsen keinesfalls langsamer als rein männliche Gründungen. Trotzdem traut der Markt Frauen weniger zu, fand Zulehner heraus: „Kommen Frauen in Krisen an die Spitze, sinkt der Aktienkurs stärker als bei Männern.“ Offensichtlich deuteten die Märkte dies als besonderes Alarmsignal. So viel zum Führen-Können. Und das Führen-Wollen? Hierzu haben Renee Adams und Patricia Funk 2011 geforscht. Fazit: Weibliche Spitzenkräfte seien zwar gutmütiger und weniger auf Machterhalt aus als Männer. Doch sie hingen auch weniger an Tradition und Sicherheit, seien sogar risikofreudiger. Das überrascht, zeichnen ältere Studien Frauen doch als risiko- und konkurrenzscheu. „Die betrafen durchweg Studentinnen“, kritisiert Adams. „Leaderfrauen sind anders. Sie agieren wie Männer.“

          Externe Faktoren zwingen Frauen zur Wahl

          Tatsächlich betrifft auch die deutsche Forschung oft junge Frauen, die noch nicht viel Büroluft geschnuppert haben. 17 bis 19 und 27 bis 29 Jahre waren die Frauen jung, die Frauenforscherin Jutta Allmendinger vom Wissenschaftszentrum Berlin vor vier Jahren befragte. Aber das Ergebnis war eindeutig: Frauen dieser Altersgruppe wollen alles: Karriere, gutes Geld, Kinder.

          Auch die Ökonominnen Angelika Kümmerling und Dorothée Dickenberger von der Uni Mannheim fanden 2001 heraus: Weibliche Studenten sind sogar ehrgeiziger und zielstrebiger als die männlichen Kommilitonen. Sie seien eher bereit, für ihre Karriere umzuziehen, auf Hobbys zu verzichten und mit dem Partner zu streiten. Auch eine Umfrage der TU Berlin von 2011 unter 300 Führungskräften beider Geschlechter ergab, dass Frauen sich mehr als Männer um Selbstmarketing im Job bemühten.

          Doch sind Kinder da, arbeiten viele Frauen Teilzeit oder wechseln auf wenig aussichtsreiche Stellen - ist ihnen die Lust auf den Aufstieg vergangen? Keinesfalls, zeigt eine Studie der Frankfurter BWL-Professorin Regine Graml von 2010. 1800 berufstätige Mütter hat sie über ihre Prioritäten befragt. 42∙Prozent hielten Job und Familie für gleichrangig, 56 gaben der Familie einen Vorzug. Aber 70 Prozent bewerteten ihre Schwangerschaft als Karriereknick - fast 40∙Prozent sagten, ihnen sei eine Beförderung entgangen, jede Zweite beklagt eine entgangene Gehaltserhöhung. Von Flucht vor dem Job keine Rede. Frauen stünden vor der „Vereinbarkeitsfalle“, so Graml. Erst externe Faktoren wie mangelnde Betreuung und die doppelte Last von Haushalt und Job zwängen sie zur Wahl. Das bestätigt eine Studie von Marianne Bertrand der Chicagoer Booth School of Business. Frauen seien zum „trade-off“, zur Wahl zwischen Karriere und Kind gezwungen. Sie schreibt: „Der Aufstieg der Männer hat nichts mit dem Familienstand zu tun.“

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