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Lagarde-Nachfolge : Kampf um den Chefposten beim Weltwährungsfonds

Christine Lagarde auf einem älteren Foto im Gespräch mit Blackrock-Gründer Larry Fink Bild: Reuters

Die Entscheidung über die Nachfolge von Christine Lagarde steht Spitz auf Knopf. Die EU braucht zwei Abstimmungen, um einen Nachfolger zu bestimmen. Paris und Berlin sind uneins.

          So sehen schwere Geburten aus: Einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin für Christine Lagarde an der Spitze des Internationalen Währungsfonds (IWF) zu finden, gestaltet sich als kompliziert. Bis zum späten Freitagnachmittag hatten sich die 28 europäischen Finanzminister nicht auf einen Kandidaten einigen können. Der französische Finanzminister Bruno Le Maire, der den Auswahlprozess organisierte, hoffte auf eine Entscheidung bis zum Abend. Doch das konnte das Tauziehen um die geeignete Person nicht verdecken.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Vor der zweiten Abstimmungsrunde waren am Freitagnachmittag noch zwei Personen im Rennen: Der ehemalige niederländische Finanzminister und Eurogruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem sowie die bulgarische Geschäftsführerin der Weltbank, Kristalina Georgieva. Am Vortag hatte der amtierende Eurogruppen-Chef und portugiesische Finanzminister Mario Centeno das Handtuch geworfen – „um zu helfen, einen Konsens zu finden“, wie er mitteilte.

          Am Freitagmorgen zog die spanische Wirtschaftsministerin Nadia Calvino mit der gleichen Begründung nach, und am Nachmittag folgte der finnische Notenbankgouverneur Olli Rehn: „Es handelt sich um eine außergewöhnlich bedeutende und motivierende Aufgabe,  doch ich ziehe meinen Namen zurück, damit wir breite Zustimmung in Europa und weltweit für einen europäischen Kandidaten bekommen können“, teilte Rehn auf Twitter mit.

          Das französische Finanzministerium hatte die Nennung neuer Kandidaten bis zum Donnerstagabend befristet, um vor allem den Briten noch mal eine Chance zu geben. Doch von ihnen kam kein neuer Vorschlag mehr. Die zuvor genannten britischen Kandidaten – der ehemalige Finanzminister George Osborne und der britische Notenbankgouverneur Mark Carney – fanden nicht genügend Unterstützung. Allerdings kam aus britischen Regierungskreisen auch Kritik an dem Vorgehen. Die Briten könnten auch zu einem späteren Zeitpunkt noch einen Kandidaten vorlegen, hieß es in London, was die Spannungen verstärkte. Die IWF-Mitgliedsländer können bis zum 6. September Kandidaten nominieren.

          Ursprünglich wollten die Europäer indes schon bis Ende Juli sich auf einen Kandidaten geeinigt haben. Das misslang und schwächte damit ihre traditionellen Anspruchsrechte auf die IWF-Führung. Der Posten des geschäftsführenden IWF-Direktors wird seit Gründung der Bretton Woods-Institutionen von den europäischen Regierungen besetzt, während die Vereinigten Staaten den Zugriff auf die Weltbank-Spitze haben. Zunehmend sorgen diese Erbhöfe für Unmut bei den Schwellenländern, doch die Europäer wollen sich das Heft bisher genauso wenig aus der Hand nehmen lassen wie die Amerikaner.

          Die Konfrontationen innerhalb Europas war schon allein am Verfahren abzulesen: Erstmals mussten die 28 EU-Finanzminister zu zwei Abstimmungen greifen, nachdem sie sich in der Vergangenheit meistens im Konsens einigen konnten. Abgestimmt wurde nach den EU-Verfahrensweisen, die eine doppelte Mehrheit erfordern: Die Zustimmung von 16 Staaten, die gleichzeitig mindestens 65 Prozent der Bevölkerung repräsentieren. Auf dem G7-Treffen der Finanzminister und Notenbankgouverneure in Chantilly bei Paris war der französische Gastgeber, Le Maire, mit dem Prozess der Konsensfindung beauftragt worden. Finnland, das derzeit die EU-Präsidentschaft innehat, wollte sich raushalten, weil der Landsmann Rehn zu den Kandidaten gehörte.

          Le Maire betonte immer wieder, dass er sich eng mit seinem deutschen Amtskollegen Olaf Scholz abstimmte. Dennoch misslang die traditionelle Konsensfindung, bei der die französische Seite früher mit Überzeugungskraft auf die europäischen Südstaaten einwirken konnte und die Deutschen entsprechend auf die nördlichen Länder. In diplomatischen Kreisen hieß es, dass Berlin stärker auf Dijsselbloem setzte, während Paris die Bulgarin Georgieva bevorzugte. Sie gilt zwischen den Nord- und den Südländern als neutralere Kandidatin, doch gibt es bei ihr eine weitere Hürde: Sie hat mit ihren bald 66 Jahren die Altersgrenze von 65 Jahre für den IWF-Chefposten überschritten.

          Dies würde eine Erhöhung der Altersgrenze im breiten Kreis der IWF-Mitglieder erfordern. Dijsselbloem widerum verfügt nur über geringe Sympathiewerte in Spanien, Italien und Portugal, nicht zuletzt weil er sich abfällig über die laxe Haushaltsführung in einigen dieser Länder geäußert hatte. 2017 hatte er mit Bezug auf den europäischen  Stabilitätspakt gesagt: „Ich kann nicht mein ganzes Geld für Schnaps und Frauen ausgeben und anschließend Sie um Ihre Unterstützung bitten. Dieses Prinzip gilt auf persönlicher, lokaler, nationaler und eben auch auf europäischer Ebene.“

           Wie auch schon vor der zweiten Amtszeit von Lagarde haben auch diesmal aufstrebende Schwellenländer Ansprüche angemeldet. Unter anderem wurde der ägyptisch-amerikanische Ökonomen Mohamed El-Erian genannt, der ein Berater des Allianz-Konzerns ist und an der Universität Cambridge lehrt.

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