https://www.faz.net/-gqe-9xj58

Amerikanische Notenbank : Die dramatische Intervention der Fed

Jerome Powell Bild: AP

In einer Sondersitzung senkt die amerikanische Zentralbank die Leitzinsen nahe Null und kündigt als Reaktion auf die wirtschaftlichen Folgen des Coronavirus große Anleihekaufprogramme an. Damit soll das Schlimmste abgewendet werden.

          3 Min.

          Die Federal Reserve hat am Sonntagabend in Reaktion auf das Corona-Virus drastische Maßnahmen angekündigt, um eine schwere Wirtschaftskrise abzuwenden und den für die globale Finanzstabilität zentralen Finanzmarkt für amerikanische Staatsanleihen vor Liquiditätsengpässen zu bewahren. Mit Leitzinsen nahe null, einem umfangreichen Anleihekaufprogramm und lockeren Kreditbedingungen soll das Schlimmste abgewendet werden.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Die Zentralbanker hatte angesichts der dramatischen Entwicklung der Pandemie in den Vereinigten Staaten und schweren Eruptionen an den Finanzmärkten ihre turnusgemäße März-Sitzung aufs Wochenende vorverlegt. Fed-Chef Jerome Powell fürchtete, Liquiditätsprobleme am Markt für amerikanische Staatsanleihen und für Hypothekenpapiere könnten überschwappen und die Kreditvergabe generell gefährden. Diese Märkte bildeten das Fundament des globalen Finanzsystems. „Wenn sie nicht funktionieren, dann wirkt sich das auf andere Märkte aus“, warnte Powell auf einer die Fed-Sitzung anschließenden Telefonkonferenz. Die Fed hatte vor dem Wochenende mehrere unkonventionelle Schritte unternommen, um die Märkte zu beruhigen, ohne den gewünschten Erfolg.

          Staatsanleihen für mindestens eine halbe Billion Dollar

          Gleich ein ganzes Bündel an Maßnahmen soll die Kreditvergabe nun in Schwung zu halten: Die Fed senkte den Leitzins um einen ganzen Prozentpunkt in die Bandbreite zwischen 0 und 0,25 Prozent und verband die Senkung mit der Ankündigung, die Leitzinsen solange auf dem Niveau zu belassen, bis die Wirtschaft die Krise überstanden habe und auf dem Weg zur Vollbeschäftigung bei zwei Prozent Inflation sei.

          F.A.Z.-Newsletter „Coronavirus“

          Die ganze Welt spricht über das Coronavirus. Alle Nachrichten und Analysen über die Ausbreitung und Bekämpfung der Pandemie täglich in Ihrem E-Mail-Postfach.

          Bitte beachten Sie unsere Datenschutzhinweise.

          Zudem kauft die Zentralbank Staatsanleihen für mindestens eine halbe Billion Dollar und Hypothekenanleihen (Mortgage backed securities) für 200 Milliarden Dollar, um die Liquidität in beiden Märkten sicher zu stellen. Um die Kreditvergabe an Unternehmen und Haushalte zu erleichtern hat die Fed zudem Direktkredite an Banken durchs sogenannte Diskontfenster um 1,5 Prozentpunkte verbilligt auf einen Zins von 0,25 Prozent. Hier können sich Banken sehr kurzfristig Geld leihen, wenn sie ihre Finanzierungs-Bedarf nicht kurzfristig durch andere Banken stillen können.

          Die Fed ermuntert überdies die Banken, ihren Eigenkapitalpuffer zu nutzen, um Kredite zu vergeben. Dazu passt die Ankündigung der acht größten Banken der Vereinigten Staaten vom Sonntag, ihre Aktienrückkaufprogramme bis Juni zu stoppen, um stattdessen Privatpersonen und Unternehmen Kredite und Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen. Powell und die Banken wiesen auf die besonders gute Kapitalausstattung der Institute hin, die Kreditvergabe in kritischen Zeiten erlaubten.          

          Fed-Chef sieht noch großen Spielraum

          Zudem befreit die Fed die Banken von Mindestreserve-Auflagen und verabschiedet sich damit von einem klassischen Instrument der Geldpolitik. Dieser Schritt ist ein Ergebnis der vor einem Jahr eingeleiteten Überprüfung der Instrumente der Geldpolitik und wird nun aber schon frühzeitig angekündigt, um die Kreditvergabe zusätzlich zu beflügeln.

          Um Dollar-Geschäfte im Ausland nicht zu gefährden, erneuerte die Fed zusammen mit den größten Zentralbanken inklusive der EZB ein Programm, um Dollar günstig verfügbar zu halten.

          Die Maßnahmen ergänzen Interventionen am Markt für Wertpapierpensionsgeschäfte im Volumen von 1,5 Billionen Dollar in der vergangenen Woche und eine außerordentliche Leitzinssenkung der Woche davor. Die Fed sei bereit, das gesamte Arsenal an Instrumenten zu nutzen, um den Kreditfluss an Haushalte und Unternehmen in Schwung zu halten. Auch nach diesen Maßnahmen sieht Fed-Chef Jerome Powell noch großen Spielraum für geldpolitische Maßnahmen, obwohl der Leitzins nun nahe Null liegt. Vor allem Anleihe-Kaufprogramme und „Forward Guidance“, die Bekanntmachung der geldpolitischen Absichten. Negative Zinsen sieht Powell weiterhin nicht als zielführend an, machte er einer Telefonkonferenz deutlich. Die Fed hat davon abgesehen, eine Konjunkturprognose abzugeben. Zu schwer absehbar seien die Folgen der Pandemie.   

          Am Freitag hat Präsident Donald Trump den Nationalen Notstand ausgerufen, um 50 Milliarden Dollar zur Bekämpfung der   Pandemie und ihrer Folgen loszueisen. Der Kongress verständigte sich offenbar mit der Regierung auf ein Konjunkturpaket, das unter anderem Liquiditätshilfen für kleinere Firmen und Lohnfortzahlung bei Krankheit vor. Der Senat will dem Paket an diesem Montag zustimmen.    

          Weitere Themen

          Daimler schließt Milliarden-Vergleiche in Amerika Video-Seite öffnen

          Dieselskandal : Daimler schließt Milliarden-Vergleiche in Amerika

          Der Autobauer Daimler will in den Vereinigten Staaten mit mehr als zwei Milliarden Dollar Streitigkeiten im Dieselskandal beilegen. Für Vergleiche mit mehreren amerikanischen Behörden werden nach Konzernangaben rund 1,5 Milliarden Dollar fällig, für die Beilegung einer Sammelklage von Verbrauchern etwa 700 Millionen Dollar.

          Die wild Entschlossenen in der EU

          FAZ Plus Artikel: Standpunkt : Die wild Entschlossenen in der EU

          Alle bisherigen Krisen in der EU verliefen in ähnlichen Kurven: Krise, Problemdruck, Lernprozess, Lösung. Warum gelingt es nicht, diese Routine ein weiteres Mal umzusetzen? Unser Autor gibt Antworten.

          Topmeldungen

          Präsident Wladimir Putin nimmt am Freitag von seiner Residenz Nowo-Ogarjowo aus an einer Kabinettssitzung teil.

          Proteste in Belarus : Droht eine Intervention Moskaus?

          Für den Kreml ist die Lage in Belarus ambivalent – das zeigen auch die Reaktionen aus Moskau. Die große Frage ist, was Putin macht, wenn Lukaschenka ernstlich gefährdet ist.
          Ermittlungen: Apotheker und Ärzte werfen dem Angeklagten vor, Verfahren gegen sie aufgebläht zu haben (Symbolbild).

          Frankfurter Korruptionsaffäre : Mediziner erheben schwere Vorwürfe

          In der Korruptionsaffäre um einen Frankfurter Oberstaatsanwalt sollen Ermittlungen nur geführt worden sein, um Geld zu generieren. Das könnte sich noch zu einem weitaus größeren Skandal auswachsen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.