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Kommentar : Auslese der Banken

Düstere Zeiten: Sollte die EZB den Strafzins verschärfen, erwarten Fachleute einen Gewinnrückgang der Banken um bis zu 10 Prozent. Bild: Helmut Fricke

Die Banken kämpfen mit Altlasten – viele Wunden aus der Finanzkrise sind noch nicht verheilt. Zugleich stehen sie vor neuen Herausforderungen. Steht eine neue Krise bevor?

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          Befinden wir uns schon wieder in einer Bankenkrise? So fragen sich gegenwärtig viele, die besorgt auf die Deutsche Bank und die deutlichen Kursverluste der Bankaktien in der ganzen Welt blicken. Auf die Frage gibt es eine Antwort: Wir befinden uns noch immer in der Bankenkrise. Die jüngsten Zweifel an den Banken sind eng verknüpft mit der Finanzkrise, die im September 2008 mit dem Zusammenbruch der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers eskaliert war.

          Die erste Phase mit strengerer Aufsicht, höheren Sicherheitspuffern der Banken und größerer Haftung der Investoren ist fast abgeschlossen. Daran schließt sich die zweite Phase an: die Auslese der Banken. Die Ertragsmöglichkeiten schmelzen dahin, weil die aufgeblähten Bilanzen schrumpfen müssen. Die niedrigen Zinsen verschärfen die Nöte. Um den kleiner werdenden Kuchen scharen sich zu viele Institute. Die Konsolidierung ist nicht aufzuhalten.

          Mit Stresstests Vertrauen schaffen

          Das trifft einige Banken zu einem Zeitpunkt, an dem sie längst nicht alle Risiken aus ihren Bilanzen gekehrt haben. Die italienischen Banken sitzen auf faulen Krediten von mehr als 200 Milliarden Euro und benötigen dafür eine staatlich garantierte Mülldeponie (Bad Bank). Die Risiken der Deutschen Bank sind überwiegend auf die Zeit vor der Finanzkrise zurückzuführen. Da sind zum einen die vielen Rechtsstreitigkeiten, weiterhin drohen Milliardenstrafen. Zum anderen liegen in der konzerninternen Bad Bank Risikopositionen aus verlustreichen Wertpapieren, die mit 34 Milliarden Euro um 12 Milliarden über dem aktuellen Börsenwert liegen. Auch die Deutsche Bank gehört zu den Banken, deren Wunden aus der Finanzkrise noch nicht verheilt sind. Das macht sie anfällig für Vertrauenskrisen.

          Vertrauen wollen die Aufseher mit strengen Kapitalanforderungen und Stresstests schaffen. Doch die Stresstests wecken neue Zweifel, wenn sie wie in den italienischen Banken nicht alle Risiken aufdecken. Darüber hinaus schmälern die größeren Verlustpuffer die Profitabilität vieler Kapitalmarktgeschäfte wie etwa des Anleihehandels. Wohin die Reise geht, zeigte vor wenigen Wochen der niederländische Notenbankpräsident Klaas Knot auf: Banken, die zweistellige Eigenkapitalrenditen erzielten, weckten den Verdacht der Aufseher, unangemessen hohe Risiken einzugehen. Knot hält einstellige Renditen für angemessen. Der frühere Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann würde mit seinem Renditeziel von 25 Prozent heute eine Sonderprüfung der Aufseher provozieren.

          Die strengeren Vorgaben der Aufsicht führen auf Dauer dazu, dass die Banken deutlich weniger verdienen werden als vor der Finanzkrise. Die Branche befindet sich in einem Ausleseprozess. Banken sind nicht mehr Treiber, sondern Getriebene. Damit begründen Personalberater, warum führende Bankmanager sich umorientieren. Ein prominentes Beispiel ist Commerzbank-Chef Martin Blessing, der in diesem Jahr aufhören wird und sich seine berufliche Zukunft offenhält. Die engeren Leitplanken der Aufseher schränken die unternehmerische Freiheit in den Banken ein.

          Fachleute erwarten Gewinnrückgang um bis zu 10 Prozent

          Die Anleger bewerten die Bankaktien aber auch deshalb vorsichtiger, weil sie einen Einbruch des Wachstums der Weltwirtschaft befürchten. Eine Rezession erhöht die Kreditausfälle und belastet die Banken. Aber viel entscheidender ist die Geldpolitik: Die Notenbanken werden die sehr niedrigen Zinsen noch über einen längeren Zeitraum beibehalten. Die negativen Zinsen breiten sich aus. Die Europäische Zentralbank, die Schweizerische Nationalbank und die Bank von Japan haben sie schon eingeführt. Das bedroht die mittelfristige Ertragskraft der Banken, die Zinsmargen schrumpfen deutlich. Sollte die EZB den Strafzins verschärfen, erwarten die Fachleute von Morgan Stanley einen Gewinnrückgang der Banken um bis zu 10 Prozent.

          Die Niedrigstzinsen werden in den kommenden Jahren vollständig auf die Bankbilanzen durchschlagen. Das wird auch Sparkassen oder Volks- und Raiffeisenbanken zu scharfen Sparmaßnahmen zwingen. Filialen werden schließen, eine weitere Konsolidierung ist unvermeidlich. Die EZB wird die Zombie-Banken im Süden Europas nicht ewig künstlich am Leben halten können. Aber auch andere wie die Deutsche Bank oder die Landesbanken müssen ein dauerhaft tragfähiges Geschäftsmodell finden. In diesen schweren Zeiten steht die Branche zusätzlich vor ihrer größten technologischen Herausforderung, den Übergang in die digitale Welt zu schaffen. Das erfordert enorme Investitionen.

          Gleichzeitig müssen die Banken eine Antwort auf neue Wettbewerber finden. Die Fintechs arbeiten als junge Internetunternehmen mit geringen Kosten. Sie erkennen die Bedürfnisse der Smartphone-Generation rascher, als es die Großbanken mit ihren bürokratischen Entscheidungswegen können. Das ist schon deutlich zu spüren – nicht nur im Zahlungsverkehr.

          Banken müssen sich von dem Anspruch verabschieden, alles für alle zu sein. Sie müssen ihre Stärken kennen und ausbauen. Nur dann werden sie den Ausleseprozess überstehen.

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